Vor ein paar Wochen schließlich wusste auch Sigi Lehmann, die ewige Optimistin, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie starrte auf das riesige Loch im Dienstplan und begann zu tippen. Der Brief, den sie schrieb, hatte etwas von einer Selbstaufgabe: Die Chefin der Tübinger "Uniwelle" beantragte beim Uni-Rektor, ihre Sendezeit zu kürzen. 15 Jahre lang hatte Lehmann Hunderte Freiwillige aller Studienfächer zu nebenberuflichen Radiojournalisten ausgebildet, hatte bei ihren Livesendungen mitgefiebert, sie gepusht und manchmal auch geärgert. Bis die Studenten plötzlich keine Zeit mehr hatten. Jetzt sitzt Lehmann in ihrem Büro neben dem verwaisten Studio und ringt um Erklärungen. "Es ist diese neue Art zu studieren", sagt sie.

Etwa zur selben Zeit, als die 57-jährige Radiochefin das Loch in ihrem Dienstplan wachsen sah, begann Philipp Lottholz, einen Überlebenskampf auszufechten. Der 22 Jahre alte VWL-Student mit der Popperfrisur gehört zum Tübinger AIESEC-Vorstand, einer europaweiten Studentenorganisation mit dem hartnäckigen Ruf, ein Club von Strebern zu sein. Was in guten Zeiten ein Vorteil war, Streber gibt es schließlich immer. AIESEC vermittelt Praktikanten an Unternehmen und organisiert internationalen Austausch. In besagten guten Zeiten standen auf der Mitgliederliste 50 Namen. Im vergangenen Wintersemester waren es noch 17. Selbst die Streber hatten Wichtigeres zu tun. Lottholz wurde klar: "Wenn nichts passiert, können wir dichtmachen."

An Deutschlands Hochschulen ereignet sich eine Kulturrevolution, und auf den ersten Blick ist es keine, die zu Hoffnungen Anlass gibt: Ob in Tübingen , Köln, München oder Chemnitz , Professoren finden keine Hiwis mehr, Studentencafés müssen früher schließen, weil ihnen die Barkeeper ausgehen, Hochschulgruppen aller Parteien stemmen sich gegen die Selbstauflösung. "Labil" seien die Jungakademiker, "teilnahmslos" und "immer unpolitischer" – so lauteten die Schlagzeilen von Focus bis Tagesspiegel, als Konstanzer Hochschulforscher kürzlich vermeldeten, dass sich nie zuvor so wenige Studenten für Politik interessiert hätten wie heute: nur noch 37 Prozent. Materialismus, Fachidiotie und Karrieredenken träten an die Stelle des freien Geistes, klagen Querdenker wie der Berliner Politikwissenschaftler Peter Grottian: "Der Bachelor macht dumm!"

Der Bachelor und sein großer Bruder, der Master, sind die neuen, europaweit gültigen Studienabschlüsse, die bis Ende des Jahrzehnts die traditionellen Titel von Magister bis Diplom ablösen sollen – mit exakt vorgegebenen Studienplänen und "Credits" genannten Leistungspunkten, die als Belohnung für regelmäßige Semesterprüfungen das Hammerexamen am Ende ersetzen.

Ins selbe Horn wie Grottian bläst der Bamberger Soziologe Richard Münch, der zum vielleicht meistzitierten Kronzeugen der Feuilletons gegen die Ökonomisierung der Bildung aufgestiegen ist: "Anstatt ihrer Wissbegierde zu folgen, jagen die Studenten nur den Credits hinterher!" Die Leistungspunkte machten jedes außeruniversitäre Engagement wertlos, die Attraktivität von Vorlesungen messe sich nicht mehr am Erkenntnisgewinn, sondern am Punktewert. Und plötzlich erhält sogar eine Frage ihre Berechtigung, die zunächst nach einer billigen Pointe klingt: Macht Studieren dumm? Und wenn ja, was hat die "Bologna-Prozess" genannte Studienreform damit zu tun?

"Ich kann die jungen Leute verstehen", sagt der alte Hausmeister

Kaum ein Ort ist für eine Spurensuche nach dem, was ein Studium heute tatsächlich in seinem Kern ausmacht, geeigneter als Tübingen, die mittelalterliche Stadt in der schwäbischen Provinz, wo jeder vierte Einwohner eine Immatrikulationsbescheinigung besitzt. Die Eberhard-Karl-Universität mit ihren 22.000 Studenten bietet 70 Studienfächer von der Archäologie bis zur Zahnmedizin, ist weder Reform- noch Elite-Uni, dafür aber ausgestattet mit einer 532-jährigen Geschichte, seit sie von Graf Eberhard im Bart gegründet wurde. Entsprechend unaufgeregt und in längeren Zeiträumen betrachtet man hier die Dinge.