An Pfingsten scheint die Sonne bei einer Temperatur von 23 Grad. Was würde geschehen, wenn die Meteorologen genau das verkündeten? Wir würden spotten: Pfingsten! Bis dahin sind es noch fünf Wochen! Wie können sie schon jetzt das exakte Wetter kennen? Und selbst wenn wir der Prognose glaubten, Grillwürstchen kauften und Freunde einladen würden: Ob es sonnig wird oder nicht, könnten wir dadurch nicht beeinflussen.

In der Wirtschaft ist das anders, und deswegen sind Zukunftsaussagen gefährlich. An diesem Donnerstag veröffentlichen die Forschungsinstitute ihre Frühjahrsprognose, kommende Woche ist die Regierung dran. Sie werden vorhersagen, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland in diesem Jahr insgesamt um sechs Prozent sinken wird. Damit ist die Horrorzahl in der Welt. Sie beziffert das Schrumpfen der Wirtschaft. Doch diese Ziffer ist ohne Wert – wie alle bisherigen Aussagen über den Verlauf der Krise.

Dennoch hat die Horrorzahl Folgen: Weil die Menschen darauf reagieren, weniger konsumieren, weniger investieren, weil sie ängstlicher sind, könnte die Wirtschaft noch schneller schrumpfen. Das ist das Kernproblem. Die Krise nährt die Sehnsucht nach Prognosen – aber die Prognosen nähren die Krise.

Warum nicht ganz auf Prognosen verzichten? Das sei Blödsinn, sagen Ökonomen. Auf einem Schiff, auf dem das Navigationssystem ausgefallen sei, werfe man nicht auch noch den Kompass über Bord. Dieselben Ökonomen räumen allerdings ein, dass ihr Kompass kaputt sei. Mit ihren Prognosemodellen sahen sie diese Krise nämlich nicht vorher. Aber weil sie keine besseren Modelle haben, rechnen sie einfach mit den alten weiter.

Allein 50 Institutionen beschäftigen sich in Deutschland mit Konjunkturerwartungen, sie alle prognostizieren Zahlen, und sie finden nur Gehör, wenn sie immer spektakulärere Aussagen treffen. Die Medien spielen mit. Die Fixierung auf eine Zahl erleichtert ihnen die Unterscheidung zwischen gut oder schlecht, richtig oder falsch: Schrumpft die Wirtschaft stärker als erwartet, hat die Regierung einen miserablen Job gemacht. Aber auch die Regierung prognostiziert gern und viel. Die Kanzlerin etwa sieht bereits das Ende der wirtschaftlichen Talfahrt. Auch das ist Spekulation.

Natürlich ist der ökonomische Blick in die Zukunft zutiefst menschlich. Wir wollen wissen, wie sich unser Leben entwickelt; wie viel Geld wir verdienen oder verlieren könnten; ob es lohnt, einen Kredit aufzunehmen oder nicht. Auch die Politik braucht Annahmen und Schätzungen. Sonst könnte die Regierung etwa keinen Staatshaushalt aufstellen. Erstens aber basieren Prognosen immer nur auf Analysen der Vergangenheit. Zweitens müsste man mit Wahrscheinlichkeiten und Szenarien arbeiten. Doch die lassen sich eben nicht so plakativ vermitteln wie eine Punktprognose.

Angenommen, die Regierung würde intern mit Wachstumswahrscheinlichkeiten kalkulieren, aber darauf verzichten, eine konkrete Zahl zu nennen: Was würden wir verlieren? Und wie viel stattdessen gewinnen? Die Frage hört sich utopischer an, als sie ist. Viele Großkonzerne weigern sich derzeit, eine konkrete Geschäftsprognose abzugeben. Ihre Begründung: Es geht einfach nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio