Wenn jeglicher physische Kontakt zur Ware entfällt, könnte bei voll automatisierten Download- und Abbuchungssystemen das jetzige 20-Euro-Buch dem Urheber sogar zum Preis von fünf Euro ein höheres Einkommen sichern als heute. Zudem dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch in »Büchern« Werbung erscheint. Bei Ratgebern oder Lebenshilfebüchern, Reiseführern oder Rezeptsammlungen bietet sich gezielt geschaltete Reklame geradezu an. Durch Anzeigen in Bild, Ton und Text wären die Erlöse so weit zu steigern, dass sich Bestseller als Downloads sogar verschenken ließen. Niedrigere Preise könnten den Verkauf der »Bücher« fördern. Auflagen, Einkommen und nicht zuletzt die Zahl der möglichen Leser würden steigen. Selbst angenommen, diese investierten in Zukunft nur noch die Hälfte ihres augenblicklichen Etats für Druckerzeugnisse in allen möglichen Lesestoff, stünden die Autoren noch als Gewinner da.

Und wenn nicht? Dann sprechen wir von einem ganz anderen Problem, das neben dem Buch alle verkäuflichen Druckerzeugnisse betrifft, namentlich einem Problem unserer Kultur. Was sind uns Lesen und Schreiben für die kindliche Entwicklung, für die allgemeine Bildung, für unser Miteinander als kulturelles Gut und gesellschaftlicher Kitt jenseits aller Geschäfte noch wert? 

Kurt Beck wurde als Parteivorsitzender von einem Kabaretttalker einmal gefragt, was er als Demokrat und Sozialdemokrat vorziehen würde: dass die Leute Oskars Linke wählen oder gar nicht zur Wahl gehen. Die Frage beim Buch könnte bald entsprechend lauten: Was ist uns lieber – dass die Leute von Monitoren oder gar nicht lesen? Die Antwort fiel Beck so schwer wie heutigen Buchmachern, die das Ende ihrer Zunft vor Augen haben. In Wahrheit geht es nämlich nicht darum, wie in Zukunft geschrieben und gelesen wird, sondern ob, wie viel und was. Und da gibt es nicht nur Anlass zu Pessimismus. Schon jetzt werden in Form von Mails und SMS, in Foren, Blogs und sozialen Netzwerken mehr Texte hergestellt und konsumiert als noch vor 20 Jahren. Ihre Qualität mag auf einem anderen Blatt (oder Bildschirm) stehen. Das Verhältnis von Masse zu Klasse verändert sich jedenfalls nicht erst seit gestern und nicht nur beim Buch.

Mehr und mehr wird es darauf ankommen, was ein »Buch« über den Inhalt des klassisch gedruckten hinaus bietet. Dass etwa Reiseführer, wissenschaftliche Fachbücher oder andere Sachbücher mit steigerbarem Nutzwert, wenn sie erst auf allen möglichen Geräten zu lesen sind, in gedruckter Form größere Zukunftschancen besitzen als vor zehn Jahren Rollfilmkameras, ist schwer vorstellbar. Der Brockhaus hat den Anfang gemacht, am Ende wird sich kaum ein Lyriker darüber beklagen, dass seine Gedichte nur noch im Handy gelesen werden. Hauptsache, sie werden gelesen.

Verlage können Downloads ihrer Bücher auf eigener Plattform anbieten

Wenn es stimmt, dass Urheber weder vor legaler Digitalisierung noch vor der illegalen Verbreitung ihres geistigen Eigentums und damit vor Einkommensverlusten geschützt werden können, wenn wir gleichzeitig davon überzeugt sind, dass unsere Schriftkultur als vorrangige zivilisatorische Errungenschaft gepflegt und weiterentwickelt werden muss, weil Schreiben und Lesen in jeder Form auch in Zukunft zu den Fundamenten gesunder demokratischer Gesellschaften gehören, dann müssen wir über völlig neue Geschäftsmodelle für ehemalige Druckerzeugnisse nachdenken. In Kreisen der krisengeschüttelten Zeitungs- und Zeitschriftenmacher wird bereits offen über öffentlich-rechtlichen Printjournalismus nachgedacht. Wenn derzeit von »systemrelevanten Branchen« die Rede ist, die unbedingt gerettet werden müssen, dann an vorderster Stelle die Journaille als ältester Garant der vierten Gewalt. Was Radio, Fernsehen, Film, Theater und Kunst (sowie Autobahnen, Sportplätzen, Steinkohle) recht ist, kann Zeitung und Buch nur billig sein.

Müssen wir uns also darauf einstellen, dass wir für Medieninhalte inklusive der bislang gedruckten demnächst einen (kleinen) Teil unserer Steuer oder eine zusätzliche Quasisteuer als Gebühr zu entrichten haben, um eine solide Grundsicherung an Lektüre zu garantieren? Die marktliberalen Abwehrreflexe bei manchen Lesern dieser Zeilen sind bis in die Fingerspitzen ihres Autors zu spüren. Manchen Mächtigen käme der Untergang der freien Presse vermutlich nicht einmal ungelegen. Nichts anderes gilt für Bücher als Träger freier Meinung und unverfälschter Information. Es gibt aber Dinge, wenigstens das sollte die Krise uns lehren, die dürfen nicht oder nicht ganz dem Markt überlassen werden.

Zeitungsverlage in den USA wollen eigens entwickelte Lesegeräte kostenlos an Abonnenten verteilen, weil sie das günstiger käme als der Druck und Vertrieb ihrer Zeitungen. Wenn ihre Rechnung aufgeht, könnten sie damit Redaktionen und deren »Blätter« retten, selbst wenn sich ihre Umsätze halbierten. Natürlich wird es auf Dauer keine Lesegeräte von bestimmten Verlagen, Vertrieben oder Vertreibern geben, die damit den Inhalt einschränken können. Das wäre, als könnte man mit bestimmten Fernsehern nur bestimmte Programme empfangen. Durchsetzen werden sich solche, auf denen wir alles lesen, an- und nachschauen können. Anbieter vom Weltunternehmen Amazon bis zum Hamburger Verlag Hoffmann und Campe haben das erkannt und bieten demnächst Inhalte auch für iPhone und Co. an.

Bei den digitalisierten Nachfolgern heutiger Zeitungen zeichnet sich ab, dass sich jeder Abonnent eines Mediendienstes sein persönliches Exemplar entsprechend seinen Interessen momentaktuell aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen und herunterladen kann, wo immer es Wi-Fi- oder Handyempfang gibt. Wenn erst das Lesegerät als Bestandteil des Kommunikators zu den Dingen gehört, die fast jeder fast immer bei sich hat, wird der Siegeszug des elektronischen Buches nur durch einen Umstand aufzuhalten sein: nicht gelesen, weil nicht gekauft.

Womöglich werden wir oder unsere Nachfahren eines Tages, um das Lesen und Schreiben zu retten, noch einen Schritt weiter gehen und allen alle Texte und Inhalte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung stellen. Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung – und als Erfolgsmodell moderner Wissensgesellschaften. Open Access wäre nicht der Untergang des Abendlandes. Im Gegenteil.

Gutenberg hat erreicht, dass mehr Menschen mehr Bücher besitzen und lesen können. Dasselbe kann der Revolution glücken, die sein Werk ins Museum schickt. In der Geschichtsschreibung kommender Generationen wird die globale Geldkrise des frühen 21. Jahrhunderts dann nur noch als Fußnote am Beginn des postgutenbergschen Zeitalters erscheinen.

Vom Autor ist zuletzt »Darwin. Das Abenteuer des Lebens« erschienen. Er lebt und arbeitet in Hamburg und bei Berlin