Die beiden Nachrichten hätten nicht widersprüchlicher sein können. »20 Prozent weniger Prostatakrebstote dank PSA-Screening«, jubelte die Fachgesellschaft für Urologie am 25. März in einer Pressemitteilung. Am selben Tag gab die Deutsche Krebsgesellschaft zu Protokoll: »PSA-Test nicht geeignet für flächendeckendes Screening«.

In den konträren Verlautbarungen spiegelt sich ein anhaltender Glaubenskrieg unter den Medizinern. Gestritten wird um Sinn oder Unsinn des Tests auf das sogenannte Prostata-spezifische Antigen (PSA). Aktueller Anlass der Frühlingsdissonanz waren zwei große Studien europäischer und amerikanischer Mediziner, die das New England Journal of Medicine gerade veröffentlicht hatte. Die Großuntersuchungen sollten endlich klären, ob die Früherkennung mittels PSA-Test den Todeszoll durch Prostatakrebs vermindern kann. Seit Jahren propagierten vor allem Urologen den Bluttest als effektive Waffe gegen den häufigsten Krebs der Männer. Dem Leiden fallen jedes Jahr mehr als 11.000 Deutsche zum Opfer, bei fast 59.000 wird es neu entdeckt. Bei der Untersuchung wird der PSA-Spiegel im Blut bestimmt, ein Wert über vier Nanogramm pro Milliliter gilt als verdächtig.

Doch obwohl erhöhte PSA-Werte tatsächlich ein Karzinom anzeigen können, bezweifeln Kritiker den Sinn der Massentesterei. Dabei, so der Verdacht der Skeptiker, würden zwar vermehrt Karzinome entdeckt, aber die Sterblichkeit unter den Männern werde nicht gesenkt. Dass der Test Leben rette, sei keinesfalls erwiesen – und höchst unwahrscheinlich. Zudem ziehe die Blutuntersuchung viel zu oft überflüssige Behandlungen mit schweren Folgeschäden nach sich. Das Frühwarnverfahren erzeuge unter dem Strich daher weit mehr Schaden als Nutzen.

Trotz dieser Bedenken sind die Testkampagnen der Fachärzte überaus erfolgreich. Wohl jeder zweite deutsche Mann über 50 kennt seinen PSA-Wert. In den Vereinigten Staaten geht die Ärzteschaft mit vermeintlich gutem Beispiel voran: 95 Prozent der Urologen und 80 Prozent der männlichen Hausärzte über 50 ließen sich dort testen, schrieb der US-Mediziner Michael J. Barry in einem Editorial zu den neuen Publikationen . Immerhin, so der Präsident der American Urological Association, »die praktizieren, was sie predigen«.

Die Frage ist, ob die Ärzte damit gut beraten sind. Statt der lange erhofften Belege für die Sinnhaftigkeit der Tests säen die beiden Studien weitere Zweifel: Im sogenannten PLCO Cancer Screening Trial konnten die US-Mediziner durch den PSA-Test zwar deutlich häufiger Prostatakrebs bei ihren Probanden entdecken und behandeln, trotzdem waren nach sieben bis zehn Jahren Beobachtungszeit ebenso viele Männer an dem Tumor gestorben wie in einer Kontrollgruppe. Insgesamt lag die Sterblichkeit unter den PSA-getesteten Männern sogar höher. Sie erlagen häufiger verschiedenen anderen Erkrankungen – womöglich, so spekulieren die Mediziner, eine Folge der Krebstherapien.

Kaum weniger Tristesse verbreiten die europäischen Kollegen in der European Randomised Study of Screening for Prostate Cancer. Zwar ließ sich anhand ihrer Probandenschar aus sieben Ländern – mehr als 162.000 Männer zwischen 55 und 69 – bei PSA-Screening eine Senkung der Sterberate um ein Fünftel errechnen. Betrachtet man die absoluten Zahlen, fällt die Bilanz der Bluttests dennoch trübe aus. Teste man 10.000 Männer, so würden dabei statistisch 343 Krebsfälle zusätzlich entdeckt, kalkulieren die Autoren. Durch deren Behandlung könne man dann gerade sieben Patienten retten. Leider bedeutet das auch, dass 336 Männer eine Therapie erhalten würden, die sie entweder nicht benötigen, weil ihr Tumor zu den häufigen langsam wachsenden Geschwulsten gehört, die innerhalb ihrer verbleibenden Lebenszeit nie zur Bedrohung geworden wären. Oder die Behandlung könnte ihnen ohnehin nicht helfen, weil ihr Leiden aggressiv verläuft und weit fortgeschritten ist.

Der Preis für die geretteten Leben ist hoch: In der Testgruppe wurde fast dreimal so vielen Männern die Prostata herausgeschnitten wie in der Kontrollgruppe, und nahezu doppelt so viele unterzogen sich einer Bestrahlungstherapie. Beide Verfahren bergen schwere Risiken – oft bleiben Dauerschäden wie Inkontinenz und Impotenz zurück, und denen folgen häufig Depressionen.