Krise und Wahlkampf
"Merz lag richtig"
Horst Seehofer spricht über die Krise. Der CSU-Chef fordert Steuersenkungen für alle – und eine öffentliche Ächtung Josef Ackermanns. Ein Interview

© Miguel Villagran/Getty Images
Horst Seehofer: "Was die SPD vorhat, ist staatlicher Raubzug."
DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, Angela Merkel hat in dieser Woche angedeutet, dass der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise möglicherweise in Sicht sei. Teilen Sie diese Einschätzung?
Horst Seehofer: Ich möchte keine exakte Prognose abgeben, aber ich hoffe es ebenfalls. In meinen vielen Gesprächen mit Fachleuten und Unternehmern konnte niemand vorhersagen, wie es wirtschaftlich im Sommer oder im Herbst aussehen wird. Dafür haben wir in den vergangenen Monaten zu viel Dynamik erlebt – selbst in einem Land wie Bayern, das wirtschaftlich sehr robust ist.
ZEIT: Sehr optimistisch klingt das nicht.
Seehofer: Ich würde sagen: Es klingt realistisch.
ZEIT: Was bedeutet das für den bevorstehenden Wahlkampf? Wenn Sie ehrlich wären, müssten Sie den Bürgern sagen: Tut uns leid, wir wissen auch nicht, was in vier Monaten sein wird.
Seehofer: Wir müssen uns als CDU/CSU klar ordnungspolitisch orientieren und dürfen nicht einem Überbietungswettbewerb der Versprechungen erliegen. Im Prinzip hat die Bundesregierung die richtigen Antworten gegeben und bislang sehr klug und besonnen reagiert. Da bin ich nicht unzufrieden mit den Leistungen der Großen Koalition.
ZEIT: Die Union will ihr Wahlprogramm erst Ende Juni vorstellen. Warum so spät?
Seehofer: Wir haben kein Defizit des Handelns. Was die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung zum jetzigen Zeitpunkt leisten konnten, ist getan. Die Steuer- und Abgabenentlastung ist beschlossen. Das Investitionsprogramm wird umgesetzt. Deshalb besteht keine Notwendigkeit, das alles mit theoretischen Vorschlägen zu toppen. Als Union sind wir dabei, unser Wahlprogramm in aller Ruhe zu konzipieren. Der Termin Ende Juni liegt, wie ich finde, richtig.
ZEIT: Die Entscheidung für das zweite Konjunkturpaket fiel im Januar vor dem Hintergrund einer Wachstumsprognose von minus 2,25 Prozent. Jetzt lautet die Prognose minus 5 Prozent. Reichen die bisherigen Maßnahmen aus?
Seehofer: Man muss im Lichte der tatsächlichen Entwicklung entscheiden, was geboten ist. Wir können nicht einfach auf Vorrat Konjunkturprogramme schreiben. Wir haben aber beim Bankenhilfsprogramm und bei der Abwrackprämie gezeigt, dass die Politik – Gott sei Dank – sehr schnell reagieren kann. Wenn sich eine besondere Situation ergeben sollte, werden wir reagieren. Die Große Koalition muss deshalb bis zum letzten Tag handlungsfähig bleiben.
ZEIT: Wenn sich die Krise weiter verschärft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Sozialpolitiker höhere Transferleistungen fordern, etwa die Erhöhung von Hartz IV. Zu Recht?
Seehofer: Wir haben exakt die umgekehrte Situation wie im Bundestagswahlkampf 2005. Damals gab es die offene soziale Flanke, und die Union hat darauf mit Kündigungsschutz, Kopfpauschale, Besteuerung von Schichtzuschlägen und so weiter geantwortet – mit dem bekannten Wahlergebnis. Im Sommer dieses Jahres wird der Satz »Sozial ist, was Arbeit schafft« im Mittelpunkt stehen. Ich habe diesen Satz nicht immer für richtig gehalten, auch weil er in wirtschaftlich guten Zeiten missbraucht wurde. Jetzt geht es darum, wie wir dazu beitragen können, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen. Unser ganzes Handeln muss den Arbeitsplätzen für die Menschen dienen.
ZEIT: Wäre es nicht ebenfalls sozial, die Hartz-IV-Sätze zu erhöhen?
Seehofer: Was gesellschaftspolitisch in diesem Lande getan wurde, vor und während der Krise, da stimmt die Bilanz eins a. Wir haben die Rentenformel ausgesetzt, mit der Folge, dass es in diesem Jahr endlich mal wieder eine Rentenerhöhung gibt, die man vorzeigen kann. Wir haben das Arbeitslosengeld und das Kurzarbeitergeld verlängert. Wir haben das Bafög und das Wohngeld erhöht. Wir haben die Familienleistungen verbessert, Kindergeld und Kinderfreibetrag sind gestiegen. Das heißt, wir haben das soziale Gesicht dieser Republik deutlich verbessert. Jetzt geht es um das zweite Standbein, das für die Teilhabe der Menschen an dieser Gesellschaft wichtig ist, nämlich das Einkommen aus Arbeit.
ZEIT: Die SPD will den Eingangssteuersatz auf 10 Prozent senken, die CSU fordert bislang 12 Prozent. Warum so zaghaft?
Seehofer: Die SPD will nur den Eingangssteuersatz senken, aber die kalte Progression nicht antasten. Damit verschärft sie das Problem, dass den Leuten netto immer weniger von dem bleibt, was sie brutto mehr verdienen. Das ist ein Schildbürgerstreich. Ich will, dass alle Bürger entlastet werden. Steuersenkungen sind das entscheidende Mittel zur Renaissance der sozialen Marktwirtschaft. Wir brauchen junge Leute, die Existenzen gründen, wir brauchen einen Anreiz für Leistung. Momentan erleben die Bürger nur, dass der Staat das, was sie brutto mehr bekommen, zum Großteil wieder kassiert.
ZEIT: Jetzt reden Sie wie Friedrich Merz 2005.
Seehofer: Mit Friedrich Merz habe ich viele Diskussionen bestritten, aber er lag auch häufig richtig. Das habe ich auch früher schon gesagt.
ZEIT: Was ist so falsch daran, den Spitzensteuersatz leicht zu erhöhen, wie es die SPD vorhat?
Seehofer: Unser Motto lautet: Steuern runter statt rauf! Was die SPD vorhat, ist ein staatlicher Raubzug. Weil es ein Problem mit den Finanzen gibt, greift man den Menschen in die Tasche. Das ist bei der SPD wie ein Naturgesetz.
ZEIT: Teilen Sie die Ansicht, dass es trotz Finanzkrise noch reiche Bürger gibt?
Seehofer: Ja.
ZEIT: Warum sollte man diese dann nicht stärker an der Finanzierung der Gesellschaft beteiligen?
Seehofer: Schauen Sie sich einmal an, wer da für die SPD alles schon reich ist! Sie wissen, welcher Anteil der Bevölkerung welchen Anteil des Steueraufkommens trägt: Den Großteil zahlen die oberen 20 Prozent. Die letzte Steuersenkung hat die Regierung von Gerhard Schröder 2000/2001 beschlossen. Nach fast zehn Jahren ist es höchste Zeit für die Botschaft: Wir lassen euch wieder mehr netto! Bisher haben doch die Finanzminister profitiert, nicht die Bevölkerung. Ich möchte, dass die Politik die Entlastung derjenigen Menschen in den Mittelpunkt stellt, die in der Früh zur Arbeit fahren und ihre Leistung erbringen, die daneben die Kinder großziehen und trotzdem jeden Euro umdrehen müssen.
ZEIT: Das von Ihnen so gescholtene Konzept der SPD ist immerhin aufkommensneutral. Sie versprechen dagegen Steuersenkungen, ohne zu sagen, wie Sie die Einnahmeausfälle kompensieren. Warum sollen die Bürger Ihnen das abnehmen?
Seehofer: Der beste Beitrag zur Glaubwürdigkeit ist die Tatsache, dass wir schon ab dem 1. Juli mit Steuersenkungen beginnen – nachrechenbar für jeden! Ohne die CSU hätte das nicht stattgefunden. Beginnend mit dem 1. Juli, gibt es Steuer- und Abgabensenkungen, die bis Ende des Jahres 2010 ein Volumen von 25 Milliarden Euro haben.
ZEIT: Um der schwächelnden Tourismusbranche zu helfen, will Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger nun den Mehrwertsteuersatz für Gastronomen und Hoteliers von 19 auf 7 Prozent senken…
Seehofer: …damit schließt er sich unserer bayerischen Bundesratsinitiative an!
ZEIT: Werden weitere Länder folgen?
Seehofer: Das ist nur eine Frage der Zeit. Ich wette, als Nächstes wird Mecklenburg-Vorpommern da mitmachen, auch ein Bundesland, das – wie Bayern oder Baden-Württemberg – sehr stark vom Tourismus lebt.
ZEIT: Aber Finanzminister Peer Steinbrück lehnt niedrigere Mehrwertsteuersätze ab. Und auch die Kanzlerin hat weiteren Steuersenkungen »in dieser Regierungszeit« bereits eine Absage erteilt.
Seehofer: Ich habe von Steinbrück schon zwei Mal gehört, dass die Steuern nicht gesenkt würden, bei der Erbschaftsteuer und bei der Einkommensteuer im Konjunkturpaket. Beide Male kam es anders. Dieser Salto der SPD ist schon faszinierend.
ZEIT: Wie sehr wird diese Wirtschaftskrise das Land verändern?
Seehofer: Ich habe große Hoffnung, dass wir Wirtschaft und Ethik wieder zusammenführen. Ich habe den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus erlebt. Und ich erlebe jetzt den Zusammenbruch des Spekulationskapitalismus. Dazwischen waren manche Stationen politisch schwierig für mich, gelegentlich hatte ich das Gefühl, ein politischer Außenseiter zu sein. Aber ich habe diese Extreme nie mitgemacht. Bei mir gehörte zur Leistung immer auch die soziale Seite dazu. Ich muss heute keine meiner Reden von damals verändern, ganz im Gegensatz zu vielen anderen. Mit dieser Krise sind nicht nur einzelne Banken und Unternehmen zusammengebrochen, es ist ein Weltbild zusammengebrochen. Ich bin durchaus dafür, dass man die Schuldigen beim Namen nennt und eklatante Auswüchse abstellt.
ZEIT: An wen denken Sie?
Seehofer: An all jene, die jenseits von Augenmaß und Vernunft in systemrelevanten Banken an diesem Spekulationskapitalismus teilgenommen haben.
ZEIT: Also ist Josef Ackermann auch einer der Schuldigen, die man nennen müsste?
Seehofer: Natürlich gehört er zu den Schuldigen. Nicht im Sinne einer strafrechtlichen Schuldzuweisung, aber der Chef der Deutschen Bank hat das Weltbild, das nun einstürzt, wesentlich mit geformt.
ZEIT: Ein anderes Thema, das die Menschen derzeit bewegt, ist die grüne Gentechnik. Sind Sie zufrieden mit der Entscheidung der Bundeslandwirtschaftsministerin, in Deutschland den Anbau von Genmais zu verbieten?
Seehofer: Sehr zufrieden. Die Ministerin folgt damit dem Grundsatz, den wir in der Großen Koalition vereinbart haben: Der Schutz von Mensch und Umwelt behält in Deutschland oberste Priorität. Ich wundere mich deshalb über den Ministerpräsidenten aus Niedersachsen, der behauptet, die Entscheidung von Frau Aigner widerspreche der Koalitionsvereinbarung. Das ist falsch.
ZEIT: Frau Aigner legt Wert darauf, dass es sich um einen Einzelfall handele. Sie sind schon einen Schritt weiter, Bayern soll grundsätzlich gentechnikfrei werden.
Seehofer: Gentechnisch veränderte Organismen werden ja bislang auf europäischer Ebene zugelassen, nicht durch die Nationalstaaten. Wir in Bayern wollen aber selbst entscheiden, ob auf unseren Feldern grüne Gentechnik angewandt wird. Wenn ein anderes Land Genmais anbauen will, dann muss es das gegenüber der eigenen Bevölkerung vertreten. Wir in Bayern wollen das beim derzeitigen Forschungsstand nicht.
ZEIT: Der Präsident der TU München, ein CSU-Mann, fürchtet deshalb um den Forschungsstandort Bayern.
Seehofer: Man muss zwischen der ökonomischen Nutzung und der Forschung unterscheiden. Ich war immer der Meinung, dass wir in Deutschland Forschung betreiben sollten, damit uns andere nicht überholen. Aber auch die Forschung muss bestimmte Regeln einhalten. Es gibt ethische Maßstäbe und Grenzen der Verantwortung. Man sollte sich deshalb bei der grünen Gentechnik auf die Forschung in geschlossenen Einrichtungen konzentrieren.
Die Fragen stellten Marc Brost und Matthias Krupa
- Datum 13.5.2009 - 10:31 Uhr
- Serie wahlen
- Quelle DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18
- Kommentare 28
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Zitat Horst Seehofer:
"Wir brauchen junge Leute, die Existenzen gründen, wir brauchen einen Anreiz für Leistung."
Wie man'Leistung' misst, sieht man ja an Hand der trotz grundsätzlichem Versagen gezahlten Boni... Von oben fällt man weich, unten gibt's nur Fußtritte.
Seehofer: Natürlich gehört er zu den Schuldigen. Nicht im Sinne einer strafrechtlichen Schuldzuweisung, aber der Chef der Deutschen Bank hat das Weltbild, das nun einstürzt, wesentlich mit geformt.
Dieses peinliche parteiübergreifende Kapitalisten-Bashing nimmt langsam groteske Züge an. Solche Sätze gehören mittlerweile zum Standart-Repertoir eines Politiker-Interviews. Von welchem Weltbild ist hier die Rede? Wodurch macht sich Ackermann genau schuldig? Dazu wird nichts gesagt. Hauptsache allgemeine Vorurteile nachgeplappert. Fahne schön in den Wind hängen.
Solange man die "Kritik" nur an einigen Ackermännern festmacht, wird sich nichts ändern. Man muss nicht Marx gelesen haben, um zu begreifen, dass auch Kapitalisten nur ihre Funktion innerhalb des Systems erfüllen, das von uns allen, die wir arbeiten, am Laufen gehalten wird.
Dieses hohle Geschwafel ist wie Sie selbst sagen derzeit typisch für das, was Politiker an Beiträgen zum öffentlichen Diskurs liefern. Elegant aus der Hinterhand mit einigen schwammigen Formulierungen, mit denen man sich nicht wirklich festlegt, einem öffentlichen Buhmann eins auswischen, immer schön die dumpfen Gefühle bedienen - schliesslich stehen Wahlen an - aber nicht so, dass man wirklich etwas konkretes damit aussagt, mit dem man irgend wann wieder zum eigenen Nachteil konfrontiert werden könnte.
Die typische Schleimspur auf der die deutsche Politik seit Jahren dahinrutscht. Aber man kann den Spiess auch umdrehen. Man könnte ja auch andeuten, dass der ehemalige Gesundheits- und Landwirtschaftsminister Seehofer als Verantwortungsträger ebenso seinen Beitrag zum Augiasstall Gesundheitswesen geleistet hat wie zum Subventionsdschungel der Agrarmafia; dass wir es hier mit einem Mitverantwortlichen an der Misere der genannten Bereiche zu tun haben, und auch dieser folglich zur Verantwortung gezogen werden muss. Und das würde letztlich weit mehr Sinn machen, sprich hätte mehr Berechtigung, als Ackermann zum Mr Goldfinger des 21 Jdhts zu stilisieren.
Bleibt zu hoffen, dass eine wachsende Zahl von Wählern langsam aufwacht, und genau das tut, was ihre Politiker derzeit so gerne mit den Bankern machen würde: Sie in die Verantwortung für Ihre Handlungen zu nehmen.
Die Schuld von Ackermann ist, dass er Monat für Monat die runde Summe von 1 Million Euro in seine Privatschatulle füllt - ohne Rechenschaft darüber abzulegen, was er damit macht. Das ist ein Symbol für die Öffung der Schere zwischen Arm und Reich, die mittlerweile - weltweit - unerträglich geworden ist. Das ist weder Kapitalisten-Bashing noch grotesk. Das ist unverschämt. Von ökonomischer Vernunft kann da keine Rede mehr sein.
P.S. Einige Untergebene von Ackermann sollen noch mehr kassieren. Das ist Ackermann selbst schon peinlich. Aber das liegt am System.
Schon bemerkenswert, wenn Seehofer vom Einkommen aus Arbeit
als dem "zweiten Standbein" spricht, und damit implizit staatliche Transferleistungen fürs "erste Standbein" und somit für wichtiger als das Einkommen aus eigener Arbeit erklärt.
Halten wir fest, in diesem Interview durfte Horst Seehofer Wahlkampf betreiben. Wie z. B. Seehofers Einstellung in seiner Zeit als Landwirtschaftsminister zur Gentechnik war ist unter diesem Link zu sehen:
Antwort Büro Seehofer.
Seine Aussagen zur Rente möchte ich auch relativieren. Bereits ab 1.1.2009 wurde der von Frau Schmidt eingeführte Gesundheitsfond Realität, der für die meisten Rentner Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge in Höhe von bis zu 3% betrug. Das kam einer Kürzung der Rente von 1,5% gleich. Noch unter Mitwirkung von Horst Seehofer wurde in der Vergangenheit bei der Gesundheitsreform ein nur vom Arbeitnehmer zu tragender KK-Beitrag von 0,9% verwirklicht. Damit sollten die Krankengeldzahlung finanziert werden. Aber Rentner bekommen kein Krankengeld, müssen diesen Betrag aber dennoch zahlen. Ein Beitrag, dem keine Leistung entgegensteht.
Rechnet man die bevorstehende Rentenerhöhung gegen die Rentenkürzung durch die KK-Beitrage gegeneinander auf, hat der Rentner keinen Cent von dieser Erhöhung, denn die 2,41% werden erst zum 1.7. 2009 fällig, die KK-Erhöhung aber bereits zum 1.1.2009.
Das ab dem kommenden Jahr der Riester-Faktor wieder aktiviert wird, wird in den Aussagen Seehofers diskret verschwiegen. Dann ist die Wahl vorbei und auch eine Anpassung der Renten, die dann nicht einmal mehr den Inflationsausgleich beinhaltet.
Die zu erwartenden Massenentlassungen nach den Wahlen werden die Arbeitslosigkeit erneut in die Höhe treiben und trotz aller statistischen Tricks nicht verheimlicht werden können. Arbeit als Hauptthema steht bei jeder Wahl auf der Agenda, aber die so genannten Erfolge auf dem Arbeitsmarkt waren keine Erfolge, sondern ein Desaster, weil sie lediglich durch die extreme Ausweitung des Niedriglohnsektors und der Zeitarbeit, verbunden mit statistischen Tricks erreicht wurden.
Steuersenkungen kommen weder dem Niedriglohnsektor noch den Arbeitslosen oder Rentnern zugute. Sie wirken sich erst wirklich bei den Besserverdienenden aus.
Auch die Aussagen zur Bankenrettung verschleiern, dass damit wieder die Allgemeinheit für den seit Jahren betriebenen Wahnsinn auf den internationalen Finanzmärkten zur Kasse gebeten werden, während die Profiteure ungeschoren davonkommen.
Nein Herr Seehofer, auch wenn Ihnen die Arbeit der großen Koalition gefallen hat, einem sehr großen Teil der Bevölkerung sicherlich nicht, denn sie hat die Verteilung von unten nach oben intensiviert.
"... dem Niedriglohnsektor noch den Arbeitslosen oder Rentnern zugute. Sie wirken sich erst wirklich bei den Besserverdienenden aus."
Was ist denn bitte unter Ihrem "Niedriglohnsektor" zu verstehen?
Eine Korrektur der derzeitigen Steuer um die derzeit aktiven "Fehlkorrekturen" ist dennoch durchaus angebracht. Dass davon nicht unbedingt 1-Euro-Jobber profitieren (müssen), mag ja durchaus sein. Nichts desto Trotz gibt es Einkommensgruppen oberhalb der Niedriglöhne und unterhalb der gehobenen Gehälter, die überproportional belastet sind und bei denen sich jede Brutto-Gehaltserhöhung als "heisse Luft" manifestiert und sich Arbeit vom rein monetären Standpunkt aus betrachtet kaum lohnt...
Gar nicht zu aggieren oder die Steuern weiter an der falschen Stelle zu erhöhen, halte ich hingegen für absolut fahrlässig...
"Weil es ein Problem mit den Finanzenmärkten gibt, greift man den Menschen in die Tasche..."
So wird ein Schuh draus.
Es ist sicherlich kein Zufall, daß gerade jetzt die Vorsorgeuntersuchungen landauf landab als völlig unsinnig bis gefährlich klassifiziert werden.
Man muß nur etwas weiter denken als das Horstl - so schwer ist das gar nicht.
"... dem Niedriglohnsektor noch den Arbeitslosen oder Rentnern zugute. Sie wirken sich erst wirklich bei den Besserverdienenden aus."
Was ist denn bitte unter Ihrem "Niedriglohnsektor" zu verstehen?
Eine Korrektur der derzeitigen Steuer um die derzeit aktiven "Fehlkorrekturen" ist dennoch durchaus angebracht. Dass davon nicht unbedingt 1-Euro-Jobber profitieren (müssen), mag ja durchaus sein. Nichts desto Trotz gibt es Einkommensgruppen oberhalb der Niedriglöhne und unterhalb der gehobenen Gehälter, die überproportional belastet sind und bei denen sich jede Brutto-Gehaltserhöhung als "heisse Luft" manifestiert und sich Arbeit vom rein monetären Standpunkt aus betrachtet kaum lohnt...
Gar nicht zu aggieren oder die Steuern weiter an der falschen Stelle zu erhöhen, halte ich hingegen für absolut fahrlässig...
Über das Thema wurde in den Gazetten eigentlich schon ausführlich berichtet. Der Niedriglohnsektor, das sind Jobs auf 400 €-Basis, das sind Zeitarbeiter, die wesentlich weniger für die gleiche Arbeit bekommen, wie ihre festangestellten Kollegen (und dazu von heute auf morgen gefeuert werden können), Das sind Jobs im Dienstleistungssektor, vor allem im Caritativen Bereich (Pflegebereich etc.) Friseusen, Security usw.
Nicht vergessen werden sollte, dass die zumeist prozentual ausgehandelten Lohnsteigerungen den Leuten mit höheren Einkommen auch höhere Lohnsteigerungen beschert haben und dass damit die Einkommensschere immer weiter auseinander geklafft ist.
Die Beschwerde, dass das Steuereinkommen von den oberen 20% erwirtschaftet wird, ist eine gern verbreitete Verwirrungstechnik von liberalen Einrichtungen wie. Z. B. der INSM. Nur selten wird bei den höheren Einkommen auch wirklich das Einkommen versteuert. Bei den höheren Einkommen sind nämlich auch höhere Abschreibungsmöglichkeiten gegeben, weil nicht das gesamte Einkommen für den Lebensunterhalt ausgegeben werden muss (Kapitalversicherungen etc.). Hinzu kommt, dass die Einkommensteuer heut längst nicht mehr die dominante Steuereinnahme ist. Durch die Umsatzsteuer und die indirekten Steuern relativiert sich auch der Beitrag der oberen 20% am Gesamtsteueraufkommen, auch wenn ihr Konsum möglicherweise etwas höher ist als der der Geringverdiener.
Würde statt der Einkommensteuer die Umsatzsteuer gesenkt, würde jeder davon profitieren. Würde man bestimmte Bereiche der Umsatzsteuer senken (z. B. Strom und Telekommunikation), würden alle gleichermaßen davon profitieren. So bringt die Steuersenkung nur denen wirkliche Vorteile, die bei hohen bis sehr hohen Einkommen es eigentlich nicht wirklich nötig haben.
Habe ich damit Ihre Frage nach dem Niedriglohnsektor ausreichend beantwortet?
Dieses hohle Geschwafel ist wie Sie selbst sagen derzeit typisch für das, was Politiker an Beiträgen zum öffentlichen Diskurs liefern. Elegant aus der Hinterhand mit einigen schwammigen Formulierungen, mit denen man sich nicht wirklich festlegt, einem öffentlichen Buhmann eins auswischen, immer schön die dumpfen Gefühle bedienen - schliesslich stehen Wahlen an - aber nicht so, dass man wirklich etwas konkretes damit aussagt, mit dem man irgend wann wieder zum eigenen Nachteil konfrontiert werden könnte.
Die typische Schleimspur auf der die deutsche Politik seit Jahren dahinrutscht. Aber man kann den Spiess auch umdrehen. Man könnte ja auch andeuten, dass der ehemalige Gesundheits- und Landwirtschaftsminister Seehofer als Verantwortungsträger ebenso seinen Beitrag zum Augiasstall Gesundheitswesen geleistet hat wie zum Subventionsdschungel der Agrarmafia; dass wir es hier mit einem Mitverantwortlichen an der Misere der genannten Bereiche zu tun haben, und auch dieser folglich zur Verantwortung gezogen werden muss. Und das würde letztlich weit mehr Sinn machen, sprich hätte mehr Berechtigung, als Ackermann zum Mr Goldfinger des 21 Jdhts zu stilisieren.
Bleibt zu hoffen, dass eine wachsende Zahl von Wählern langsam aufwacht, und genau das tut, was ihre Politiker derzeit so gerne mit den Bankern machen würde: Sie in die Verantwortung für Ihre Handlungen zu nehmen.
Seehofer: "Sie wissen, welcher Anteil der Bevölkerung welchen Anteil des Steueraufkommens trägt: Den Großteil zahlen die oberen 20 Prozent."
(Die Obersten 20 Prozent zahlen fast 70 Prozent der Steuern.)
Sollen wir jetzt in Ehrfurcht vor diesen "20 Prozent" erstarren?
Bundeszentrale für politische Bildung:
"Laut einer aktuellen Studie des DIW zahlten die 450 Deutschen mit dem höchsten Einkommen im Jahr 2002 durchschnittlich 34,3 Prozent Einkommensteuer. Bei den obersten ein Prozent waren es 32,4 Prozent. Beide Werte liegen deutlich unter dem reinen Steuertarif. Ursache hierfür ist die große Lücke zwischen Bruttoeinkommen und zu versteuerndem Einkommen, die durch Steuerbefreiungen, Freibeträge, Abzugsbeträge oder andere Steuervergünstigungen entsteht."
(Das reichste Zehntel im Schnitt nur 23,8 Prozent.)
Also erstarren wir vor Ehrfurcht, dass unsere Reichsten so reich sind, dass sie mit einem durchschnittlichen Steuersatz von 23,8 Prozent 70 Prozent der Steuerlast tragen?
Oder fangen wir endlich mal an zu fragen, warum die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander triftet. Ohne Neid versteht sich, sondern mit der Frage der Maßlosigkeit und Habsucht
und der Frage einer sozialen und nachhaltigen Gesellschaft!
Herzliche Grüße
Haben Sie ein fertiges Konzept, wie Ihre Idee, die ich grundsätzlich begrüße, in der Praxis umgesetzt werden könnte?
Ich sehe da keine Möglichkeit, und durch das Setzen eines Kreuzes an eine andere Stelle des Stimmzettels bei der nächsten Wahl lässt sich auch keine wesentliche Änderung des Zustandes in Deutschland herbeiführen, lässt sich dieser Augiasstall nicht ausmisten.
Manchmal jedoch beschleicht mich das Gefühl, das die Bevölkerung an den Zuständen auch nicht ganz unschuldig ist.
Solange der Ruf nach Erhöhung der Sozialleistungen und die Weigerung, für sich selbst und sein Handeln die volle Verantwortung zu übernehmen und die Folgen von Fehlleistungen selbst zu tragen, Hand in Hand einhergehen, lässt sich nicht viel ändern.
Glauben Sie etwa, dass z.B. das Gesundheitswesen saniert werden kann, wenn jeder seine Gesundheit vorsätzlich ruinieren kann und dann selbstverständlich erwartet, dass die Solidargemeinschaft verschuldensunabhängig für die Kosten aufkommt, natürlich unter Nutzung der modernsten und teuersten Behandlungsmethoden?
Jede Kürzung von Subventionen im Agrarbereich würde zu heftigen Protesten der Betroffenen führen. Beispiele für solche Proteste hat es nicht nur in Deutschland gegeben, sondern auch in anderen europäischen Ländern.
Manchmal frage ich mich, ob diese Spaß- und Freizeitgesellschaft überhaupt reformfähig ist und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Eine Reformwilligkeit kann ich beim besten Willen nicht erkennen, abgesehen von denen, die glauben, man müsste nur den vorhandenen Reichtum umverteilen und hätte dann alle Probleme gelöst.
...die Politiker wollen die Banker zur Verantwortung ziehen?
Die Banker wollen aber nicht, ääätsch.
Und nun?
"die Steuern weiter an der falschen Stelle zu erhöhen, halte ich hingegen für absolut fahrlässig.."
Genau, wir bauen doch gerade am Schuldenberg, also weg mit den Einnahmen!
Da Herr Seehofer ja explizit fuer Steuersenkungen fuer alle ist, sind wahrscheinlich alle Stellen falsch, an denen eine Steuer erhoeht werden soll.
1. war nicht die Rede davon grundsätzlich Steueranpassungen auszuschliessen
2. kann es nicht sein, dass es einen Teil der Steuerzahler gibt, der stärker belastet wird, als Andere
und 3. wer bitte sagt, dass Steuersenkungen zwangläufig zu sinkenden Steuereinnahmen führen?!
Im Zusammenhang mit Steuersenkungen werden Floskeln wie "...also weg mit den Einnahmen!" immer sehr gerne als "Totschläger" genommen und die Mär von sinkenden Einnahmen zu verbreiten.
Weder gibt es einen Beweis dafür, dass das Ziel einer Steuerreform mit einer möglichen Entlastung für z.B. der durch die kalte Progression betroffenen "Mitte" zu sinkenden Steuereinnahmen führt, noch ist diese Art der Lastenverteilung gerecht.
Was bitte soll man denn noch auf den Schultern der mittleren Einkommen abladen?! Dass diese Art der Staatsfinanzierung nicht funktioniert, ist doch mittlerweile recht deutlich zu erkennen...
Naja..., manchmal muss man das Stop-Schild auch erst überfahren, um festzustellen, wann es kracht....
geschieht nicht fahrlässig.
Das ist unbedingter Vorsatz.
Nehmen wir die radikale Senkung der so genannten Lohnnebenkosten.
Jeder konnte vorhersehen, daß die erst geplünderten, mißbrauchten und dann ausgehungerten Sozialkassen die nächste Krise - also die heutige - kaum überleben würden. Sollten sie wohl auch nicht.
Aus Steuermitteln werden sie kaum finanzierbar sein wird es heißen. Denn die werden systematisch gesenkt - oder aber, wie die Vermögenssteuer - gar nicht mehr erhoben.
Mission erfüllt.
1. war nicht die Rede davon grundsätzlich Steueranpassungen auszuschliessen
2. kann es nicht sein, dass es einen Teil der Steuerzahler gibt, der stärker belastet wird, als Andere
und 3. wer bitte sagt, dass Steuersenkungen zwangläufig zu sinkenden Steuereinnahmen führen?!
Im Zusammenhang mit Steuersenkungen werden Floskeln wie "...also weg mit den Einnahmen!" immer sehr gerne als "Totschläger" genommen und die Mär von sinkenden Einnahmen zu verbreiten.
Weder gibt es einen Beweis dafür, dass das Ziel einer Steuerreform mit einer möglichen Entlastung für z.B. der durch die kalte Progression betroffenen "Mitte" zu sinkenden Steuereinnahmen führt, noch ist diese Art der Lastenverteilung gerecht.
Was bitte soll man denn noch auf den Schultern der mittleren Einkommen abladen?! Dass diese Art der Staatsfinanzierung nicht funktioniert, ist doch mittlerweile recht deutlich zu erkennen...
Naja..., manchmal muss man das Stop-Schild auch erst überfahren, um festzustellen, wann es kracht....
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