CIA-Amnestie Die Folterer laufen lassen?

Die Folter-Memos haben Barack Obama in ein Dilemma gestürzt: Eigentlich müsste er gegen die Administration von George W. Bush vorgehen, würde damit aber Amerika einer Zerreißprobe aussetzen

Fußfesseln in Guantanamo

Fußfesseln in Guantanamo

Wer die Folter-Memoranden aus dem US-Justizministerium zu lesen beginnt, deren Veröffentlichung Barack Obama letzte Woche angeordnet hat, begibt sich in eine Welt bürokratischer Perversion. In vier Gutachten aus den Jahren 2002 bis 2005, alle mit dem Vermerk »Top Secret« versehen, beschreiben führende Juristen der Regierung Bush, wie Gefangene systematisch misshandelt werden können, ohne dass sich ihre Peiniger strafbar machen. Mit vielen Fußnoten und Quellenangaben erörtern sie zwölf Methoden der – nach ihrer Ansicht – legalen Quälerei und regeln deren Anwendung, inklusive praktischer Hinweise: Welche Temperatur darf das eisige Wasser nicht unterschreiten, mit dem die Gefangenen abgespritzt werden? Fünf Grad. Wie viele Tage hintereinander kann ein Häftling des Schlafes beraubt werden? Maximal elf. Wie lang darf das simulierte Ertränken, das »waterboarding«, dauern, und wie viel Wasser darf dem Opfer dabei in Mund und Nase geschüttet werden? Wie häufig müssen Ärzte den Zustand eines Gepeinigten untersuchen, und wie soll ein Verdächtiger geschlagen werden? Mit der flachen Hand, die Finger leicht gespreizt; Ringe und anderer Schmuck sind vor dem Schlag von der Hand zu entfernen.

»Wenn du nicht Menschenrechte verletzt, machst du deinen Job nicht«

Die nüchtern formulierten Anleitungen erlauben, kurz gesagt, jede Behandlung, die keine bleibenden Schäden hinterlässt, keine Knochen bricht und keinen Verdächtigen umbringt. Alles andere qualifizieren die Rechtsgutachten als effektive Informationsgewinnung. Es ist eine albtraumhafte Verzerrung dessen, was Juristen (und Mediziner) in einem Rechtsstaat tun dürfen.

Manche Verhörmethoden, die die Memos beschreiben, waren aus anderen Quellen bereits bekannt, aus den Berichten freigelassener Häftlinge, aus Recherchen von Journalisten. Und doch stellt die Veröffentlichung der Papiere einen Einschnitt dar. Sie belegen zweifelsfrei, was bislang nur ein Gerücht war: dass der Schlafentzug, die Schläge in den Unterleib, die Verweigerung fester Nahrung, das stundenlange Stehen in eisigen Räumen keine Exzesse unterer Chargen waren, keine sadistischen Spielchen brutaler Wärter wie vielleicht noch im Gefängnis von Abu Ghraib. Es waren kühl geplante Akte der Unmenschlichkeit, haarscharf unterhalb der Foltergrenze. Jedenfalls der Foltergrenze, wie sie von Bushs Juristen definiert wurde.

Diese Akten freizugeben, gegen den Widerstand seines CIA-Direktors Leon Panetta, auch gegen Widerstand im eigenen Weißen Haus, ist ein politisch enorm mutiger Schritt von Präsident Obama. Er löst damit sein Wahlkampfversprechen ein, nicht nur die Folter und die »harschen« Vernehmungsmethoden zu beenden, sondern auch die Kultur der Geheimhaltung, die den »Krieg gegen den Terror« von Anfang an umgab. Zum ersten Mal öffnet sich jetzt ein authentischer Blick in das Innerste von George W. Bushs Präsidentschaft.

Aber auch die politischen Risiken der Veröffentlichung sind enorm. Dass seine konservativen Gegner die Publikation als Gefährdung der nationalen Sicherheit geißeln, wird Obama nicht übermäßig irritieren. Bedrohlicher ist schon das Rumoren innerhalb der Geheimdienste, auf deren Loyalität er angewiesen ist. Die Späher sehen ihre Arbeit durch allzu viel Transparenz infrage gestellt. Deshalb ist Obama gleich am Montag ins CIA-Hauptquartier nach Langley geeilt, um die Agenten wissen zu lassen, wie sehr er ihren Einsatz schätze. Und um noch einmal zu bekräftigen, was er gleich nach der Öffnung der Folterpapiere versprochen hatte: CIA-Mitarbeiter, die »in gutem Glauben« lediglich Anweisungen befolgt hätten, würden straffrei bleiben.

Es ist die klassische Rechtfertigung aller Folterer dieser Welt, sie hätten nur auf Befehl gehandelt. Obama, selbst Verfassungsrechtler, weiß das. Aber waren die Agenten in den Geheimgefängnissen wirklich gutgläubig? Die Washington Post zitierte schon im Dezember 2002 einen von ihnen anonym mit den Worten: »Wenn du nicht manchmal die Menschenrechte verletzt, machst du deinen Job nicht richtig.« Und in einem der Memoranden des Justizministeriums finden sich Hinweise, dass Khalid Scheich Mohammed, der vermeintliche Chefplaner der Anschläge vom 11.September, im März 2003 insgesamt 183-mal dem »waterboarding« unterzogen wurde, weit häufiger, als von den Juristen in ihren Dienstanweisungen zugelassen. Ein Einzelfall? Ein Exzess? Vielleicht doch ein Grund, ein Strafverfahren einzuleiten?

Darf ein Rechtsstaat überhaupt auf die Bestrafung von Folterern verzichten? Manfred Nowak, der zuständige UN-Sonderberichterstatter, hat darauf hingewiesen, dass Signatarstaaten der UN-Konventionen gegen Folter völkerrechtlich verpflichtet seien, Folterer vor Gericht zu stellen. Aber wenn sich Obama tatsächlich entschließen sollte, die Kleinen nicht zu hängen, sondern sie laufen zu lassen: Was geschieht dann mit den Großen?

Wer will ausschließen, dass es Dutzende weiterer Memos gibt?

Was wird aus den Spitzenjuristen, die den Katalog der Grausamkeiten abgesegnet haben? Mindestens drei sind namentlich bekannt: Jay Bybee, seinerzeit stellvertretender Justizminister, heute Richter an einem Bundesgericht in San Francisco, auf Lebenszeit ernannt von George W. Bush. John Yoo, mittlerweile Jura-Professor in Kalifornien. Und Steven Bradbury, der jetzt als Anwalt arbeitet. Vermutlich allesamt glänzende Juristen. Aber sollen sie ungeschoren davonkommen? Und sollen sie weiter Studenten unterrichten oder Recht sprechen dürfen, ausgerechnet? Die New York Times hat bereits ein Amtsenthebungsverfahren gegen Richter Bybee gefordert. Und ein spanischer Untersuchungsrichter prüft unter Berufung auf das Weltrechtsprinzip eine Klage von Menschenrechtsorganisationen gegen sechs Angehörige der Bush-Administration, darunter auch John Yoo. Doch Rahm Emanuel, Obamas Stabschef, hat auch den Autoren der Folter-Memos öffentlich Straffreiheit zugesichert.

Dies sei nicht die Zeit, »in den Rückspiegel zu schauen«, ließ die demokratische Senatorin Claire McCaskill gleich nach der Veröffentlichung der Dokumente wissen. Und Obama erklärte, Amerika dürfe in einem Moment »gewaltiger Herausforderungen und beunruhigender Uneinigkeit« weder Zeit noch Energie darauf verschwenden, über die Vergangenheit zu richten. Man müsse »Fehler einräumen« und »voranschreiten«, sagte der Präsident bei seinem Besuch im CIA-Hauptquartier.

Es ist der Versuch, Offenheit zu schaffen, aber daraus keine Konsequenzen zu ziehen, Aufklärung und Amnestie in eins zu setzen, um das ideologisch tief gespaltene Land mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht noch weiter auseinanderzureißen. Und es ist der Versuch Obamas, der sich mit seiner Außenpolitik des konzilianten Realismus innenpolitisch zunehmend dem Vorwurf einer Schwächung Amerikas aussetzt, nicht noch weitere Flanken aufzureißen. Aber was wäre das für ein Signal an die Welt: Wenn Amerikaner foltern, werden sie nicht bestraft? Und was würde künftig Regierungsjuristen in Washington davon abhalten, Unrecht in Recht umzudeuten, wenn Bybee und seinesgleichen straflos davonkämen?

Vieles spricht dafür, dass die Offenlegung der Dokumente eine Dynamik entwickeln wird, die auch für Obama kaum mehr zu beherrschen sein dürfte. Amerika sei noch längst »nicht am Ende des Weges«, schrieb sogar CIA-Chef Panetta. Tatsächlich, wer wollte ausschließen, dass es in den Archiven der Geheimdienste, der Armee, des Verteidigungsministeriums Dutzende andere Memoranden gibt, die in ebenso emotionsloser Prosa wie die jetzt veröffentlichten Dokumente die Staatsquälerei beschreiben. Penible Verwaltungsvorschriften für die »black sites«, die US-Geheimgefängnisse in Thailand, Rumänien, Afghanistan und anderen Staaten, wo noch »harscher« befragt werden durfte als auf amerikanischem Boden. Oder Rechtsgutachten über die Praxis der »extraordinary rendition«, der Verschleppung von US-Gefangenen rings um den Globus.

Mit jeder neuen Veröffentlichung wird der Druck auf Obama wachsen, gegen die Verantwortlichen vorzugehen. Gegen die Folterer. Gegen die Autoren der Memos. Gegen deren damalige Vorgesetzte, Minister wie Alberto Gonzalez (Justiz) oder Donald Rumsfeld (Verteidigung). Und schließlich auch gegen Vizepräsident Dick Cheney und gegen George W. Bush höchstpersönlich. Das verseuchte Erbe des »Kriegs gegen den Terror« könnte Obama in ein furchtbares Dilemma stürzen. Bleibt er bei seiner Haltung der Versöhnung, ratifiziert er nachträglich die Perversion des Rechts. Entscheidet er sich für einen Prozess gegen seinen Vorgänger, würde er das Land in einen Konflikt stürzen, wie es seit dem Bürgerkrieg keinen mehr erlebt hat.

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Leser-Kommentare
  1. Wer nicht erkennt das hier ein Spiel gespielt wird das "Böser Bulle - Guter Bulle heißt" dem ist nicht mehr zu helfen! Es geht um die Zerreißprobe wenn man den Absturz der großen "Demokratie" verfolgt! Es geht darum wie die Meinungsfreiheit degeneriert und wie sie verzerrt wird!

    Es gibt gar keinen anderen Weg - als verhaften und aburteilen!

    Dieses große Land ist dabei sich völlig zu zerstören, aus sich selbst heraus.

  2. Erst konnte man lesen, dass die Folterer straffrei bleiben sollen, dann gab es Nachrichten, dass US-Abgeordnete das Water boarding als Sinnvoll verteidigen.

    Ich finde diese Debatte pervers bis ins Letzte. Allein, dass darum noch Debattiert werden soll ist doch ein Armutszeugnis ansich.

    Man kann doch eigentlich nur Verzweifeln bei solchen Nachrichten.

    Das Problem der Menschheit ist der Mensch.

  3. Die "School of the Americas" umgetauft “Western Hemisphere Institute for Security Cooperation” war eine regelrechte Folterschule für die willigen Vollstrecker der südamerikanischen und weltweiten Diktaturen. Dort wurde über Jahrzehnte hinweg das Martern und Morden gelehrt und in Vietnam hunderttausendfach praktiziert oder wo sonst auch immer die USA das Banner der Demokratie, Freiheit und Marktwirtschaft errichteten, um der schröcklichen roten Gefahr medial menschenrechtlich entgegenzutreten. Was zur Zeit ans Licht kommt, ist nur die winzige Spitze eines Esbergs und Obama & Kompagnons werden sich hüten, ihre Titanic schon dort kollidieren zu lassen. Dann wäre es ganz schnell aus mit dem neuen Messias.
    Obgleich: interessant wäre es schon, zu sehen, ob er tatsächlich übers Wasser gehen könnte ...

  4. "Das verseuchte Erbe des »Kriegs gegen den Terror« könnte Obama in ein furchtbares Dilemma stürzen. Bleibt er bei seiner Haltung der Versöhnung, ratifiziert er nachträglich die Perversion des Rechts. Entscheidet er sich für einen Prozess gegen seinen Vorgänger, würde er das Land in einen Konflikt stürzen, wie es seit dem Bürgerkrieg keinen mehr erlebt hat."

    beschreibt recht klar, um was es gehen könnte:

    Dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen und Bürgerkrieg oder Recht Recht sein zu lassen und Frieden. Eine wahrlich nicht schöne Entscheidungsalternative. Da mag man nun so vehement für das Eine wie für das Andere streiten. Ich glaube als Person, die diese Entscheidung zu treffen hätte, stünden wir alle recht bescheiden in der Landschaft.

    Und zum Vergleich:

    "In Deutschland liegt seit acht Jahren ein Haftbefehl gegen Öcalan vor. Er wird beschuldigt, für den Mord an einem Abtrünnigen der PKK verantwortlich zu sein, der 1984 in Rüsselsheim umgebracht wurde. Obwohl die Bundesanwaltschaft diesen Haftbefehl inzwischen aktualisiert hat und betont, daß sie genügend Beweismaterial für einen Prozeß habe, will die Bundesregierung auf einen Auslieferungsantrag verzichten. Offiziell werden dafür "Gründe der Opportunität und der inneren Sicherheit" genannt. Die Regierung befürchtet, daß es bei einem Gerichtsverfahren in Deutschland, wo über zwei Millionen türkische Staatsbürger, darunter eine halbe Million Kurden leben, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen käme."

    http://www.wsws.org/de/19...

    Deutschland war mal in einer vergleichbaren Situation und entschied sich gegen den Bürgerkrieg.

  5. > Dies sei nicht die Zeit, »in den Rückspiegel zu schauen«, ließ die demokratische Senatorin Claire McCaskill gleich nach der Veröffentlichung der Dokumente wissen. <

    Unsere Regierung hat nach dem Fall der Mauer auch nicht in den Rückspiegel geschaut und tut es bis heute nicht. Es sind keine Stasi-Akten veröffentlicht worden und es hat keine Anklagen gegeben. Ich habe in einem anderen Artikel zum Thema Stasi folgenden Kommentar abgegeben.

    == Ich war im letzten Jahr in Erfurt und habe dort eine Stadtrunfahrt gemacht. Begleitet wurde sie von älteren Erfurterin, die dort geboren und aufgewachsen ist. Sie war nach der Wende Angestellte im Rathaus.
    Nach der Stadtrundfahrt hatte ich Gelegenheit mit ihr zu sprechen und bekam unter anderem Auskunft über das Gerichtsgebäude in Erfurt. In diesem Zusammenhang hat sie mir einige Dinge sehr ausführlich
    über die Aktivitäten der Stasi erzählt. In diesem jetzigen Gerichtsgebäude und in der Burg unterhielt die Stasi Gefängnisse in denen Menschen gefoltert wurden. Kinder wurden entführt und tauchten nie wieder
    auf. In der Nacht des Mauerfalls haben Bürger dieses Gerichtsgebäude besetzt um zu verhindern, dass Akten vernichtet wurden. Sie mussten sich massiv gegen gewalttätige Stasi-Mitarbeiter wehren und viele
    wurden dabei zum Teil schwer verletzt. Mir ist schlecht geworden.
    Bis heute ist alles verschwiegen worden und es hat jawohl auch keine Anklagen gegeben. Das soll dann Vergangenheitsbewältigung sein? ==

    Obama hat zumindest den Versuch unternommen in die Vergangenheit zu schauen und diesen Schritt kann ich nur bewundern.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

  6. ...von der Barbarei zur Dekadenz

  7. Für Präsident Obama könnte es u.U. lebensgefährlich werden, würde er Leute aus der Bush-Administration den Prozess machen. Abraham Lincoln und John F. Kennedy haben ihre Politik mit dem Leben bezahlt.

    Für die Kriegsgegner im Irak, Afghanistan oder vor dem Horn von Afrika, aber auch im Nahostkonflikt wäre ein Prozess gegen die Folterer in den USA ein bisher nie dagewesener Triumph.

    Selbst für Israel könnte es sehr eng werden, wenn in den USA oder anderswo im Westen ein Präzedensfall geschaffen würde. Die Verhaftung des früher einmal in seinem Lande allmächtigen chilenischen Diktators und Freund der US-Neokonservativen Augusto Pinochet dürfte fast allen Falken und Bellizisten noch tief in den Konchen stecken.

  8. vor ein internationales Gericht. Ihre Verbrechen rechtfertigen auch die Verhaftung im Ausland und die Überführung nach Den Haag. Das ist meine feste Überzeugung.
    Ihnen soll ein faires, rechtsstaatliches Verfahren gemacht werden, um ihre Handlungen, insbesondere Guantanamo, Folter etc. vor der Welt öffentlich zu machen und auch eindeutig abzustrafen.

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