Indien Bücher. Abermillionen

Kalkutta ist reich. Rings um die College Street liegen 10.000 Buchläden. Der Besucher wird von einem Händler zum anderen gereicht – und landet mit etwas Glück beim singenden Verleger

Der schönste Weg in die College Street ist eine Fahrt mit der uralten Straßenbahn von den feineren Vierteln im Süden über die Leninallee durch den Bow Bazaar. Jede Querstraße eröffnet einen neuen Kosmos. Erst die Straße der Gemüsestände mit ihrem herben, dann wieder süßlichen und manchmal beißenden Geruch. Dann die Straße der Sanitärfachgeschäfte, die mit ihrem glitzernden Warenangebot auf den Gehweg hinauswachsen. Dahinter die Straße der medizinischen Geräte, die selbst im Vorbeifahren Furcht einflößend museal wirken.

Kalkutta, die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Westbengalen, wird in Europa meist mit Bildern von schlimmster Armut verbunden. Aber sie ist auch ein Ort des Überflusses. Für viele Waren gibt es hier nicht nur einzelne verstreute Geschäfte, sondern ganze Straßen oder Blocks, wo sich ein Lädchen ans nächste reiht.

Eine Querstraße noch, dann zeichnen sich die weißen Säulen der Calcutta University hinter dem offenen Straßenbahnfenster ab. Wir sind da. Denn hier beginnt, was Inder mit Kalkutta verbinden. Die College Street mit ihren drei großen Universitäten und einer bewegten, revolutionären Vergangenheit genießt den Ruf, das intellektuelle Zentrum des Landes zu sein. Hier werden die Künste und die Wissenschaften mit einer Inbrunst verehrt, die man kaum irgendwo sonst auf der Welt findet. Und auch wer nur zu Besuch ist, kann die Früchte dieser Bildungsbegeisterung ernten: Bücher. Abermillionen Bücher.

Die College Street wird gesäumt von unzähligen Buchläden. Dahinter entspinnt sich zu beiden Seiten ein Labyrinth von Büchergassen. Hier sind noch viel mehr Buchläden, Druckereien und Verlagshäuser angesiedelt, manche altehrwürdig mit riesigen Gewölben, andere winzig klein und noch neu, obwohl sie alles andere als neu aussehen. Die meisten Läden sind wie Kioske gebaut, aus bunt angestrichenem Holz, und mit einem Schild versehen, das den Besitzer, den Standort und das Fachgebiet ausweist: Bengalisch, Englisch, Hindi, Urdu, Arabisch, Geschichte, Religion, Politik… Die nach oben aufgeklappten Türen dienen tagsüber als Sonnenschutz für die Kunden, die vor der Ladentheke warten, während die Besitzer in den Regalen den gewünschten Titel suchen.

»Stall No. 54, Presidency College Wall, 86/1 College Street« gehört Herrn Mallick, seit über vierzig Jahren hat er sich auf juristische und literaturwissenschaftliche Lehrbücher spezialisiert. Sein Hemd ist makellos gebügelt und passt hervorragend zu seinem vor etlichen Wochen schwarz gefärbten Haar, das er wie viele Intellektuelle in Kalkutta ein bisschen länger, aber scharf gescheitelt trägt. Von unserer Frage nach einem Stadtplan fühlt er sich sichtlich unterfordert. Aber er lächelt nachsichtig, legt seine Lektüre zur Seite und steigt auf ein Leiterchen.

Tatsächlich findet er nach einigem Kramen eine einfarbig gedruckte Karte, die vielleicht in den sechziger Jahren zuletzt aktualisiert wurde und zu einem Adressbüchlein für die Stadt gehört, das mit einem Karl-Marx-Motto beginnt und dann Günter Grass zitiert: »Wenn Kalkutta stirbt, werden alle anderen Städte sterben.« Taugt die denn noch?, fragen wir. Aber ja, sagt Herr Mallick. Kalkutta habe sich seitdem kaum verändert. Auf Günter Grass ist er nicht gut zu sprechen. Immer dieser westliche Blick, das ewige Reden vom Moloch. Als gebe es hier nur Elend und nicht auch eine sehr vitale Kultur.

Mit dem Plan in der Tasche gehen wir weiter zum Großbuchhändler Das Gupta. Herr Mallick hat ihn uns genannt als die erste Adresse für Filmliteratur. In der College Street gehört es zum guten Ton, seine Kollegen zu kennen und zu empfehlen. So »surft« der Kunde von einem Verweis zum nächsten, sucht etwas, findet es, kommt auf neue Ideen – und all das nicht im Internet, sondern zu Fuß in einem Viertel, das lebendiger kaum sein könnte.

Arabinda Das Gupta empfängt seine Kundschaft, genau wie die kleinen Straßenhändler, täglich außer sonntags von neun bis neun. Sein Geschäft ist ein großer, verwinkelter Laden voller edler Büchervitrinen aus Teakholz und Glas. Manchmal stehen seine Kunden Schlange in der Schneise zwischen den Bergen von Neuerscheinungen, die vom Eingangsbereich zu seinem Schreibtisch führt. »Arabinda Babu«, Onkel Arabinda, wie er von den meisten im Laden respektvoll genannt wird, ist Buchhändler in vierter Generation. Ein Schild in altmodischer Werbeschrift präzisiert: » Booksellers since 1886 «.

Das Gupta & Company ltd. gilt als eine Institution in der College Street, und den Inhaber erfüllt sein Gewerbe mit Stolz: »Der Buchhandel wird in Westbengalen als eine der nobelsten und wichtigsten Tätigkeiten überhaupt angesehen. Man merkt es daran, dass, wann immer Bedarf besteht, Vertreter unserer Branche Termine bei unseren Politikern bekommen, sogar beim Ministerpräsidenten in Delhi.« Dass dieses Vorrecht wohl vor allem ihm selbst gilt, erwähnt Das Gupta als vornehmer Mann nicht. Aber es dürfte kein Zufall sein, dass gleich gegenüber von Das Gupta & Company gerade ein mehrstöckiges Gebäude für den bengalischen Buchhandel entsteht, mit 65000 Quadratmetern Fläche. »Wir müssen in die Höhe gehen«, sagt Das Gupta. »Am Boden ist schon lange kein Platz mehr. 10000 Buchläden sind hier im Viertel, und ständig werden es mehr.«

Er weiß genau, dass ausländische Besucher bei dieser Zahl fast vom Stuhl fallen, und setzt mit Genuss noch eins drauf. Es gibt nämlich auch 3000 Verlage und eine jährliche Buchmesse – »die übrigens mehr Besucher hat als Ihre Messe in Frankfurt«. Obwohl Onkel Arabinda morgen geschäftlich nach London muss, lädt er uns noch auf eine Tasse Tee ein. Als der tea boy mit seinem Tablett kommt, gesellen sich Frau Das Gupta und ein Verkäufer an den Schreibtisch des Chefs. In Kalkutta wird der Tee aus winzigen Tonschalen getrunken, die etwas nach Erde schmecken und den überall in der Stadt beliebten Plauderstündchen – addah genannt – eine besondere Note verleihen. Wir reden über Rabindranath Tagore, das Universalgenie der bengalischen Dichtung, und die vielen, die ihm bis heute folgen. Die im Ausland berühmtesten Söhne der Stadt, Amitav Gosh, Vikram Seth, Amit Chaudhuri… sind allesamt Schriftsteller, sagt Das Gupta. Nun gut, sie schrieben zwar auf Englisch. Doch von der »Süße« der bengalischen Sprache hätten sie alle profitiert.

Unterdessen hat sich fast ohne Dämmerung der Tag verabschiedet, allenthalben werden auf der College Street die Neonleuchten angeknipst. Kühler wird es nicht, dafür voller. Die Studenten und Professoren verlassen die Universitäten und mischen sich unter die Flaneure, die von einem Laden zum nächsten schlendern, auf der Suche nach einem Schnäppchen, einer Rarität oder einem Kinderbuch zum abendlichen Vorlesen daheim. Viele der Kunden stehen oder sitzen, mit einem Buch in der Hand, völlig in sich versunken und ignorieren den Krach der Autos, der Straßenbahn, der Rikschafahrer und Boten, die beängstigend hohe Bücherstapel auf ihren Karren umherziehen. Auch viele der Buchhändler sieht man lesend hinter ihren Kontoren. Anders als auf den anderen Märkten der Stadt wird hier die Ware nicht ausgerufen; laute Stimmen hört man höchstens mal, wenn über den Preis verhandelt wird. Unter den Studenten, die sich in Kalkutta (ganz anders als im modeversessenen Mumbai) mit abgegriffenen Schultertaschen und legerer Kleidung gerne zu erkennen geben, gilt es als offenes Geheimnis, dass man in der College Street Bücher sogar auf Pump kaufen kann. Vorausgesetzt, man geht beim Händler als mittelloser Büchernarr durch.

Dank der Nähe zu den drei Universitäten boomt vor allem der Handel mit Semesterliteratur. Man sieht viele Stapel der neusten Computerbücher, die mit ihren schrillen, angeberischen Farben hervorstechen. Etwas blasser daneben die medizinischen Werke. Etwas vergilbter die antiquarischen Bücher und Romane aus zweiter Hand. Die meisten scheinen eher aus dritter oder vierter Hand zu stammen. Wenn ein Buch auseinanderfällt, spendiert der Händler ihm einen neuen Umschlag mit handschriftlich »designtem« Titel. Die Spezialisten für solche Ware stehen in der Hierarchie der College Street aber immer noch weit über denen, die die sogenannten chapbooks verkaufen. Ihre Geschäfte bestehen oft nur aus einer Plane mit einem Haufen schmächtiger Büchlein, für unser Verständnis eher Broschüren.

Chapbooks müssen vor allem eines sein: billig. Sie finden ihre Kunden meistens in der Landbevölkerung. Tatsächlich gehört der Besuch der College Street für viele Menschen aus den Dörfern um Kalkutta zu den Höhepunkten ihres Stadtausflugs. Chapbooks gibt es aus nahezu allen Sujets. Oft sind es simplifizierte Fassungen von Gebetbüchern oder Werken der Weltliteratur. Man findet aber ebenso Ratgeber jeder Art und – klar, das gibt es auch – Pornografie. Die Heftchen haben meistens jedoch nur ein »scharfes« Cover: barbusige Blondinen mit Sechziger-Jahre-Frisuren oder bis zur Unkenntlichkeit hochkopierte Bettszenen aus skandinavischen Filmen. Innen sind keine Bilder mehr, nur einige Textseiten aus dunkelgrauem Recyclingpapier. Das mag neben dem Jugendschutz ein Grund dafür sein, warum sie bis zum Verkauf mit einer dicken Klammer zusammengeheftet sind.

Doch die College Street ist auch ein Ort für sehr viel größere Versprechen. Am deutlichsten spürt man das im legendären Coffee House. Das Café mit dem unscheinbaren Namen befindet sich im ersten Stock eines Hauses um die Ecke vom National Book Store, dem würdigsten Konkurrenten von Das Gupta & Company. Schon im Treppenhaus umfängt einen die phänomenale Akustik des hohen Café-Saals wie eine Verheißung. Hunderte Stimmen reden zugleich, aber nicht durcheinander wie an einem Bahnhof, sondern hoch konzentriert. Ist man erst drin, zweifelt man keine Sekunde mehr an dem Mythos, dass hier seit Jahrzehnten quasi ununterbrochen über Kunst und Literatur und Film diskutiert wird, dass auf den Tischen unzählige Bücher verfasst wurden. Kein Wunder, dass hier die bengalische Studentenrevolution der sechziger und siebziger Jahre begann. Um wirklich alle Tische sitzen Gruppen junger und älterer Menschen. Sie unterhalten sich äußerst lebhaft miteinander. Etwas schmuddelig weiß livrierte Kellner mit altmodischen Turbanen bringen ihnen zwischendurch Kaffee und Snacks.

Das Coffee House wird von der bengalischen Kaffeearbeiter-Kooperative betrieben und wirkt wie ein Gegenentwurf zur Starbucks-Kultur. An unserem Tisch – wir sind mit dem jungen Filmregisseur Supriyo Sen verabredet – sitzen ein Schriftsteller, der gerade an einem Essay schreibt, und ein Lyriker, der nebenher Herausgeber eines Literaturmagazins ist. Die neueste Ausgabe trägt er in einer Plastiktüte bei sich. Wir sprechen über den Film Slumdog Millionaire, der in Mumbai spielt, aber auch hier die Gemüter erhitzt. Willkommene Sozialkritik oder wieder einmal nur der westliche Blick auf Indien, der nicht loskommt von den Slums?

Der Abend endet in einem winzigen Verlagshaus in einer Nebengasse der College Street. Arun Banerjee verlegt Lehrbücher der bengalischen Literatur für Schulen im 13. und im 18. Regierungsbezirk. Auf dem glatt gescheuerten Betonboden liegt eine Strohmatte für Besucher. Neonlicht beleuchtet die altersschwachen Regale voller hübscher Bücher. Banerjee erzählt, er habe zuerst etwas widerwillig den Verlag von seinem Vater übernommen, denn eigentlich wollte er Sänger werden. Supriyo Sen bittet seinen Freund, uns die Lieder vorzusingen, die auch in seinem nächsten Film vorkommen sollen. Sie sind so romantisch, dass man gut versteht, warum sich Banerjee selbstironisch einen »sehr kleinen Geschäftsmann« nennt. Das Geldverdienen ist seine Sache nicht. Er verbietet uns, die von ihm nebenbei veröffentlichten Gedichtbände zu bezahlen, die wir einem bengalischen Freund in Deutschland mitbringen möchten. Dieser Freund hatte immer schon von der College Street in Kalkutta geschwärmt, diesem aus der Zeit gefallenen Paradies für Bücherfreunde. Wo die Schriftsteller täglich ihre Verleger treffen, die Leser auch selber schreiben und es keineswegs als weltfremd gilt, wenn ein Buchhändler seine Ware erst verkauft, nachdem er sie selbst gelesen hat. Und wo sich das ganze Leben eigentlich nur um Bücher dreht.

Anreise: Direktflüge von Frankfurt am Main nach Kalkutta gibt es mit Air India oder Lufthansa

Unterkunft: Das wohl schönste Hotel in Kalkutta ist das im viktorianischen Kolonialstil erbaute Oberoi, 15, Jawaharlal Nehru Road, Tel. 0091-33/ 22492323, www.oberoikolkata.com. DZ ab circa 300 Euro. Das Park-Hotel bietet modernes Design und exzellenten Service. 17, Park Street, Tel. 0091-33/22499000, www.theparkhotels.com/park/calcutta/hotels. DZ ab circa 120 Euro. Preiswert und gut ist das im traditionellen Stil geführte Fairlawn Hotel, 13 A, Sudder Street, Tel. 0091-33/22521510, www.fairlawnhotel.com. DZ ab 40 Euro. In der Sudder Street gibt es auch etliche einfache Budget-Hotels

Die College Street ist außer sonntags von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Ein breites Sortiment englischsprachiger Bücher gibt es im National Book Store (15, Bankim Chatterjee/Ecke College Street), ebenso bei Das Gupta & Co (54/3, College Street). Bei Dey’s Publishing House (13, Bankim Chatterjee Street) – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Coffee House gelegen – findet man interessante bengalische Literatur in englischer Übersetzung. Das Coffee House (gegenüber dem Presidency College, täglich geöffnet 9–21 Uhr) ist ein Muss

Literatur: Das besondere Milieu der bengalischen Kulturhauptstadt wird gut in »Die Schattenlinie« von Amitav Gosh oder in Vikram Seths »Eine gute Partie« beschrieben. Für allgemeine Informationen: »Footprint Handbook for Northeast India« (auf Englisch, aktualisierte Ausgabe Oktober 2007, 24,90 Euro). Empfehlenswerter Stadtplan: ITMB Map of Calcutta and Northeast India (mit U-Bahn-Plan, 10,90 Euro), über die Reisebuchhandlung Schropp, Tel. 030/23557320, www.schropp.de

Auskunft: India Tourism, Frankfurt, Tel. 069/2429490, www.india-tourism.com

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Leser-Kommentare
  1. falls der autor mit jemandem eine wette abgeschlossen hat, dass sich gleich im ersten kommentar jemand über die noch immer falsche bezeichnung von kolkata im artikel aufregen wird, so hat er diese verloren. nö, ich rege mich nicht auf. ich bin nur ein bisschen erstaunt.

  2. Nachdem die große Umbennungswelle (Bombay-Mumbai, Kalkutta-Kolkata...) stattgefunden habe ich oft das Gefühl, dass besonders im Westen mit großem Eifer die neuen Namen verwendet werden. Als böse westliche Kolonialnationen müssen wir natürlich die Chance wahrnehmen eine Art kulturelle Wiedergutmachung zu leisten. Denn schließlich haben die bösen Engländer die ganzen Indischen Städte umbenannt.
    In Indien selber ist hiervon reichlich wenig zu spüren. Bombay in einem Satz, Mumbai im nächsten. Das ist alles nicht so wichtig.

    Die einzigen die wirklich auf die neuen (alten) Namen bestehen sind die vollkommen unsympathischen Shiv Sena Hindu Nationalisten in Bombay die sonst hauptsächlich damit beschäftigt sind die nicht Bombay stämmigen Indier (und Muslime sowieso) in Mumbai zu verprügeln und "Maharashtra for for the Maharashratrans" (Maharashtra ist der Bundesstaat in dem Mumbai gelegen ist) zu rufen.

    Insofern haben die neuen alten Namen in Indien immer ein Geschmäckle, dass so gar nicht den der westlichen Assoziation mit Weltoffenheit und der Überwindung der Kolonialzeit zusammenpassen will...

    Anbei sei Erwähnt dass ich seit drei Jahren in Indien lebe.

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18
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  • Schlagworte Indien | Günter Grass | Tourismus | Literatur | Mumbai
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