Wer in der Connecticut Hall einen Nagel in die Wand schlägt, dem klopfen die Denkmalschützer auf die Finger. Das dreigeschossige Gebäude aus dem Jahr 1752 ist das älteste Haus in New Haven und sieht aus wie eine Trutzburg gegen die Wirren des Weltlaufs. Früher lehrten die Theologen hier, heute tun es die Philosophen. Die Connecticut Hall auf dem Campus der Yale-Universität ist ein Kloster der Vernunft, sie ist Weltnische und Elfenbeinturm. Die Reiseführer flüstern, in ihr habe die Liebe zur Weisheit ihren Sitz, schöner noch: die Metaphysik.

»Massenmord«, sagt Thomas Pogge, die Weltordnung sei eine Form von Massenmord. 50000 Menschen stürben täglich an armutsbedingten Krankheiten; 300 Millionen Armutstote habe es seit dem Ende des Kalten Krieges gegeben. »Wir, die Bürger in den reichen Ländern, sind an diesem Verbrechen mitschuldig.«

Pogge ist ein Bewohner des Elfenbeinturms, der weltweit vielleicht bekannteste Philosoph, der über Armut und Hunger nachdenkt, und kaum ein anderer redet den Menschen so ins Gewissen wie er. Armut, sagt er, sei kein Naturereignis und die Weltgesellschaft kein moralfreier Raum. Denn wer in ihr die Regeln setze, wer über Exportkredite, Rohstoffkauf, Importquoten, Anti-Dumping-Zölle, Subventionen und so weiter entscheide, der entscheide über Leben und Tod.

Vor einem Jahr lehrte Pogge noch an der Columbia-Universität in New York. Dann machte ihm Yale ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Nun sitzt er, eine gute Zugstunde von seinem alten Arbeitsplatz entfernt, in New Haven (Connecticut) als Leitner-Stiftungsprofessor im geistigen Herrgottswinkel, in einem Eckzimmer, vollgestopft mit Büchern, womit auch sonst. Yale ist die drittälteste Universität der USA, ihr Leitspruch heißt »Licht und Wahrheit«. Yale ist unfassbar reich und das Studium unfassbar teuer, es kostet bis zu 44000 Dollar, und damit kein Irrtum aufkommt: im Jahr.

Thomas Pogge, der bei minus zwölf Grad auf dem Fahrrad angeradelt kommt, ist ein Ärgernis, das überallhin eingeladen wird. Er hat 25 Blockseminare in elf Ländern gegeben, seine Gastaufenthalte führten ihn nach Princeton, Canberra , Oxford, Washington, Cambridge und Oslo. Pogge, Jahrgang 1953, hat als Schüler, was damals in Deutschland üblich war, viele Bücher von Karl Marx gelesen, aber noch mehr, das war nicht ganz so üblich, die Schriften von Immanuel Kant . »Marx schärft die moralische Empfindsamkeit, aber erst mit Kant lernt man denken.« Pogge ist viel gereist, oft nach Asien , und wenn er Armut sagt, weiß er, wovon er spricht.

Nach seinem Soziologiestudium in Hamburg wurde Pogge Gaststudent am philosophischen Department der Harvard-Universität, damals das Herz der amerikanischen Philosophie. Quine, Goodman, Putnam, Nozick, Dreben, Cavell, Nussbaum und Goldfarb lehrten dort und natürlich John Rawls, der berühmte Gerechtigkeitstheoretiker. Der deutsche Gast begegnete dem humpelnden Rawls zufällig im Flur, er hatte den Fuß in Gips, man kam ins Gespräch, der Student erlaubte sich eine sanft kritische Anmerkung, Rawls wurde hellhörig und fand’s originell. Pogge promovierte bei Rawls und schrieb eine schöne, klare Einführung in sein Denken. Doch die lange Freundschaft brachte auch eine intellektuelle Enttäuschung. Der Schüler wollte seine Vaterfigur dazu überreden, nicht nur über innerstaatliche, sondern auch über internationale Gerechtigkeit nachzudenken. Rawls blieb stur. Reiche Länder, sagte er, hätten lediglich Hilfspflichten gegenüber den Armen, a duty of assistance, mehr nicht. Am Ende seines Lebens wurde Rawls dann elegisch und tröstete sich mit der »reinen Möglichkeit« einer gerechten Weltordnung. Irgendwann.