In einem Interview nannte Peter Scholl-Latour den amerikanischen Präsidenten, den Superstar der Welt, einen "Mulatten". Über dieses Wort bin ich gestolpert. Meines Wissens gibt es im Deutschen kein unumstrittenes, politisch korrektes Wort, um auszudrücken, dass jemand teilweise weißer, teilweise schwarzer Herkunft ist.

Ich wollte, angeregt durch Barack Obamas Lebensgeschichte, eine Reportage über einen Mann schreiben. Es ist der Goldschmied Gerson Liebl aus Straubing, Inhaber der mittleren Reife, geboren 1962, Sohn von Rose und Johann Baptist Liebl, Enkel des Straubinger Arztes Friedrich Liebl.

Seit Monaten googele ich hinter ihm her und lese Artikel. Er trägt einen dicken Schnauzbart, tritt charmant auf und sagt zur Begrüßung immer "Servus", so viel weiß ich. Gerson Liebl ist sozusagen Mulatte, wie Obama. Sein Großvater, der Straubinger Arzt, heiratete in der deutschen Kolonie Togo die Häuptlingstochter Edith Ajavon. "Mischehen" waren verboten und nicht karrierefördernd. Deshalb konnte das Paar nicht zu einem deutschen Standesbeamten gehen, die Ehe wurde afrikanisch geschlossen. Aber es gibt Dokumente und eine offizielle Bestätigung. Das Deutsche Reich versetzte den Arzt zurück nach Deutschland, Frau und Kind sah er nie wieder.

1991 stieg sein Enkel Gerson Liebl in Frankfurt aus dem Flugzeug. Er sagte, in gutem Deutsch, dass er sich im Land seiner Ahnen niederlassen wolle. Konkret ließ Liebl sich in Straubing nieder. Mit dem Tag seiner Ankunft begannen juristische Auseinandersetzungen. Der Goldschmied Liebl will den deutschen Pass. Diesen Pass hätte er mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommen, wenn seine Großmutter keine Togolesin gewesen wäre, sondern, sagen wir mal, Russin. Dann wäre er Spätaussiedler. Die deutschen Behörden erklären, dass sie die Eheschließung in Togo nicht akzeptieren. Togo sei damals deutsches Hoheitsgebiet gewesen, und nur eine vor einem deutschen Standesbeamten geschlossene Ehe sei deshalb in deutschem Sinn rechtsgültig. Ehen zwischen Schwarz und Weiß waren doch aber verboten, aus Gründen der Rasse! Mit anderen Worten, der Goldschmied Liebl ist Opfer eines rassistischen Gesetzes, das heute immer noch Rechtskraft besitzt. Liebl akzeptiert dieses Gesetz nicht.

In der Folge wurde viel Sympathie und Unterstützung zuteil, nicht nur von den Medien. Für ihn haben sich der Petitionsausschuss des Bundestages, der rheinland-pfälzische Innenminister, der damalige Ministerpräsident Beckstein und der Oberbürgermeister von Straubing ausgesprochen. Sie haben ihm das Bleiberecht angeboten, gnaden- und härtefallhalber, es gibt Sonderregelungen. Er ist ein schwarzer Bayer, ein Supertyp, lupenrein, sagen alle. Liebl aber ist auch ein Michael Kohlhaas. Er will keine Gnade. Er will kein Bittsteller sein, er will sein Recht. Im Internet stehen komplizierte juristische Texte, die er verfasst hat. Er will, dass dieses Gesetz, welches schwarze Nachfahren von Deutschen diskriminiert, abgeschafft wird.

Ich wollte ihn treffen. Dann erfuhr ich, dass Gerson Liebl vor ein paar Tagen nach Togo abgeschoben worden war. Seine Ehefrau und sein in Deutschland geborener Sohn blieben zurück. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.

Ich finde, Gerson Liebl ist, falls dieses Wort überhaupt einen Sinn hat, ein deutscher Held, ein Patriot. Er kämpft nicht für sich, sondern, mit allem, was er hat, für ein besseres Deutschland. Und ich hoffe, dass man eines Tages ihm, dem sogenannten Mulatten, dem deutschen Barack Obama, in seiner Stadt Straubing ein Denkmal errichtet.