Bücherfreunde wie Verleger täuschen sich allerdings, wenn sie glauben, Autoren gehe es zuerst ums Anfassbare. Es kann schön sein, die Nase zwischen die Seiten des eigenen Buches zu stecken, mit einem Bleistift Stellen zu markieren, es in den Händen anderer Menschen zu sehen. Das Haptische werden wir uns in schönen Exemplaren immer noch leisten. Doch nicht dafür arbeiten wir, sondern für das, was beim Leser ankommt, selbst wenn es nur Backrezepte oder Steuerspartipps sind. Und natürlich für das Einkommen, das wir so erzielen können. Ob das geistige Eigentum dann gedruckt oder gepixelt zum Verbraucher gelangt, wird zweitrangig. Einen Meilenstein erreicht die Revolution, wenn das erste elektronische »Buch« in den Bestsellerlisten auftaucht.

Kaum ein lebender Autor, der den Niedergang des Buchhandels nicht bedauern würde – auch als Kultureinrichtung, Bildungsstätte und öffentlicher Erlebnisraum. Kaum einer aber, der zu dessen Rettung die Digitalisierung seines Werkes ausdrücklich untersagen würde. Und wohl kaum ein Verlag, der das zulassen und auf die zusätzliche Einnahmequelle verzichten würde. Dabei wäre das der einzige, wenn auch rückwärtsgewandte Weg, die Entwicklung ein wenig zu verlangsamen und ein paar nicht ganz unwichtige Fragen zu klären: Wie sollen die Urheber der Bücher in Zukunft für ihre Arbeit entlohnt werden? Sind Verlage imstande, die Rechte ihrer Autoren adäquat zu schützen? Können sie gemeinsam Lösungen finden, die beiden dienen? Oder sind wir einmal mehr alternativlos dem Wohl und Wehe mächtiger Monopolisten ausgeliefert? 

Die Preise für derzeit erhältliche elektronische Bücher stimmen skeptisch. Sie liegen nur knapp, bei Hardcovern ein oder zwei Euro, unterm Ladenpreis für gedruckte Bände. Dabei wären heutige 20-Euro-Bücher in digitaler Form mit zehn Euro gut bezahlt, auch wenn den Autoren (und ihren Agenturen) deutlich mehr als die zurzeit üblichen zwei bis zweieinhalb Euro blieben. Doch obwohl alle Druck- und Vertriebskosten inklusive Verpackung, Transport sowie die in dieser Kette enthaltenen Löhne und Einnahmen und überdies der Buchhändlerrabatt von 40 bis 45 Prozent entfallen, erhalten die Urheber von dem kräftigen Zugewinn keinen Cent.

Im Gegenzug müssen sie mit ansehen, wie sich ihre volatil gewordene Ware selbstständig macht. Die Verlagswelt scheint, mit bangem Blick auf die Erfahrung der Musikbranche, vor dem Datenklau zu kapitulieren, bevor er begonnen hat. Ob er tatsächlich in der gleichen Größenordnung stattfinden wird wie bei Musik und Film, zumal es sich um vollkommen unterschiedliche Produkte und Kreise von Kunden (inklusive Täter) handelt, ist noch nicht ausgemacht. Der jugendfreien Massenware fürs infantile Publikum aller Altersklassen wird das Schwarzkopieren und Herunterladen, ohnehin eher ein Problem von U als von E, vermutlich mehr zu schaffen machen als spezielleren Büchern für seriösere Leser. 

Viel schwerer wiegt, ob wir den durch Steuervorteil und Preisbindung ohnehin besonderen deutschsprachigen Büchermarkt im digitalen Bereich nicht besser schützen können, als einmal mehr Amazon, Google und Co. das Feld zu überlassen. Die meisten Autoren (wie ihre Partner in Agenturen und Verlagen) wurden kürzlich gleichsam über Nacht von der Nachricht überrascht, ihre Bücher würden fortan digitalisiert im Netz auftauchen (offiziell ist keiner davon unterrichtet worden). Auf der einen Seite kein Problem, immerhin ein paar Leser mehr. Auf der anderen kein geringes, weil Urheber und ihre Erzeugnisse unfreiwillig Marktbeherrschern ausgeliefert werden, deren Machtbereich sie besser fernblieben.

Warum kann das mehr oder weniger exklusive deutschsprachige Verlagswesen seine Digitalisate nicht zunächst ausschließlich über die eigene gemeinsame Plattform anbieten, statt sich chancen- und irgendwie auch lustlos neben die Riesen zu stellen? Kaum eine Branche hängt so sehr am Herkunftsland wie das Geschäft mit Texten in der Landessprache. Immerhin liefert sie hundert Prozent der Ware und vertritt in gleichem Maße Autoren und Übersetzer. Wenn es sofort wieder heißt, keiner könne sich mit den Giganten anlegen, dann lautet die Gegenthese: alle zusammen sehr wohl. Hier geht es nicht um Protektionismus und Freihandel, Autos, Getränke, TV-Serien oder Popsongs, sondern um das Rückgrat von Sprachgemeinschaft und Kultur. Das lässt sich nicht verpflanzen, ohne sein Nervensystem zu beschädigen.

Die Verlage scheinen gerade erst zu begreifen, dass sie sich neu erfinden müssen (bei Wörterbüchern, Lexika, Stadtplänen oder Landkarten stehen sie schon erheblich unter Druck). Vor ihnen liegt das Kunststück, wenn sie nicht untergehen wollen, über den eigenen Schatten zu springen und dabei deutliche Substanzverluste zu verkraften. Auch bei gleichen Auflagen wird es weniger Umsätze geben, weniger Arbeitsplätze und vermutlich auch weniger Verlage. Die größten Überlebenschancen sollten jene haben, denen das entleibte Buch nicht nur als austauschbare Handelsware gilt, sondern als individuelles Werkstück individualistischer Urheber. Nie war deren innovativer Geist gefragter als in Zeiten, da das Buch als Datensatz im gleichen technischen Format wie Bild und Ton mit allen anderen Medien um Aufmerksamkeit und Stücke vom Zeitbudget buhlen muss.

Das künftige Verhältnis von Autor zu Buch lässt sich am besten so charakterisieren, dass ein Buch einen Autor braucht, aber ein Autor kein Buch. Zumindest keines von Gewicht, das hergestellt, verpackt, verschickt und verkauft werden muss. Papier ist weder zum Schreiben noch zum Lesen nötig. Milliarden verschickte und empfangene Botschaften können nicht irren. In der Zeit nach Gutenberg brauchen Autoren auch keine klassischen Buchhändler, Lieferanten oder Verleger mehr, um ihren Beruf bis zu seiner möglichen Erfüllung ausüben zu können, der Publikation. Für sie zählt der Inhalt mehr als das Behältnis, dessen Produktion, Vertrieb und Handel eine beträchtliche Zahl an Jobs unterhält und dabei Energie und Rohstoffe in großem Umfang verschlingt.

In Zukunft muss es kein unpubliziertes Buch mehr geben – das ist die gute Nachricht für die Unberücksichtigten und Verkannten. Alle erhalten die Chance, ihr Werk einer Öffentlichkeit vorzustellen, und sei es über Open-Source-Plattformen oder soziale Netzwerke. Dort müssen sie sich zwar ebenfalls dem Wettbewerb stellen. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass unter den Bergen digitaler Ladenhüter auch echte Schätze schlummern. So bekommt am anderen Ende des Spektrums auch die Masse der heutigen Durchschnitts-, Klein- und Nichtsverdiener ihre Chance.

Im Zuge der größten anzunehmenden Krise, die täglich ewige Wahrheiten stürzt, kann die Revolution zusätzlich an Moment gewinnen. Selbst bislang Undenkbares rückt in den Bereich des Möglichen. Mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß auch zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen – am sinnvollsten im starken Verband, um die Rechte der Einzelnen besser zu schützen. Selten waren Autorengewerkschaften gefragter als in diesen Tagen. Und sollten die Urheber ihre Werke tatsächlich bald selbst publizieren, dann am besten gleich jene, die nicht mehr zwischen zwei Deckel passen: Out of Print als Verlag der undruckbaren Bücher am Beginn einer neuen Zeit.

Dienstleistungen wie Lektorat oder Layout sind längst auf dem freien Markt zu haben, woher Verlage sie schon jetzt mehr und mehr beziehen. Die klassischen Buchmenschen werden innerhalb ihrer Branche umgekehrt künftig nicht mehr unter sich sein. Konkurrenz könnte ihnen aus den heutigen Literaturagenturen ebenso erwachsen wie aus gänzlich neuen Internetportalen, die dank strenger Selektion mit ihrem Namen für Qualität bürgen. Warum dann nicht gleich auch selber produzieren und vertreiben (lassen)?