Kunst Unbehaglich schön
Die Van-Gogh-Ausstellung »Zwischen Erde und Himmel – die Landschaften« in Basel zeigt den Maler bei der Eroberung der Natur
Wie schön wäre das: einmal Vincent ohne van Gogh zu sehen, einmal die Kunst ohne den Mythos. Doch wie könnte das gehen? Lassen sich die Bilder frei räumen von all den Geschichten über den verzweifelten Maler, können wir das blutige Ohr vergessen, den Selbstmord verdrängen, kann es uns für einen Moment egal sein, wie verarmt und verhärmt er leben musste und wie ungemein erfolgreich seine Kunst heute ist, von Millionen bewundert, für Millionen gehandelt?
Leider ist van Gogh ja nicht nur ein Künstler, er ist auch ein Held, geradezu eine Erlöserfigur. Er führte ein modernes Leben, entwurzelt und einsam, ohne klares Wohin und Wozu, ein Leben, das mit 37 Jahren im nackten Wahn endete. Doch war für ihn das Ende kein Ende: In seinem Irrsinn hat er die erstaunlichsten Bilder gemalt, und diese Bilder bleiben. Schon deshalb ist van Goghs so beliebt: Bei ihm verwandelt sich Schrecken in Schönheit. Seine Kunst versöhnt uns mit der Vergeblichkeit des Lebens.
Nun ruft auch Basel zur großen Versöhnungsfeier, viele Hunderttausend Menschen sollen kommen. Eigens hat man das Kunstmuseum ausgeräumt, hat den Innenhof überdacht, eine Multimediashow arrangiert, den weltgrößten Van-Gogh-Geschenkeladen eingerichtet – alles, damit wir abermals über den Erfolg des lange Erfolglosen staunen.
Für den Holländer war auch Malen eine Art Landgewinnung
Und wir staunen wirklich. Denn hat man einmal den Trubel hinter sich, wird es seltsam karg und unversöhnlich: fast nackt die Wände, drei, vier Bilder pro Saal, mehr nicht. Und nur ein einziges Mal sehen wir ihn, Vincent, die Augen tümpelgrün und rot umrändert. Als wollte uns diese Ausstellung tatsächlich dazu einladen, vom Künstler abzusehen und allein die Kunst in den Blick zu nehmen, führt sie uns fort von den Personen und hinein in eine Welt der weiten Horizonte, in die Felder und Gärten, zu den Bäumen, Blumen, Wegesrändern. Nur Landschaften zeigt sie, über 70 Bilder.
Die Ausstellung beginnt im Moder, gewittrig der Himmel, Häuser wie Matschklumpen, ein Torfstecher ohne Gesicht, sein Körper so dunkeloliv wie der Damm, über den er seine Schubkarre schiebt. Die Erde, so scheint’s, wird ihn im nächsten Augenblick verschlucken. Die Erde ist Ursprung und Grab, aus ihr kommt das Leben, und zu ihr wird es wieder.
Schon auf diesen frühen Bildern van Goghs, in den 1880er Jahren noch in Holland entstanden, ist es nicht zu übersehen: Hier malt einer nicht nur äußere, sondern auch innere Landschaft, nicht nur Kanäle und Windmühlen, sondern auch Gefühle. Die Natur wird zum Sehnsuchtsraum. Manche meinen sogar, van Gogh habe das einfache, erdverbundene Leben der Bauern idealisieren wollen. Doch anders als bei vielen deutschen Romantikern, die in der Natur noch Gottes wahre Größe suchten und das Unverfälschte priesen, sehen wir auf van Goghs Bildern nie das Reine und Ideale. Immer sind seine Landschaften umgepflügt, bepflanzt, gestaltet. Immer ist Natur auch Kultur. Alles veränderlich, von Menschen gemacht.
Aus van Goghs Kunst spricht auch die Erfahrung der Holländer, die ihr Land erst dem Meer abtrotzen mussten und als eine Art Nebenprodukt die Landschaftsmalerei hervorbrachten. Der Mensch als Schöpfer in der Schöpfung, so sah van Gogh seine Bauern und Torfstecher, und so sah er auch sich selbst. Für ihn war das Malen eine Art Landgewinnung, er arbeitete sich ab an der Natur, er kultivierte sie.
Anfangs blühen bei ihm zwar nur ein paar Hyazinthenfelder, doch hier und da beginnt sein Pinselstrich schon den Dingen ein eigenes Leben einzuhauchen. So zieht er auf einem Kirchturmbild dicke Schlieren durchs Grau, und fast sieht man die Windböen, die an dem Turm zerren. Und im dunklen Braun seines Mühlbachs versenkt er ein Weiß, das ein giftig-chemisches Brodeln auszulösen scheint – als vermischten sich hier Künstlerwollen und Naturdasein zu einem explosiven Gebräu.
Doch nichts bereitet uns vor auf das, was dann passiert: auf diesen Farbknall, der das Grau fortsprengt. Mit einem Mal hängt van Goghs Kunst in fröhlich bunten Fetzen. Er ist nach Paris gereist, hat die Impressionisten studiert – und sein altes Weltbild beerdigt. Lustvoll batscht er nun Rot und Blau und Weiß auf die Leinwand, und nur entfernt erkennen wir noch die Straßenlandschaft, die Markise, die Passanten. Von nun an drückt die Farbe nicht mehr, sie schwebt. Sie löst sich von den Dingen, als gehörte sie nur sich selbst, als wäre sie nie Oberfläche, sondern immer ein selbstbestimmter Körper gewesen. Und diese Farbkörper beginnen zu tanzen, zu trudeln, mal wie ein Herings-, mal wie ein Spatzenschwarm.
Wie aufgerissen ist die Leinwand. Luft, ganz viel Luft strömt in die Bilder, und alles zerstiebt, was feste Ordnung war. Auch die Linie, die eben noch die Dinge fest umriss, beginnt ein Eigenleben. So weit geht dieser Freiheitsdrang, dass sich Grenzen kaum noch ausmachen lassen. Van Gogh malt eine Dame auf einer Wiese, und sie wird selbst zur Wiese, eingewachsen, überwuchert von grüngelber Farbe. Das erinnert wieder an den Moormann, der aussieht, als wäre er selbst aus Moor. Nur dass hier nicht Trübsinn regiert, sondern Heiterkeit.
Er malt den Rausch der Freiheit – und die Unsicherheit nach der Befreiung
Lange allerdings hält es van Gogh nicht in dieser Welt, in der es Farben vom Himmel schneit. Seine Bilder schließen sich wieder, die Luft ist raus, jetzt tupft er nicht mehr, er rührt im Blau und Gelb, manscht wie mit Fingern. Als wollte er das Malen wieder körperlich spüren, als wünschte er sich die Dichte und Dringlichkeit seiner frühen Bilder zurück. Er will die Freiheitsgeister, die er rief, ihre flirrende Beliebigkeit, wieder los sein.
Jetzt arbeitet er in Südfrankreich, zieht unverdrossen mit der Staffelei ins Feld, will nichts erfinden, will malen, was ist. Doch die äußere Wirklichkeit tritt zurück, immer lodernder wird die innere Wirklichkeit, die Farbe züngelt, rotiert, strömt, wogt über die Bilder. Diese Kunst ist nicht einfach nur schön, ihre Schönheit ist unbehaglich. In ihr brechen sich die seltsamsten Kräfte Bahn, nie lässt sich klar entscheiden, ob es der Maler ist, der mit dem Pinsel die Farbe vor sich hertreibt. Oder ob nicht umgekehrt er von der Farbe getrieben wird. Eine kontrolliert-unkontrollierbare Gewalt durchzieht die Bilder, mächtige Strudelkräfte, wohin man auch blickt.
Wer sich von diesen Kräften erfassen lässt, wer von einer Landschaft in die nächste zieht, der bekommt zu spüren, was Moderne bedeutet. Er fühlt den Rausch der Entfesselung und versteht, was Befreiung bedeutet. Und spürt doch auch die Ungewissheit, die aus der Befreiung folgt. Sieht das Ringen des Schöpfers in der Schöpfung, die Mühen der Selbstbehauptung. Erfährt, was Kunst sein kann. Und vergisst glücklich alle Mythen und alles Marketinggebraus.
Bis zum 27. September; weitere Informationen unter www.vangogh.ch
- Datum 28.04.2009 - 10:40 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18
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Hanno Rauterbergs Worte erscheinen mir wie kongeniale Verbalisierungen der van Gogh-Gemälde. Es scheint, als hätte Basel ihn als Lockvogel auf Zeit für diese großartige Ausstellung geködert. Wie nervöse Farbtupfer nähern sich die Worte diesem großen Maler. Und entfernen sich zum Zwecke der Objektivität wieder. Nur selten gelingt es einem Kritiker, den Stil eines Malers durch den eigenen Schreibstil nachzuempfinden. Hier ist das gelungen! Van Gogh hat in Vollendung Stimmungen auf die Leinwand übertragen. Und wie er dies gemacht hat, war gänzlich neu und ungewohnt. Hanno Rauterberg hat das in seiner Kritik berücksichtigt, indem er die verschiedenen Schichtungen dieser großartigen Bilder allein durch seine Worte freigelegt hat.
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