Wer denkt für morgen?Der Weltverändererdenker

Der Philosoph Thomas Pogge meint: Man muss sich mit Armut und Hunger nicht abfinden. Das Elend ist ungerecht. Man kann es aus der Welt schaffen von 

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Thomas Pogge lehrt an der weltberühmten Yale Universität in den USA  |  © Christopher Capozziello/Getty Images

Wer in der Connecticut Hall einen Nagel in die Wand schlägt, dem klopfen die Denkmalschützer auf die Finger. Das dreigeschossige Gebäude aus dem Jahr 1752 ist das älteste Haus in New Haven und sieht aus wie eine Trutzburg gegen die Wirren des Weltlaufs. Früher lehrten die Theologen hier, heute tun es die Philosophen. Die Connecticut Hall auf dem Campus der Yale-Universität ist ein Kloster der Vernunft, sie ist Weltnische und Elfenbeinturm. Die Reiseführer flüstern, in ihr habe die Liebe zur Weisheit ihren Sitz, schöner noch: die Metaphysik.

»Massenmord«, sagt Thomas Pogge, die Weltordnung sei eine Form von Massenmord. 50000 Menschen stürben täglich an armutsbedingten Krankheiten; 300 Millionen Armutstote habe es seit dem Ende des Kalten Krieges gegeben. »Wir, die Bürger in den reichen Ländern, sind an diesem Verbrechen mitschuldig.«

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Pogge ist ein Bewohner des Elfenbeinturms, der weltweit vielleicht bekannteste Philosoph, der über Armut und Hunger nachdenkt, und kaum ein anderer redet den Menschen so ins Gewissen wie er. Armut, sagt er, sei kein Naturereignis und die Weltgesellschaft kein moralfreier Raum. Denn wer in ihr die Regeln setze, wer über Exportkredite, Rohstoffkauf, Importquoten, Anti-Dumping-Zölle, Subventionen und so weiter entscheide, der entscheide über Leben und Tod.

Vor einem Jahr lehrte Pogge noch an der Columbia-Universität in New York. Dann machte ihm Yale ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Nun sitzt er, eine gute Zugstunde von seinem alten Arbeitsplatz entfernt, in New Haven (Connecticut) als Leitner-Stiftungsprofessor im geistigen Herrgottswinkel, in einem Eckzimmer, vollgestopft mit Büchern, womit auch sonst. Yale ist die drittälteste Universität der USA, ihr Leitspruch heißt »Licht und Wahrheit«. Yale ist unfassbar reich und das Studium unfassbar teuer, es kostet bis zu 44000 Dollar, und damit kein Irrtum aufkommt: im Jahr.

Thomas Pogge, der bei minus zwölf Grad auf dem Fahrrad angeradelt kommt, ist ein Ärgernis, das überallhin eingeladen wird. Er hat 25 Blockseminare in elf Ländern gegeben, seine Gastaufenthalte führten ihn nach Princeton, Canberra , Oxford, Washington, Cambridge und Oslo. Pogge, Jahrgang 1953, hat als Schüler, was damals in Deutschland üblich war, viele Bücher von Karl Marx gelesen, aber noch mehr, das war nicht ganz so üblich, die Schriften von Immanuel Kant . »Marx schärft die moralische Empfindsamkeit, aber erst mit Kant lernt man denken.« Pogge ist viel gereist, oft nach Asien , und wenn er Armut sagt, weiß er, wovon er spricht.

Nach seinem Soziologiestudium in Hamburg wurde Pogge Gaststudent am philosophischen Department der Harvard-Universität, damals das Herz der amerikanischen Philosophie. Quine, Goodman, Putnam, Nozick, Dreben, Cavell, Nussbaum und Goldfarb lehrten dort und natürlich John Rawls, der berühmte Gerechtigkeitstheoretiker. Der deutsche Gast begegnete dem humpelnden Rawls zufällig im Flur, er hatte den Fuß in Gips, man kam ins Gespräch, der Student erlaubte sich eine sanft kritische Anmerkung, Rawls wurde hellhörig und fand’s originell. Pogge promovierte bei Rawls und schrieb eine schöne, klare Einführung in sein Denken. Doch die lange Freundschaft brachte auch eine intellektuelle Enttäuschung. Der Schüler wollte seine Vaterfigur dazu überreden, nicht nur über innerstaatliche, sondern auch über internationale Gerechtigkeit nachzudenken. Rawls blieb stur. Reiche Länder, sagte er, hätten lediglich Hilfspflichten gegenüber den Armen, a duty of assistance, mehr nicht. Am Ende seines Lebens wurde Rawls dann elegisch und tröstete sich mit der »reinen Möglichkeit« einer gerechten Weltordnung. Irgendwann.

Leserkommentare
  1. Endlich kommt - nach Habermas - http://www.zeit.de/2008/4...

    ein zweiter Philosoph von Weltrang zu Wort, der zu den gegenwärtigen Weltproblemen und der skandalösen Ungerechtigkeit Stellung nimmt.

    Die gegenwärtige Weltfinanzsystemkrise könnte als
    CHANCE für einen grundlegenden CHANGE genutzt werden.

    Der Weltfinanzsystemexperte Dirk Solte, hat in seinem Buch "Weltfinanzsystem am Limit" - wie der Titel bereits ankündigt,
    die Weltfinanzsystemkrise 2007 in einem seiner Szenarien vorhergesagt. Nun ist soeben sein Buch

    "Weltfinanzsystem in Balance"

    erschienen, das ausführt, wie sich mehrere Weltprobleme durch einen weltinnenpolitischen Paradigmenwechsel - siehe auch den o.a. ZEIT- Artikel von HABERMAS - gleichzeitig lösen lassen:

    - das Weltfinanzsystem- und das Weltwirtschaftsproblem
    - das Klimakatastrophenproblem
    - das Armutsproblem und allgemeiner die Verwirklichung der Millenniumziele über einen Global Marshall Plan und damit das friedensgefährdende
    - Gerechtigkeitsproblem.

    Sein zentraler Gedanke:

    Eine Mehrwertsteuer auf Geld und Finanztransaktionen = Mehrgeldsteuer !!

    damit in Zukunft das meiste Geld nicht mit Geld, sondern mit innovativen Produkten geschöpft werden kann, die z.B. auch der Klimakatastrophe entgegenwirken, die also eine

    Ressourcen- und eine Effizienzrevolution, eine ökologische "Weltrevolution" fördern.

    Unter nachfolgendem Link können die Grundgedanken der systemischen Lösung der Weltprobleme auf 10 Seiten (Leseprobe) gelesen:

    http://news.forum-fuehrun...

    Diese Grundgedanken könnten einer tiefgründigen Diskussion des notwendigen weltinnenpolitischen Paradigmenwechsels dienen.

    Legen wir los !

  2. An sich stimmt natürlich, was Herr Pogge da verlangt, aber, wenn wir die Armut bekämpfen würden, würde die Anzahl der Menschen auf der Erde nochmal stetig zunehmen und so würde es dazu kommen, dass letztlich die Übervölkerung sich nur noch mehr summiert, als sie es eh schon tut.
    Wenn mit der Armutsbekämpfung eine Geburtenkontrolle und Kondom-PFLICHT kommen würde, würde ich da nicht gegen stimmen. Ansonsten halte ich es für utopisch. Man sollte auch damit rechnen, dass eine gute Tat immer einen Haken hat.

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    muss dabei auch den Bildungsmangel bekämpfen, besonders den von Frauen. Eine der unbestreitbarsten Korrelationen ist die zwischen dem Bildungsniveau, besonders von Frauen, und der Fertilitätsrate.
    So kann der Kampf gegen die Armut den Sieg beim Kampf gegen das globale Bevölkerungswachstum in sich tragen.

    _________________________________________________
    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
    ______

    • Witan
    • 26. April 2009 9:12 Uhr

    über die Überbevölkerung.
    Wieso sollen wir dafür aufkommen, wenn in Gegenden ohne ausreichend Wasser und Nahrung 5-10 Kinder an der Tagesordnung sind?
    Das klappt nie und nimmer!

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    Da wir auf eine schrumpfende Bevölkerung zusteuern, sollte man das ausgleichen können. Es gibt natürlich auch Menschen, die meinen, jeder solle dort sein Glück versuchen, wo er geboren wurde.

    Aber mal im Ernst: erst durch die europäische Kolonialisierung hat Afrika eine Abnahme der Sterblichkeit aller Altersgruppen erlebt, welche zur aktuellen Überbevölkerung geführt hat. Gleichzeitig konnte die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin verbessert werden. Aber das erreichte Niveau taugt maximal zum unwürdigen Üeberlebenskampf.

    Dann hat Europa diese Völker in die Unabhängigkeit und mit ihren neuen Möglichkeiten allein gelassen.

  3. 4. Naja

    Da wir auf eine schrumpfende Bevölkerung zusteuern, sollte man das ausgleichen können. Es gibt natürlich auch Menschen, die meinen, jeder solle dort sein Glück versuchen, wo er geboren wurde.

    Aber mal im Ernst: erst durch die europäische Kolonialisierung hat Afrika eine Abnahme der Sterblichkeit aller Altersgruppen erlebt, welche zur aktuellen Überbevölkerung geführt hat. Gleichzeitig konnte die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin verbessert werden. Aber das erreichte Niveau taugt maximal zum unwürdigen Üeberlebenskampf.

    Dann hat Europa diese Völker in die Unabhängigkeit und mit ihren neuen Möglichkeiten allein gelassen.

  4. Die Idee, das Programm, der Algorithmus wird zunächst entwickelt, durchdacht entworfen, optimiert und vielleicht auch noch simuliert.

    Dann kommt der nächste Schritt. Der Vertrieb, das Marketing, Awareness erzeugen, die Gesellschaft und die Entscheider zu überzeugen oder durch eine Win/Win Konstellation an Bord zunehmen.

    Dabei trifft das Produkt nun auf Wettbewerber, auf Gegner, auf die sich sammelnden Verlierer. Es müssen Marktanteile erobert werden, es müssen Budgets und Resourcen aktiviert werden, Mehrheiten gebildet werden, verhindert werden dass sich das Produkt in diesem Prozess nicht Zerstückelt oder zweckentfremdet wird.

    Ist das Programm schließlich implementiert, lokalisiert, und dem jeweiligen Enviroment angepaßt dann sind die ersten Bugs zu entfernen, und die Hoffnung auf den ROI wachzuhalten. Der erste Teilerfolg sollte möglichst kurzfristigsichtbar werden, denn die Masse der Betroffenen hat eine sehr geringe Haltbarkeit was Geduld angeht. Es darf das Ziel nicht aus den Augen verloren werden, und die Mitarbeit, die Zuarbeit, die Mitfinanzierung und die Laune der Beteiligten darfbestimmte Grenzwerte nicht unterschreiten.

    Dann lebt "Change" auf. Die Veränderung greift und muß nun als Erfolg kräftig gefeiert werden, damit der folgende Generation den Wert tief eingebrannt wird. Der Eindruck sollte so heftig sein, dass wenn nun Zeit, den Wert verschütten sollte oder Gras darüber wachsen lässt, zumindest die Umrisse durch das enstehende Muster noch lange nachwirken.

    In vielen Unternehmen sind die Rollen getrennt. Forschung und Entwicklung, Produktion, Qualitätssicherung, Marketing, Vertrieb, CRM, Service, Beschwerdemanagement ....

    Die Neudenker sind die Visionäre, die Grundlagenforscher. Für die Umsetzung bis zur Verwirklichung, ist entweder ein Multitalent nötig, oder greifen es andere auf die diese Ideen dann umsetzen und verwirklichen können. Wie die Koppelung von Ideen, Popularität und Politik zu konkreten Massnahmen führen, zeigt uns die Band U2 mit ihren verschiedenen weltweiten Benefizkonzerten. Sie können aber auch ein Lied davon singen wie von ihren ursprünglichen Absichten viel verpuffte und erst durch den versuch zur Erweiterung auf die Umsetzungen auf nationalstaatlicher oder Internationaler Ebene der nötigte Impact erfolgte.

    Pogge konkretisiert die Umsetzung der Idee mit dem Health Impact Fund. Der Mut sich aus der Deckung zu wagen, finde ich gut. Wie bei vielen Berater die bereit sind ein Projekt nicht nur zu planen sondern bis zur Umsetzung zu begleiten, verleiht den Aussagen automatisch mehr Gewicht. Der Mut die Umsetzung zu anzugehen, und ein Scheitern zu riskieren das ist für mich Pogge 2.0.

    kwer-denker

    • sv1en
    • 26. April 2009 12:01 Uhr

    Sie zitieren Pogge wie folgt:
    »Im Jahr 2000 besaß das oberste Zehntel der Menschheit 85 Prozent des weltweiten Reichtums und das unterste Zehntel nur 0,03 Prozent. Das ist ein Verhältnis von 2836 zu 1.«

    Nun ist, und das weiß der werte Herr bestimmt,
    85/0.03 = 2833/1

    Das Verhältnis hätte sich demzufolge also über die Zeit eher in Richtung Gerechtigkeit verändert (wenn überhaupt), und Herr Pogge betreibt absichtlich verzerrenden Zahlengebrauch.

    Herr Pogge hat offensichtlich ein Anliegen, und das er dieses mit Argumenten zu begründen versucht, ist nachvollziehbar. Dass die ZEIT dieser windigen Propaganda Platz gibt, finde ich ziemlich armselig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • sv1en
    • 26. April 2009 12:05 Uhr

    2836 ist größer als 2833 ... demzufolge ist die Veränderung (so sie denn eine ist) definitiv nicht in Richtung Gerechtigkeit. Das ändert aber nichts an der eigentlichen Aussage meines Kommentars: Die Veränderung von der Jahrtausendwende bis heute ist im Endeffekt keine, und der Zahlengebrauch von Herrn Pogge verzerrt die Tatsachen gezielt. Meine Kritik an der Redaktion bleibt.

    übrigens ist das verhältnis 85/0.03 = 2833.33/1

    stellt der werte herr pogge nicht einfach nur fest, dass das verhältnis so und so ist? wo erwähnt er denn, dass es sich verändert hat?

    ist der fehler in dieser größe relevant?

    angenommen herr pogge betreibt absichtlich verzerrenden Zahlengebrauch, wie sie sagen, wird durch eine verzerrung in diesem größenmaß etwas erreicht? ich glaube nicht.

    • sv1en
    • 26. April 2009 12:05 Uhr

    2836 ist größer als 2833 ... demzufolge ist die Veränderung (so sie denn eine ist) definitiv nicht in Richtung Gerechtigkeit. Das ändert aber nichts an der eigentlichen Aussage meines Kommentars: Die Veränderung von der Jahrtausendwende bis heute ist im Endeffekt keine, und der Zahlengebrauch von Herrn Pogge verzerrt die Tatsachen gezielt. Meine Kritik an der Redaktion bleibt.

  5. muss dabei auch den Bildungsmangel bekämpfen, besonders den von Frauen. Eine der unbestreitbarsten Korrelationen ist die zwischen dem Bildungsniveau, besonders von Frauen, und der Fertilitätsrate.
    So kann der Kampf gegen die Armut den Sieg beim Kampf gegen das globale Bevölkerungswachstum in sich tragen.

    _________________________________________________
    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
    ______

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    • Witan
    • 26. April 2009 12:24 Uhr

    Der Islam, der sich durch gebildete Frauen selbst das Wasser abgräbt, und durch geringere Geburtenraten seine Strategie der Islamisierung der Welt nicht durchsetzen kann.

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