Wer beim Lotto den Jackpot knackt, hat Glück; ob er damit aber glücklich wird, ist keineswegs ausgemacht. Das Glück des Menschen ist nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt: Er »erträgt es nicht auf lange Zeit«, wie schon Hermann Hesse wusste, der es daher vorzog, in Maßen unglücklich zu sein. Dennoch betätigen wir uns gern als Glückssucher; wir jagen einem Gefühl hinterher, über das so viel geschrieben worden ist, dass bis heute keiner zu sagen vermag, was es denn wohl sein könnte. Und da wir in krisengeschüttelten, zudem immer komplizierter anmutenden Zeiten leben, ist auch unsere Glückssuche nicht unbedingt einfacher geworden.

In Wilhelm Genazinos neuem Roman geht es um das Anspruchsdenken des Glücks, das die volle Aufmerksamkeit verlangt, obwohl es so verhuscht ist, dass auch die Erinnerung, dem Glück durchaus zugetan, mit seiner Archivierung kaum nachkommt. Gerhard Warlich, der Icherzähler des Buches, ist Anfang 40, studierter Philosoph, den es jedoch nicht in die akademische Philosophie, sondern in eine Großwäscherei verschlagen hat, wo er sich immerhin als leitender Angestellter betätigen darf. Seinen Job erledigt Warlich ordentlich und begeisterungsfrei; die Tage »dauern« ihm »entschieden zu lang«, was »in zerdehnten Stunden zu viele unnütze Gespenstereien« mit sich bringt. Obwohl er sich eigentlich selbst genügt, hat Warlich eine Freundin; Traudel heißt sie, arbeitet in einer Bank und scheint mit der eingefahrenen Liebeszweisamkeit, die sie um sich errichtet haben, zufrieden zu sein.

Dass dem nicht ganz so ist, wird Warlich eines Abends eröffnet: Traudel fehlt etwas zu ihrem Glück, sie will ein Kind. Warlich ist entgeistert; mit allem hat er gerechnet, nur nicht damit. Er reagiert nach Art der Männer, nämlich ausweichend. Sein Weltbild, bislang einbruchsgeschützt in seiner »ratlosen Seele« verstaut, mit der er gern kokettiert, gerät ins Wanken, was, wie man weiß, selten abrupt, sondern eher schleichend verläuft. Warlich, ein versierter Ich-Befragungskünstler, der seine Mitmenschen bislang allenfalls als Beobachtungsobjekte auf der Rechnung hatte, droht sich selbst zu verlieren, ein Vorgang, der an den Nerv seiner geheimen Befürchtungen rührt, die bald nicht mehr geheim sind, sondern sich in zunächst dezenten, dann immer offensiver auftretenden Verhaltensauffälligkeiten äußern. Auch im Beruf geht es bergab, Warlich wird entlassen.

Als Leitmotiv über seiner langsam abbröckelnden Existenz könnte ein Satz stehen, der gern von erfolglosen Sportlern bemüht wird: Erst hatte ich kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu. Schließlich erlebt Warlich einen Kollaps der unangestrengten Art, es haut ihn um, und ehe man mehr Aufhebens um ihn macht als nötig, findet er sich in einer psychiatrischen Anstalt wieder, in die ihn die überforderte Traudel schlechten Gewissens hat einliefern lassen. Dort fühlt sich Warlich, beflügelt auch von den ihm verabreichten Medikamenten, erstaunlich wohl, er möchte eigentlich gar nicht wieder weg. Mit sich selbst meint er seinen Frieden gemacht zu haben. »Ich glaube nicht, dass Sie es schwer mit mir haben werden«, erklärt er dem behandelnden Therapeuten. »Meine Innenwelt ist nicht sehr geräumig.« Warlichs Erwartungen an das Leben haben sich hinter die Fehlschläge zurückgezogen, die ihm widerfahren sind; ihm geht es wie alten Leuten, die, ohne es zu merken, still vor sich hin schrumpfen.

Zu guter Letzt weiß er, dass »die Melancholie der Verhältnisse…nicht auf die Bestätigung meiner kleinen Seele angewiesen« ist, sodass es ihm vielleicht sogar vergönnt ist, noch »eine Art Glück« zu finden: Es ist an keinen Ort gebunden, auch nicht an Menschen, die einem nichts bedeuten, sondern an die wunderbare und unverzichtbare Illusion der Freiheit: »Offenbar kann ich, trotz allem, immer noch wählen, wie ich in Zukunft leben will.«

Wilhelm Genazinos Das Glück in glücksfernen Zeiten ist ein kluges und heiteres, manchmal auch angenehm trauriges Buch, vielleicht sogar das beste des Autors, das dem Leser nicht mehr zumutet, als ihm guttut. Glück allein nämlich macht nicht glücklich, und seien wir ehrlich: Es gibt von ihm auch nicht so viel zu erzählen. Unglücklichsein ist ergiebiger.

Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten
Roman; Hanser Verlag, München 2009; 160 S., 17,90 €