Kurz nach acht ist es, ein Werktag, die Wirtin des Cafés St. Oberholz in Berlin-Mitte weckt ihre Kuchen. Sie greift in die Vitrine und schlägt die Zellophanlaken zurück, in denen sie die Nacht verbracht haben. Frühe Gäste schneien herein, sie tun, was hier alle tun. Einen freien Platz suchen, ein Heißschaumgetränk am Tresen kaufen, den Laptop aufklappen, losspielen auf der Tastatur.

Ich tue es auch, ich schreibe: Ein ernst zu nehmendes Kaffeehaus ist stolz darauf, älter und schäbiger zu sein als man selbst. Es hat rissige Lederbezüge und Flecken im Marmor, und das Silber weist jene angenehme Oberflächenmürbe auf, die langer Gebrauch verleiht. Es gibt also, schreibe ich, abgesehen von relativ jungen Gründungen wie dem Einstein oder dem Manzini, es gibt also in Berlin kein im Sinne dieser Definition ernst zu nehmendes Kaffeehaus.

Nach diesen drei Sätzen könnte ich den Laptop zuklappen. Hier ist kein Leder, kein Marmor, kein Silber, hier ist es weder schäbig noch alt. Hier könnte der Bericht über Berliner Kaffeehäuser enden.

Könnte er, gäbe es nicht jene eigenartige Subspezies großstädtischer Evolution – das Berliner Szenecafé. Entstanden irgendwann zwischen J. F. Kennedys und David Bowies Besuchen in Berlin-Schöneberg, hat es alle Moden seither mitgemacht, nicht selten mit jenem verbissenen Ernst, der auftritt, wo sonst wenig ist, woran man sich halten könnte, als das Spiel, das man gerade spielt.

Auch das Café mit dem knorzigen Namen ist davon nicht frei. Dennoch handelt es sich um eine der sympathischeren Mutationen der Gattung Berliner Szenecafé. Und das geht so: Man nehme eine szenige Adresse (Torstraße/Ecke Rosenthaler), mische Stehimbisskühle mit der Wärme von blankem Holz (weiße Hochtische mit frankophilen Tafeln nach Art der Anti-Starbucks-Kette Le Pain Quotidien, die gerade New York erobert), reiche die momentan üblichen Stullen (Ziegenkäse-Focaccia), die unvermeidliche Latte, freien WLAN-Zugang für alle und würze das Ganze mit einer (aber nur schwach!) ironisierten Prise Heimat – und man hat das Café St. Oberholz in seiner ganzen Berlin-Mitte-Pracht.

Ich schaue mich um. Geredet wird kaum. Menschen um die 30 treten ein, bedienen sich selbst, schlagen ihre Laptops auf, schauen lange hinein, schlagen sie wieder zu, gehen. Was tun sie? Und wenn ja – was ist Arbeit, was privat? Das ist eine Frage von gestern.

Die Sphären fließen im Café St. WLAN. Das Private ist öffentlich. Arbeit ist öffentlich. Es ist ein bisschen wie am FKK-Strand. Alle sind nackt, aber man schaut nicht hin. Alle sind privat online, aber man schielt nicht auf den Schirm nebenan.

Neun Uhr, die Zeit der Profis. Ein junger Herr nimmt nebenan Platz, gut gekleidet, modischer Vollbart, Brille mit zentimeterdicken schwarzen Bügeln, weißer Apple in weißer Laptoptasche. Er ist es.