Wer eines Verbrechens verdächtigt wird, muss die Nerven bewahren – besonders, wenn er es begangen hat. Die besten Chancen davonzukommen hat, wer schweigen kann. Wer kaltblütig jeder Falle ausweicht, die ihm Polizisten stellen. Wer zu keiner Vernehmung freiwillig erscheint und nach dem Klingeln nicht zur Tür geht. Wer sich sofort einen Anwalt nimmt – am besten einen aggressiven. All das hat Nikolai H. nicht getan. Und deswegen steht er jetzt vor dem Landgericht Oldenburg – angeklagt wegen Mordes.

Nikolai H. soll vor gut einem Jahr, am Abend des 23. März, es war der Ostersonntag 2008, einen 5,9 Kilogramm schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke in Oldenburg auf die A29 geworfen haben. Der Klotz durchschlug die Windschutzscheibe eines die Brücke mit 130 Stundenkilometern unterquerenden BMW und zermalmte den Brustkorb der 33-jährigen Beifahrerin Olga Keksel. Sie starb sofort, ihr am Steuer sitzender Ehemann und die Kinder im Fond blieben unverletzt.

Zwei Wochen lang stocherte die 27-köpfige Sonderkommission »Brücke« der Oldenburger Kriminalpolizei im Nebel. Der Holzklotzwurf war ganz offensichtlich ein Verbrechen aus böser Laune. Es hätte jeden treffen können, ein anonymer Täter ermordete ein zufälliges Opfer. Niemand hatte den nächtlichen Vorfall beobachtet, die Spürhunde erschnüffelten nichts, die Indizienlage war deprimierend.

Deshalb griff die Soko zu einer List: Ihr Sprecher erklärte gegenüber den Medien, der Täter müsste beim Hochstemmen des Wurfgeschosses seine DNA darauf hinterlassen haben, und erwog öffentlich das Für und Wider eines Massengentests im Raum Oldenburg. In Wirklichkeit hatten die Sachverständigen keinerlei menschliche Spuren am Klotz gefunden, kein Erbgut, keine Haare, keine Fingerabdrücke, bloß ein bisschen Erde in einer Vertiefung des Holzes. Mit dem Bluff hoffte man, den Täter nervös zu machen und aus der Reserve zu locken.

Und wirklich. Am 5. April 2008 erschien ein bislang unbekannter Mann auf der Wache: der 30-jährige Nikolai H. Der arbeitslose, alleinstehende Russlanddeutsche wohnte in Rastede, einem kleinen Ort in der Nähe des Tatorts, und gab zu Protokoll, er habe am Ostersonntag die besagte Brücke auf dem Rad überquert und dort den in der Presse gezeigten Klotz liegen sehen. Damit niemand darüber stürze, habe er ihn vom Radweg ans Geländer gerückt, wobei er ihn zwangsläufig berührt habe. Warum er jetzt erst zu Polizei kam, sagte H. nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass eine harmlose Erklärung für eventuelle eigene DNA auf dem Holzklotz geliefert werden sollte.

Seit dem vergangenen November sitzt H. hinter Panzerglas auf der Anklagebank, und man sieht ihm an, dass er inzwischen etwas begriffen hat: Wäre er seinerzeit still zu Hause geblieben, hätte den Fernseher nicht eingeschaltet und nicht in die Bild- Zeitung geblickt, er wäre immer noch ein freier Mann. So aber rückte Nikolai H. durch eigenes Dazutun in den Fokus der Ermittlungen. Sechs Wochen später hatte man ihn so weit: Am 21. Mai 2008 legte er ein umfassendes Geständnis ab. Gab zu, den Klotz »aus Frust« gezielt auf ein Auto geworfen zu haben. Den Tod von Menschen habe er dabei in Kauf genommen. Sollte H. demnächst wegen Mordes verurteilt werden, wird dieses Geständnis im Zentrum des Schuldspruchs stehen.

Obwohl Polizei und Staatsanwaltschaft dem Verdächtigen eine Tat – unabhängig davon, ob er sie zugibt oder nicht – nachweisen müssen, gilt das Geständnis bis heute als Regina Probationum, »Königin unter den Beweismitteln«. Den Täter zum Bekennen seiner Schuld zu bewegen wird bei der Kriminalpolizei als Meisterleistung betrachtet. Bei Delikten wie der Steuerhinterziehung oder der Tötung des Intimpartners sind Geständnisse wegen dichter Beweislage meistens nicht nötig. Bei Verbrechen wie dem Holzklotzwurf liegt die Sache anders: kein Nahraum, keine Indizien, kein nachvollziehbares Motiv. Hier ist das Geständnis der Schlüssel zur Klärung des Falles.

In der deutschen Kriminalgeschichte kommen falsche Geständnisse immer wieder vor. Es gibt Verdächtige, die aus Müdigkeit gestehen, aus Wichtigtuerei, aus Furcht oder weil sie dem stundenlangen Trommelfeuer polizeilicher Fangfragen irgendwann nicht mehr gewachsen sind. Für einen Kriminalpolizisten, der in ein Beamtenleben versunken ist, gibt es diesen Königsweg zu Ruhm und Ehre: Er muss in einem verzwickten Fall ein Geständnis herausholen, dann ist er der Held. Um einen Verdächtigen zum Sprechen zu bringen, darf ihn die Polizei jedoch nicht misshandeln, ermüden, quälen, hypnotisieren oder mit Medikamenten gefügig machen. Und sie muss mit offenen Karten spielen: Der Vernommene muss ordnungsgemäß über seine Rechte belehrt werden. Die Beamten dürfen ihn nicht belügen oder über seine Beschuldigtenrolle im Unklaren lassen. Außerdem müssen sie seine Aussage und deren Genese sehr genau – am besten wörtlich – dokumentieren.