Digitale Bohème Der Schaum der TageSeite 3/3

Im selben Haus, in dem heute das Café St. Oberholz geführt wird, gab es in der Zwischenkriegszeit ein Gasthaus Aschinger als Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen – und zwar von jenen, die ein preiswertes Mittagessen und billiges Bier schätzten. Das Hauptquartier der Berliner Kulturboheme der zwanziger Jahre war jedoch das Romanische Café im Westen.

In diesem "Wartesaal der Talente", wie Erich Kästner es nannte, herrschte eine strenge Klassenteilung. Im kleineren Saal, genannt "Bassin für Schwimmer", hielten die Bewunderten Hof, die Brechts und Benns und Döblins. Im größeren "Bassin für Nichtschwimmer" hielten die Tagediebe und Träumer sich stunden- und jahrelang an ihrem Glas fest und an der Hoffnung, auch einmal entdeckt und berühmt zu werden.

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Auch das heutige Berlin kennt solche Kaffeehaus-Grenzen, aber sie verlaufen anders. Man könnte es generationelle Apartheid nennen. In anderen Städten trifft man auf eine natürliche Mischung aus Jung und Alt, es mischen sich Milieus und Klassen. In der Cafébar in der Via delle Grazie in Rom etwa, ein paar Schritte vom Vatikan, ist es allein eine Frage der Tageszeit, wann römische Müllmänner und wann römische Kardinäle am Tresen stehen.

Dergleichen ist in Berlin undenkbar, und nicht nur wegen fehlender Kardinäle. Man ist hier unter sich, will unter sich sein und achtet darauf, dass es so bleibt. Szenebewusste Kellner und ihre Gäste betrachten es als Verfallssignal, wenn die Segregation aufweicht, dann zieht die Szene weiter.

Der Grund für die Berliner Apartheid ist natürlich die Tatsache, dass die, die sie errichten, samt und sonders zugewandert sind. Die Berliner Szenen kennen in Berlin keine Verwandten, weil sie dort keine haben. Die sitzen im Schwarzwald oder in Franken und neuerdings in Polen, Finnland, Japan. In den Cafés von Charlottenburg sitzen die in den Siebzigern Zugereisten, in denen von Schöneberg die Zuzügler der Achtziger, in denen von Mitte verkehrt die jüngste Welle.

Eines immerhin hat sich geändert. Man steht früher auf in Berlin. Man arbeitet gerade an etwas, man verdient etwas, und man zeigt es – was man trägt, was man tut, was man ist. Das ist der Unterschied zur verlotterten Kinderzeit des Szenecafés, das ist das neue Spiel: Man geht nicht ins Café, um öffentlich zu faulenzen und zu quatschen wie im seligen West- wie Ost-Berlin. Auch nicht, um öffentlich Zeitung zu lesen oder Novellen zu schreiben wie in Wien. Auch nicht, um am Hofstaat der Stars zu lungern wie einst im Romanischen Café.

Man geht ins Oberholz, um öffentlich zu arbeiten und zugleich öffentlich online, also privat zu sein. Oder man ist Tourist und will authentische Berlin-Mitte-Menschen anschauen – auch das gab es übrigens schon im Romanischen Café: in die Bohemehofhaltung hereinbrechendes Touristenvolk.

Mittag. Zeit, sich in die obere Etage zurückzuziehen, wo es stiller zugeht, die Lunch-Laufkundschaft bleibt unten – auch dies ein fernes Echo der alten Romanischen Klassengesellschaft, nur vertikal statt Saal an Saal: unten die "Nichtschwimmer", die fröhlichen Surfer in den Tag hinein, oben die elektronischen Edelleute. Skypend fläzt sich ein schöner Russe. Nägelkauend, Haare raufend ringt ein schreibender Gast mit seinem Werk. Oder diese beiden, eine junge japanische Autorin und ihr junger deutscher Verleger.

Er: "Fiktional oder nonfiktional?"
Sie: "Essay."
Er: "Essay! Worüber?"
Sie: "Über mein Leben."
Er: "Obszönitäten?"

Sie lacht. Dann lachen beide. Sie ist eine zarte Person, er hat sich den Schädel rasiert. Sie bringt ihm ein japanisches Wort bei, er will ihr Buch verlegen, von dem er kein Wort versteht. Essay! Über mein Leben! Die beiden haben noch viel zu lachen.

 
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