FilmVerliebte Zaungäste

»Dorfpunks«, Lars Jessens Film nach dem Buch von Rocko Schamoni, macht aus der wahrhaft komischen Vorlage seichtes Sommerkino mit guter Musik von Diedrich Diederichsen

Die Idee von Dorfpunks klingt tief und wahr: Nur wer den großen historischen Momenten hoffnungslos hinterherhechelt, entwickelt die treue Verbundenheit zu ihnen, die noch Jahrzehnte später Jahrestage begeht. Es gibt keine wahre Zeitgenossenschaft, außer der projektionsschweren Verliebtheit der Zaungäste. Der Zaun sind hier die Hamburger Stadtgrenzen und die, je nach Geschmack, sechs bis acht Jahre, die seit den großen Tagen des Punks vergangen sind, ehe die Bewegung ein kleines Häuflein Ostholsteiner Heranwachsender erreichte.

In Rocko Schamonis autobiografischem Roman, der diesem Film zugrunde liegt, kommt es sehr darauf an, genau zu zeigen, wie die Dorfpunks schief zu ihrer eigenen Zeit stehen, dem Jahr 1984, und was genau sie ganz knapp falsch verstanden haben. Das ist ihr Witz und auch der Punkt ihrer Unabhängigkeit, ihrer seltsamen Souveränität – dass sie sich eigentlich Punk noch einmal neu ausgedacht haben. Daher wäre auch ihr leicht vertrottelter Ehrgeiz zu erklären, dennoch den eigenen Eintritt in die Geschichte einzufordern und gestalten zu wollen.

Dafür muss eine Band gegründet werden, die die Lösung aller adoleszenten Dorfpunk-Probleme verspricht. Im Film fallen die sagenhaften Sentenzen, die die wahrscheinlich authentisch erinnerten Rocko-Schamoni-Mitstreiter auch tatsächlich gesagt haben – ohne jedoch den Kontext der falschen Zeitlichkeit und des unpassenden Ortes herauszuarbeiten. Man erfährt nicht, wie sie in Hamburg fünf Jahre zuvor »richtig« gesagt worden wären. Denn wie irre es tatsächlich ist, dass der Sänger Sid – nach dem ersten, krass misslungenen Auftritt bei einem Talentwettbewerb vor einem Bundeswehrpublikum – anschließend meint, der Auftritt sei »subversiv« gewesen, kann nur ermessen, wem Informationen über die kuriose Karriere des Subversionsbegriffs an die Hand gegeben werden. Und darüber, wie der in den frühen Achtzigern zwischen Paris, Berlin und Ostholstein über Bande gespielt wurde. Wenn die Hauptfigur, das Schamoni-Alter-Ego Roddy Dangerblood, bei der Bandprobe an rasant unpassender Stelle äußert, der letzte Moment habe ihn an Prefab Sprout erinnert, ist der Witz restlos unverständlich. Man müsste einfach zu viel erklären und zeigen, damit dass einer heute noch kapiert.

Prefab Sprout, feinsinnig fragiles Gegenteil einer Holsteiner Kinder-Punkband, kannte in Wirklichkeit 1984 kein Mensch. Die Dorfpunks waren also der Metropolenszene eigentlich weit voraus – die feierte die Band erst ein Jahr später. Allerdings finden die Dörfler Prefab Sprout voll scheiße. Dann ermahnt Sid die anderen, sie sollten doch mal Musikzeitungen lesen, da werde jetzt über No Wave und Ska diskutiert. Das war aber in der Tat 1979 so, also fünf Jahre früher; hier sind die Dorfpunks, gerade wenn sie sich um Zeitgenossenschaft strebend bemühen, hoffnungslos hinterm Mond. Das alles müsste man gar nicht komplett ausbuchstabieren, wenn in etwa klar wäre, dass jeder dieser Sätze eine Perle darstellt, in der die Genauigkeit des Missverständnisses so wundervoll dialektisch funkelt, dass die oben erwähnte Wahrheit sich bestätigt; dass nur der Zaungast weiß, wo es langgeht. Nur kann sie nicht funkeln, wenn man weder ermessen kann, was in ihr so schön verdreht und verfälscht wurde, noch wenigstens einen Hinweis auf ihren Glanz erhält: etwa durch große Performances, Situationskomik oder so.

Stattdessen erscheinen die Sätze in der leicht vernuschelten Coming-of-Age-Normalität dieses liebenswerten Leichtgewichts von einem – tief in seinem Herzen – Fernsehfilm einfach nur beliebig als irgendwelche verrückten Sätze, deren Verrücktheit der Gegenwartszuschauer den verrückten Klamotten, der verrückten Zeit und der verrückten Holsteiner Bauernschädeligkeit ebenso zurechnen kann, wie er sie durch jede andere Schrulle ersetzen könnte. So was passiert dem überaus genauen, absolut unangestrengt hochkomischen Melancholiker Schamoni leider oft, wenn er seine persönliche Handschrift als Partitur für andere Leute herausgibt. Er kann aber natürlich auch nicht immer alles selber spielen.

Hier wird er von dem Sonnyboy Cecil von Renner dargestellt, der mit ihm aber allenfalls einen gewinnenden Charme gemein hat. Der süße Junge ist von keiner Melancholie angekränkelt, kein Gegrübel, keine verschrobene Sinn- und Spaßsuche würde einen, der so aussieht, im wirklichen Leben dazu treiben, sich mit friedensbewegten Eltern oder den zu Neonazis mutierten Sitzenbleibern aus der Grundschule anzulegen. Schamoni selber hat erklärt, dass ihm dieser Film, den sein für Vorabendserien bekannter Freund Lars Jessen gedreht hat, vor allem ein Anlass war, die gute Musik von damals mal wieder zu hören. I Believe von den Buzzcocks und Gottseidank nicht in England von den Fehlfarben, die hier große Auftritte haben, sind sehr treffend ausgesuchte Hymnen eines Lebensgefühls, das daraus Größe gewinnt, dass das Große nicht zu haben ist. In diesen Songs wird verzweifelt existenziell, was bei den Dorfpunks eher seichtes Sommerkino bleibt – ohne die große Groteske, die auch aus den harmloseren Vorlagen Schamonis immer noch leicht herauszukitzeln wäre.

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