Im Schatten der globalen Geldkrise des frühen 21. Jahrhunderts gewinnt eine Revolution an Gewicht, deren Folgen weit über korrigierbare wirtschaftliche Verwerfungen hinausreichen. Ihre Tragweite lässt sich allenfalls am Epochenwandel nach Gutenberg messen. Mit ihr geht die Ära des Buchdrucks zu Ende. Digital aufgelöst wie zuvor schon Ton und Bild, beliebig häufig kopierbar und mit einem Schlag weltweit millionenfach abrufbar, fügt sich das Buch in die Multimediawelt seiner entleibten Verwandten von Foto, Film und Musik. Damit zerfällt auch der älteste serienmäßig herstellbare Datenträger in Gefäß und Inhalt.

Das Medium der Aufklärung verliert seine Message und mit ihr ein Stück Sinn und Sinnlichkeit. Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten. Selbst eisern Bibliophile werden Gutenbergs Erbe in seiner jetzigen Form nicht erhalten können. Der Niedergang von Buchherstellung und -handel, so bitter wir ihn beklagen, folgt der Logik einer langen Kette bereits untergegangener Handwerke, Manufakturtechniken und Handelsverfahren.

Die Entwicklung ist unaufhaltsam, nur über den Zeitraum herrscht noch Uneinigkeit. Er wird sich aber kaum in Generationen messen lassen. Erinnert sich noch jemand an die Schreibmaschine, bis vor Kurzem unverzichtbares Attribut aller Tippsen und Texter? Erleben wir nicht, wie schnell die Mail den Brief verdrängt? Und Wikipedia das gute alte Lexikon? Vor 20 Jahren wurde das World Wide Web erstmals vorgeschlagen. Allenfalls die Älteren können sich noch eine Welt ohne Internet vorstellen.

Mag das Buch aus Sicht der Vergangenheit seine Seele verlieren – mit Blick nach vorn ist sie dabei, sich aus ihrem Körper zu befreien. Als Fluchthelfer stehen ausgerechnet jene bereit, die für ihren Namen auf dem vorderen Umschlag eines Druckwerks mitunter alles geben: Den Autoren als Urhebern (und ihren Partnern, den Lesern) eröffnet die Ära des entleibten Buches ungekannte Dimensionen – falls sie tun, was Kulturschaffende immer getan haben, wenn sich ihnen neue Techniken und Entfaltungschancen bieten. Aus ihrer »Feder« wird das Buch der Zukunft kommen, das über die Zukunft des Buches entscheidet.

Wenn Bücher demnächst auf allen möglichen Geräten lesbar werden, die gleichzeitig Bilder zeigen, Töne abspielen und Verbindungen zu Internet und anderen Geräten herstellen können, dann wird es nicht mehr lange dauern, bis sich ihrerseits ihre Erzeuger mehr und mehr multimedialer Mittel bedienen, um Werke zu produzieren, die in Gutenbergs Universum keinen Platz mehr finden. Es wird Bestseller geben, die nie als Druckerzeugnis erscheinen, Handyromane in Fortsetzung, die alle lesen, weil alle darüber sprechen (in der U-Bahn von Tokyo eindrucksvoll zu beobachten), undruckbare, multimediale, ständig aktualisierte, reichhaltig animierte Sachbücher, Individualreiseführer oder Enzyklopädien, die kaum noch etwas mit ihren papiernen Vorfahren gemeinsam haben, vernetzte Werke aus Netzwerken von Autoren, verzweigte Geschichten, die vor den Augen des Publikums entstehen, und so vieles mehr, das wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Es wird runde Bücher geben, endlose Texte ohne Anfang und ohne Ende

Jenseits der Oberfläche winkt eine Welt aus Information und Kommentaren. Wer gerade nicht weiß, wo Timbuktu liegt oder wie es zum Bruch zwischen Nietzsche und Wagner kam, findet die Antwort unverzüglich auf einer der Ebenen unter dem Buch, das er gerade liest. All die Lesegruppen, die sich um den Da Vinci Code, Sophies Welt oder Die Globalisierungsfalle scharten, können nun Spuren hinterlassen, die jeder weitere Leser verfolgen kann. Wir werden mit Büchern leben können wie nie zuvor – und dabei, wenn es uns gefällt, immer noch auf Papierversionen zurückgreifen und sie linear in einem Schwung zu Ende lesen. Solche Bücher wird es immer geben.

Doch wenn wir mögen, hören wir obendrein die Musik, die der Held in der Stunde des Abschieds vernimmt. Wir sehen Venedig im 17. Jahrhundert, lassen uns durch Vatikan oder Pentagon führen, verfolgen den Briefroman mit der täglichen Mail oder erfahren den biografischen Hintergrund einer Schlüsselszene bei Robert Walser. Wir erleben Autoren im Ringen um ihr Lebenswerk, das sie immer weiter verfolgen und verändern. Andere schreiben runde Bücher mit unendlichen Geschichten ohne Anfang und Ende. Zettels Albtraum als Erfüllung der Träume von Walker Percy und David Foster Wallace mit seinen unsterblichen Fußnoten. Und nur ein Augenzwinkern entfernt, sämtliche Sekundärliteratur – goldene Zeiten für Kundschafter auf Spuren des K., die mehr verstehen wollen als sie allein begreifen können.

Die Frage, ob »wir« das wollen, ist so müßig wie die, ob wir Privatfernsehen wollten oder Handy oder Internet. Ist der Geist aus der Flasche, kehrt er nicht mehr dorthin zurück. Kommende Generationen werden kaum glauben, dass er je hineingepasst hat. Wie das Leben selbst, so erobert sich als Ausdruck seines Bewusstseins die Kultur auf Dauer jeden verfügbaren Raum. Die Grenzen zwischen dem Buch und dem Rest der Medienwelt werden sich schließlich so vollständig verlieren wie die zwischen Werbung und Unterhaltung. Am längsten dürften sich noch Genres wie Roman, Biografie oder Wörterbuch gegen andere und neue Formen behaupten – bis wir »Buch« nur noch gebrauchen wie heute die »Feder« der Autoren.

Die neuartigen Lesegeräte scheinen von dieser Zukunft noch nicht viel zu wissen. Mit ihren Stärken – gedruckt scharfen Bildschirmen und langen Laufzeiten – lenken sie nur von ihrer größten Schwäche ab: Sie bieten alten Wein in neuen Schläuchen. Im Moment erlauben sie kaum mehr, als Bücher genau so zu lesen, wie wir sie kennen – nur statt von echtem Papier nun von elektronischem und auf Wunsch in Rentnerschrift. Dass sich Texte, auch ganze Bibliotheken, auf Computer herunterladen, auf ihnen manierlich lesen und nach Stichworten durchsuchen lassen, dürfte kaum noch jemanden überraschen. Dass die Speicher der neuen Buchersatzmaschinen angesichts der Selbstverständlichkeit, tausend dicke Bücher auf ein Handy laden und von ihm auch lesen zu können, prähistorisch klein wirken, lässt sie schon bei ihrer Einführung seltsam museal erscheinen.

Im Museum werden die Apparate aber auch irgendwann landen, weil sich Bücher und andere Druckwerke im Prinzip schon jetzt auf jedem Gerät mit Bildschirm sehen lassen können – und erst recht auf jenen preisgünstigen Multimediakommunikatoren, die in allen Größen von Jacken- bis Aktentaschenformat gerade entstehen. Vielleicht sind die heutigen E-Books nur als trojanische Pferde zu verstehen, die in halbwegs vertrauter Verpackung neuartige Ideen unters Volk schmuggeln sollen. Wer sich einen Faust oder eine Kafka-Biografie herunterladen kann, vergisst leichter seine Berührungsängste.

Dass jetzt Buchhändler Lesegeräte vertreiben (müssen) wie Schaufeln fürs eigene Grab, gibt dem Umbruch ein Gesicht seiner Opfer. Jedes einzelne Buch, das als legale oder illegale Kopie oder als Download statt gedruckt über den Ladentisch bezogen wird, fehlt in den Bilanzen derer, die vor Kurzem noch allein Gutenbergs Erbe verbreitet haben.

 

Bücherfreunde wie Verleger täuschen sich allerdings, wenn sie glauben, Autoren gehe es zuerst ums Anfassbare. Es kann schön sein, die Nase zwischen die Seiten des eigenen Buches zu stecken, mit einem Bleistift Stellen zu markieren, es in den Händen anderer Menschen zu sehen. Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten. Doch nicht dafür arbeiten wir, sondern für das, was beim Leser ankommt, selbst wenn es nur Backrezepte oder Steuerspartipps sind. Und natürlich für das Einkommen, das wir so erzielen können. Ob das geistige Eigentum dann gedruckt oder gepixelt zum Verbraucher gelangt, wird zweitrangig. Einen Meilenstein erreicht die Revolution, wenn das erste elektronische »Buch« in den Bestsellerlisten auftaucht.

Kaum ein lebender Autor, der den Niedergang des Buchhandels nicht bedauern würde – auch als Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentlicher Erlebnisraum. Kaum einer aber, der zu dessen Rettung die Digitalisierung seines Werkes ausdrücklich untersagen würde. Und wohl kaum ein Verlag, der das zulassen und auf die zusätzliche Einnahmequelle verzichten würde. Dabei wäre das der einzige, wenn auch rückwärtsgewandte Weg, die Entwicklung ein wenig zu verlangsamen und ein paar nicht ganz unwichtige Fragen zu klären: Wie sollen die Urheber der Bücher in Zukunft für ihre Arbeit entlohnt werden? Sind Verlage imstande, die Rechte ihrer Autoren adäquat zu schützen? Können sie gemeinsam Lösungen finden, die beiden dienen? Oder sind wir einmal mehr alternativlos dem Wohl und Wehe mächtiger Monopolisten ausgeliefert? 

Die Preise für derzeit erhältliche elektronische Bücher stimmen skeptisch. Sie liegen nur knapp, bei Hardcovern ein oder zwei Euro, unterm Ladenpreis für gedruckte Bände. Dabei wären heutige 20-Euro-Bücher in digitaler Form mit zehn Euro gut bezahlt, auch wenn den Autoren (und ihren Agenturen) deutlich mehr als die zurzeit üblichen zwei bis zweieinhalb Euro blieben. Doch obwohl alle Druck- und Vertriebskosten inklusive Verpackung, Transport sowie die in dieser Kette enthaltenen Löhne und Einnahmen und überdies der Buchhändlerrabatt von 40 bis 45 Prozent entfallen, erhalten die Urheber von dem kräftigen Zugewinn keinen Cent.

Im Gegenzug müssen sie mit ansehen, wie sich ihre volatil gewordene Ware selbstständig macht. Die Verlagswelt scheint, mit bangem Blick auf die Erfahrung der Musikbranche, vor dem Datenklau zu kapitulieren, bevor er begonnen hat. Ob er tatsächlich in der gleichen Größenordnung stattfinden wird wie bei Musik und Film, zumal es sich um vollkommen unterschiedliche Produkte und Kreise von Kunden (inklusive Täter) handelt, ist noch nicht ausgemacht. Der jugendfreien Massenware fürs infantile Publikum aller Altersklassen wird das Schwarzkopieren und Herunterladen, ohnehin eher ein Problem von U als von E, vermutlich mehr zu schaffen machen als spezielleren Büchern für seriösere Leser. 

Viel schwerer wiegt, ob wir den durch Steuervorteil und Preisbindung ohnehin besonderen deutschsprachigen Büchermarkt im digitalen Bereich nicht besser schützen können, als einmal mehr Amazon, Google und Co. das Feld zu überlassen. Die meisten Autoren (wie ihre Partner in Agenturen und Verlagen) wurden kürzlich gleichsam über Nacht von der Nachricht überrascht, ihre Bücher würden fortan digitalisiert im Netz auftauchen (offiziell ist keiner davon unterrichtet worden). Auf der einen Seite kein Problem, immerhin ein paar Leser mehr. Auf der anderen kein geringes, weil Urheber und ihre Erzeugnisse unfreiwillig Marktbeherrschern ausgeliefert werden, deren Machtbereich sie besser fernblieben.

Warum kann das mehr oder weniger exklusive deutschsprachige Verlagswesen seine Digitalisate nicht zunächst ausschließlich über die eigene gemeinsame Plattform anbieten, statt sich chancen- und irgendwie auch lustlos neben die Riesen zu stellen? Kaum eine Branche hängt so sehr am Herkunftsland wie das Geschäft mit Texten in der Landessprache. Immerhin liefert sie hundert Prozent der Ware und vertritt in gleichem Maße Autoren und Übersetzer. Wenn es sofort wieder heißt, keiner könne sich mit den Giganten anlegen, dann lautet die Gegenthese: alle zusammen sehr wohl. Hier geht es nicht um Protektionismus und Freihandel, Autos, Getränke, TV-Serien oder Popsongs, sondern um das Rückgrat von Sprachgemeinschaft und Kultur. Das lässt sich nicht verpflanzen, ohne sein Nervensystem zu beschädigen.

Die Verlage scheinen gerade erst zu begreifen, dass sie sich neu erfinden müssen (bei Wörterbüchern, Lexika, Stadtplänen oder Landkarten stehen sie schon erheblich unter Druck). Vor ihnen liegt das Kunststück, wenn sie nicht untergehen wollen, über den eigenen Schatten zu springen und dabei deutliche Substanzverluste zu verkraften. Auch bei gleichen Auflagen wird es weniger Umsätze geben, weniger Arbeitsplätze und vermutlich auch weniger Verlage. Die größten Überlebenschancen sollten jene haben, denen das entleibte Buch nicht nur als austauschbare Handelsware gilt, sondern als individuelles Werkstück individualistischer Urheber. Nie war deren innovativer Geist gefragter als in Zeiten, da das Buch als Datensatz im gleichen technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.

Das künftige Verhältnis von Autor zu Buch lässt sich am besten so charakterisieren, dass ein Buch einen Autor braucht, aber ein Autor kein Buch. Zumindest keines von Gewicht, das hergestellt, verpackt, verschickt und verkauft werden muss. Papier ist weder zum Schreiben noch zum Lesen nötig. Milliarden verschickte und empfangene Botschaften können nicht irren. In der Zeit nach Gutenberg brauchen Autoren auch keine klassischen Buchhändler, Lieferanten oder Verleger mehr, um ihren Beruf bis zu seiner möglichen Erfüllung ausüben zu können, der Publikation. Für sie zählt der Inhalt mehr als das Behältnis, dessen Produktion, Vertrieb und Handel eine beträchtliche Zahl an Jobs unterhält und dabei Energie und Rohstoffe in großem Umfang verschlingt.

In Zukunft muss es kein unpubliziertes Buch mehr geben – das ist die gute Nachricht für die Unberücksichtigten und Verkannten. Alle erhalten die Chance, ihr Werk einer Öffentlichkeit vorzustellen, und sei es über Open-Source-Plattformen oder soziale Netzwerke. Dort müssen sie sich zwar ebenfalls dem Wettbewerb stellen. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass unter den Bergen digitaler Ladenhüter auch echte Schätze schlummern. So bekommt am anderen Ende des Spektrums auch die Masse der heutigen Durchschnitts-, Klein- und Nichtsverdiener ihre Chance.

Im Zuge der größten anzunehmenden Krise, die täglich ewige Wahrheiten stürzt, kann die Revolution zusätzlich an Moment gewinnen. Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß auch zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen – am sinnvollsten im starken Verband, um die Rechte der Einzelnen besser zu schützen. Selten waren Autorengewerkschaften gefragter als in diesen Tagen. Und sollten die Urheber ihre Werke tatsächlich bald selbst publizieren, dann am besten gleich jene, die nicht mehr zwischen zwei Deckel passen: Out of Print als Verlag der undruckbaren Bücher am Beginn einer neuen Zeit.

Dienstleistungen wie Lektorat oder Layout sind längst auf dem freien Markt zu haben, woher Verlage sie schon jetzt mehr und mehr beziehen. Die klassischen Buchmenschen werden innerhalb ihrer Branche umgekehrt künftig nicht mehr unter sich sein. Konkurrenz könnte ihnen aus den heutigen Literaturagenturen ebenso erwachsen wie aus gänzlich neuen Internetportalen, die dank strenger Selektion mit ihrem Namen für Qualität bürgen. Warum dann nicht gleich auch selber produzieren und vertreiben (lassen)?

 

Wenn jeglicher physische Kontakt zur Ware entfällt, könnte bei voll automatisierten Download- und Abbuchungssystemen das jetzige 20-Euro-Buch dem Urheber sogar zum Preis von fünf Euro ein höheres Einkommen sichern als heute. Zudem dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch in »Büchern« Werbung erscheint. Bei Ratgebern oder Lebenshilfebüchern, Reiseführern oder Rezeptsammlungen bietet sich gezielt geschaltete Reklame geradezu an. Durch Anzeigen in Bild, Ton und Text wären die Erlöse so weit zu steigern, dass sich Bestseller als Downloads sogar verschenken ließen. Niedrigere Preise könnten den Verkauf der »Bücher« fördern. Auflagen, Einkommen und nicht zuletzt die Zahl der möglichen Leser würden steigen. Selbst angenommen, diese investierten in Zukunft nur noch die Hälfte ihres augenblicklichen Etats für Druckerzeugnisse in allen möglichen Lesestoff, stünden die Autoren noch als Gewinner da.

Und wenn nicht? Dann sprechen wir von einem ganz anderen Problem, das neben dem Buch alle verkäuflichen Druckerzeugnisse betrifft, namentlich einem Problem unserer Kultur. Was sind uns Lesen und Schreiben für die kindliche Entwicklung, für die allgemeine Bildung, für unser Miteinander als kulturelles Gut und gesellschaftlicher Kitt jenseits aller Geschäfte noch wert? 

Kurt Beck wurde als Parteivorsitzender von einem Kabaretttalker einmal gefragt, was er als Demokrat und Sozialdemokrat vorziehen würde: dass die Leute Oskars Linke wählen oder gar nicht zur Wahl gehen. Die Frage beim Buch könnte bald entsprechend lauten: Was ist uns lieber – dass die Leute von Monitoren oder gar nicht lesen? Die Antwort fiel Beck so schwer wie heutigen Buchmachern, die das Ende ihrer Zunft vor Augen haben. In Wahrheit geht es nämlich nicht darum, wie in Zukunft geschrieben und gelesen wird, sondern ob, wie viel und was. Und da gibt es nicht nur Anlass zu Pessimismus. Schon jetzt werden in Form von Mails und SMS, in Foren, Blogs und sozialen Netzwerken mehr Texte hergestellt und konsumiert als noch vor 20 Jahren. Ihre Qualität mag auf einem anderen Blatt (oder Bildschirm) stehen. Das Verhältnis von Masse zu Klasse verändert sich jedenfalls nicht erst seit gestern und nicht nur beim Buch.

Mehr und mehr wird es darauf ankommen, was ein »Buch« über den Inhalt des klassisch gedruckten hinaus bietet. Dass etwa Reiseführer, wissenschaftliche Fachbücher oder andere Sachbücher mit steigerbarem Nutzwert, wenn sie erst auf allen möglichen Geräten zu lesen sind, in gedruckter Form größere Zukunftschancen besitzen als vor zehn Jahren Rollfilmkameras, ist schwer vorstellbar. Der Brockhaus hat den Anfang gemacht, am Ende wird sich kaum ein Lyriker darüber beklagen, dass seine Gedichte nur noch im Handy gelesen werden. Hauptsache, sie werden gelesen.

Verlage können Downloads ihrer Bücher auf eigener Plattform anbieten

Wenn es stimmt, dass Urheber weder vor legaler Digitalisierung noch vor der illegalen Verbreitung ihres geistigen Eigentums und damit vor Einkommensverlusten geschützt werden können, wenn wir gleichzeitig davon überzeugt sind, dass unsere Schriftkultur als vorrangige zivilisatorische Errungenschaft gepflegt und weiterentwickelt werden muss, weil Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören, dann müssen wir über völlig neue Geschäftsmodelle für ehemalige Druckerzeugnisse nachdenken. In Kreisen der krisengeschüttelten Zeitungs- und Zeitschriftenmacher wird bereits offen über öffentlich-rechtlichen Printjournalismus nachgedacht. Wenn derzeit von »systemrelevanten Branchen« die Rede ist, die unbedingt gerettet werden müssen, dann an vorderster Stelle die Journaille als ältester Garant der vierten Gewalt. Was Radio, Fernsehen, Film, Theater und Kunst (sowie Autobahnen, Sportplätzen, Steinkohle) recht ist, kann Zeitung und Buch nur billig sein.

Müssen wir uns also darauf einstellen, dass wir für Medieninhalte inklusive der bislang gedruckten demnächst einen (kleinen) Teil unserer Steuer oder eine zusätzliche Quasisteuer als Gebühr zu entrichten haben, um eine solide Grundsicherung an Lektüre zu garantieren? Die marktliberalen Abwehrreflexe bei manchen Lesern dieser Zeilen sind bis in die Fingerspitzen ihres Autors zu spüren. Manchen Mächtigen käme der Untergang der freien Presse vermutlich nicht einmal ungelegen. Nichts anderes gilt für Bücher als Träger freier Meinung und unverfälschter Information. Es gibt aber Dinge, wenigstens das sollte die Krise uns lehren, die dürfen nicht oder nicht ganz dem Markt überlassen werden.

Zeitungsverlage in den USA wollen eigens entwickelte Lesegeräte kostenlos an Abonnenten verteilen, weil sie das günstiger käme als der Druck und Vertrieb ihrer Zeitungen. Wenn ihre Rechnung aufgeht, könnten sie damit Redaktionen und deren »Blätter« retten, selbst wenn sich ihre Umsätze halbierten. Natürlich wird es auf Dauer keine Lesegeräte von bestimmten Verlagen, Vertrieben oder Vertreibern geben, die damit den Inhalt einschränken können. Das wäre, als könnte man mit bestimmten Fernsehern nur bestimmte Programme empfangen. Durchsetzen werden sich solche, auf denen wir alles lesen, an- und nachschauen können. Anbieter vom Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe haben das erkannt und bieten demnächst Inhalte auch für iPhone und Co. an.

Bei den digitalisierten Nachfolgern heutiger Zeitungen zeichnet sich ab, dass sich jeder Abonnent eines Mediendienstes sein persönliches Exemplar entsprechend seinen Interessen momentaktuell aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen und herunterladen kann, wo immer es Wi-Fi- oder Handyempfang gibt. Wenn erst das Lesegerät als Bestandteil des Kommunikators zu den Dingen gehört, die fast jeder fast immer bei sich hat, wird der Siegeszug des elektronischen Buches nur durch einen Umstand aufzuhalten sein: nicht gelesen, weil nicht gekauft.

Womöglich werden wir oder unsere Nachfahren eines Tages, um das Lesen und Schreiben zu retten, noch einen Schritt weiter gehen und allen alle Texte und Inhalte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung stellen. Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung – und als Erfolgsmodell moderner Wissensgesellschaften. Open Access wäre nicht der Untergang des Abendlandes. Im Gegenteil.

Gutenberg hat erreicht, dass mehr Menschen mehr Bücher besitzen und lesen können. Dasselbe kann der Revolution glücken, die sein Werk ins Museum schickt. In der Geschichtsschreibung kommender Generationen wird die globale Geldkrise des frühen 21. Jahrhunderts dann nur noch als Fußnote am Beginn des postgutenbergschen Zeitalters erscheinen.

Vom Autor ist zuletzt »Darwin. Das Abenteuer des Lebens« erschienen. Er lebt und arbeitet in Hamburg und bei Berlin