Womit man während einer Tanztee-Szene in einem Roman von Jane Austen am wenigsten rechnet, ist der Einfall einer Horde menschenfressender Zombies. Doch genau das ist die neueste und farbenprächtigste Blüte des Mash-up-Genres, das heißt der Vermischung von Inhalten, die nicht für diese Mischung bestimmt sind. Die Zombies kommen keinesfalls aus dem Nichts, sie stammen aus dem Reich, das so viele die Gegenwart verstörende Phänomene hervorbringt: dem Internet. Auch das Mash-up-Genre wurde in Frankensteins digitaler Hexenküche entwickelt.

Dort haben wir uns schon daran gewöhnt, dass Barack Obama bei seiner Berliner Rede plötzlich Schwäbisch spricht und das Publikum zur »Eigentümervollversammlung in der Wilhelmstraße 48« begrüßt oder Adolf Hitler mit der Stimme von Gerhard Polt gegen einen Leasingvertrag polemisiert. In den Videos, die im Internet kursieren, sind die audiovisuellen Ursprungseigenschaften flüchtig geworden. Ton, Bild und Text sind nur mehr Dateien, die sich trennen und beliebig neu zusammenführen lassen.

Satirische Kombinationen sind die populärste Ausprägung des Mash-up-Prinzips: Je weniger die Dinge zusammenpassen, desto besser. Das Prinzip ist aus der bildenden Kunst als Collage, in der Literatur als Cut-up-Technik, im Pop als Bastard-Mix bekannt. Auch im Internet findet seitens der Nutzer ein stetiger Remix, eine ständige Neuinterpretation und Umcodierung von Kunstwerken statt. Anders als bei der Collage vermischt man die Dinge nicht aus innerer Notwendigkeit, sondern lässt sie aus Neugier aufeinanderprallen. Deshalb steht im Titel von Mash-ups oft ein »vs.«, ein »versus«, das den gegensätzlichen, konfrontativen Charakter betont. Parodistisch werden so Klischees der Erzählformen enthüllt, wenn etwa der Trailer von Sacha Baron Cohens Borat- Komödie, unterlegt mit getragener Musik, plötzlich wie ein Sozialdrama aus Kasachstan wirkt.

Für Verfechter des Urheberrechts ein Trend des Grauens

Die Mash-up-Kultur fordert das traditionelle Verständnis des Urheberrechts heraus. Fair Use, das erweiterte Zitatrecht der amerikanischen Rechtsprechung, das nichtautorisierte Parodien ausdrücklich erlaubt, ist eine Mindestbedingung für die neue Praxis. Man kann heute nichts mehr erschaffen, so argumentieren Remixkünstler mit postmoderner Konsequenz, ohne Geschaffenes zu zitieren: Um in der digitalen Mediengesellschaft kreativ zu sein, muss man alles Bestehende miteinander kombinieren dürfen.

Die Widerrede gegen Fair Use lautet, ähnlich wie beim Streit um das Einscannen von Büchern durch den Suchmaschinen-Giganten Google, dass kultureller Fortschritt nur möglich sei, wenn Künstler für ihre Originalideen ausreichend honoriert würden. Doch die anarchische Praxis im Netz wird sich kaum eindämmen lassen. Deshalb wirkt der jüngste Konflikt zwischen YouTube und der Verwertungsgesellschaft Gema, bei dem es um Tantiemen für Komponisten geht, deren Stücke im Netz abgespielt werden, so müßig. Um die Antiquiertheit der Gema zu illustrieren, ließ der Künstler Johannes Kreidler letzten September einen Lkw mit 70.200 Formularen bei der Gema-Generaldirektion in Berlin vorfahren. Er hatte ein 33 Sekunden langes Musikstück aus 70.200 Minischnipseln produziert und wollte seine Ausgangsmaterialien ordnungsgemäß anmelden.