George Steiner Denken im Pelz des Löwen
Der große Philosoph George Steiner wird 80 Jahre alt, er lehrt die Spätgeborenen Demut
»Wir sind Flöhe im Pelz der Löwen«, hat der große Kulturkritiker und Literaturwissenschaftler George Steiner, der an diesem Donnerstag seinen 80. Geburtstag feiert, einmal gesagt. Und selten lässt sich die Philosophie eines ganzen gelehrten Lebenswerks so bündig auf einen einzigen, anschaulichen Satz bringen. George Steiners Denken, seine Wahrnehmung der Kunst, sein Blick auf die Welt ist mehr als von jeder weltanschaulichen Überzeugung von dieser einen, grundlegenden Perspektive vorgeprägt: dass wir Spätgeborene sind; dass die wahren, die wirklich großen Leistungen auf dem Gebiet des Denkens und der Künste in der Vergangenheit liegen; dass wir, die Gegenwärtigen, in dürren Zeiten leben; dass wir höchstens der Epilog einer einst vitalen Hochkultur sind; dass wir einem byzantinischen Zeitalter angehören, das nichts Eigenes mehr schafft, sondern nur die Überlieferung kommentiert; dass wir melancholische Bewohner der Abenddämmerung sind, die in die untergehende Sonne blinzeln; und dass deshalb die einzig billige Haltung gegenüber den Kulturmonumenten der Vergangenheit die Demut ist.
Anders gesagt: Es hat sich selten jemand so wenig darum geschert, ein lupenreiner Kulturpessimist geschimpft werden zu können, wie George Steiner. »Ja was denn sonst«, würde er sinngemäß entgegnen, »oder glauben Sie im Ernst, dass schon morgen ein neuer Shakespeare oder ein neuer Michelangelo um die Ecke biegt?« Es ist schwierig, ein solches Statement zu widerlegen. Das heißt aber nicht, dass es sich um ein starkes Argument handelt.
Der Ruhm George Steiners strahlt ohnehin in einer Sphäre, in der die Überprüfung eines einzelnen Arguments fast etwas Kleinliches hat. Er, der auf die bedeutendsten Lehrstühle der berühmtesten Universitäten – von Princeton bis Cambridge, vom Collège de France bis Oxford – berufen wurde und der über Jahrzehnte als Autor des New Yorker eine Autorität der Literaturkritik war, wird bewundert als Ausnahmefigur, als eine große lebende Synthese, in der die Epochen, die Kulturen und die Wissensdisziplinen noch einmal gewissermaßen reichsunmittelbar zusammenfließen.
Steiner entstammt einer jüdisch-österreichischen Familie. 1929, zum Zeitpunkt seiner Geburt, lebte die Familie bereits in Paris, weil Steiners Vater seiner Intuition gehorchte, die ihn vor Hitler warnte. Und ein zweites Mal wird des Vaters hellsichtiger Pessimismus die Familie retten, als dieser im Januar 1940 die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen vorausahnt und die Übersiedlung in die USA beschließt. So ist George Steiner von Kindesbeinen an in drei Sprachen zu Hause. Er, der Geistes-Kosmopolit, verbindet das Jüdische, das Europäische und die Neue Welt auf einzigartige Weise in seiner Biografie. Die partikularistischen Grenzen der Nationen hat er stets verlacht. Schließlich ist das Reich des Geistes, als dessen Bewohner er sich versteht, ein universelles. Und damit ein unteilbares: Entsprechend herzlich wenig schert sich Steiner um die Spezialisierung in den Wissenschaften. Keiner außer ihm kann die Namen Niels Bohr und Parmenides so flüssig und ohne Bruch in ein und demselben melodischen Satz unterbringen. Das hat ihn zu einer liebenswürdig anachronistischen Figur gemacht.
Als Steiner 2003 den Börne-Preis der Stadt Frankfurt erhielt, war Joschka Fischer, der Außenminister, sein Laudator. »Fast lässt uns George Steiner«, sagte Fischer damals, »an das Gelehrtenideal der Renaissance denken.« Vielleicht muss man es so sagen: George Steiner, das ist noch einmal das Abendland wie aus einem Guss. Er ist die letzte Inkarnation eines ansonsten untergegangenen Alteuropa. Das macht George Steiner fast zu einer Marke – einer sehr teueren, sehr edlen Marke, die eher etwas für die Glasvitrine ist als für den Massenmarkt.
Ein beträchtlicher Reiz George Steiners hat mit dieser pittoresken Unzeitgemäßheit zu tun. Wer wagt heute noch so grundsätzlich wie George Steiner den Stab über »die Rockmusik« zu brechen (die für ihn »auf der anderen Seite der Menschlichkeit« steht)? Allerdings beschleicht einen manchmal der Verdacht, Steiner schiele ein wenig zu oft in den kleinen Handspiegel, um sich besorgt zu fragen: »Bin ich auch unzeitgemäß genug?«
Jetzt, zu seinem 80. Geburtstag, ist bei Hanser der Essayband Die Logokraten erschienen (aus dem Englischen und Französischen von Martin Pfeiffer; Hanser Verlag, München 2009; 253 S., 21,50 €). Auch dieses Buch kreist wieder um die zentrale Fragestellung von Steiners Leben. Seit seiner beeindruckenden Monografie Nach Babel arbeitet Steiner daran, sich dem Mysterium der Sprache zu nähern. Antworten, die uns die moderne Linguistik und die Hirnforschung zur Verfügung stellen, weist er dabei weit von sich. Die Entstehung der Sprache ist für ihn ein Phänomen, das sich nicht wissenschaftlich-evolutionstheoretisch herleiten lässt. Dass es in dieser Welt so etwas wie Sprache und Sinn gibt, ist für Steiner kein empirisches, sondern ein transzendentes Faktum. Die Logokraten, das sind für Steiner jene priesterlich-elitären Seinsdenker von de Maistre bis Heidegger, die am göttlichen Ursprung der Sprache festhalten. Diese Traditionslinie will er fortführen. Deswegen ist Steiner nie zu höherer Form aufgelaufen als in seinem einsamen Abwehrkampf gegen die Sinn-Zertrümmerer der Postmoderne von Derrida bis Lacan. Was Steiner betreibt, ist eher Literaturtheologie als Literaturtheorie.
In einem Interview, das sich in dem neuen Buch findet, sagt Steiner, dass eine Gesellschaft, die Sätze für unsinnig halte, in denen das Wort Gott vorkomme, »nur noch sehr kleine Brötchen« backe. Kein Problem, das George Steiner betrifft, für ihn gibt es sowieso nur große Brötchen. Das macht die Lektüre seiner Essays manchmal etwas ermüdend. Seine Art, die großen Texte der Tradition zu vergegenwärtigen, ist gewissermaßen das genaue Gegenteil von close reading. George Steiner verschiebt die ganz großen Spielkarten – auf einer Ebene, auf der es keine Argumente mehr gibt, sondern nur noch große Namen, deren Autorität weiteres Nachfragen erübrigt. Er, der uns unsere Zwergenhaftigkeit stets genüsslich um die Ohren gehauen und die Demut vor den Primärtexten gelehrt hat, ruft die großen Namen nur noch beschwörend auf, als würde eine allzu große Nähe zum Text unsere schwachen Augen vollends blenden.
- Datum 23.04.2009 - 09:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18
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"Wir Philosophen brauchen zuallererst vor einem Ruhe: vor allem "Heute." Wir verehren das Stille, das Kalte, das Vornehme, das Ferne, das Vergangne, jegliches überhaupt, bei dessen Aspekt die Seele sich nicht zu verteidigen und zuzuschnüren hat—etwas, mit dem man reden kann, ohne laut zu reden."
In diesem Sinne: vielen Dank für diesen schönen Artikel!
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