Ich habe einen Traum"Warschau ist das Kreuzberg Europas"

Die Schriftstellerin Dorota Masłowska wünscht sich, dass das deutsch-polnische Verhältnis entspannter wird von Ulf Lippitz

Für uns Polen hat die Öffnung der Märkte einerseits die Folge, dass die Welt nicht mehr an den Grenzübergängen Słubice und Kołbaskowo aufhört. Das lehrt uns Bescheidenheit. Wir akzeptieren, dass wir nicht der Nabel der Welt sind. Andererseits ist auch ein Gefühl der Durchschnittlichkeit entstanden.

Das beobachte ich nicht nur in Polen. Überall in Europa werden wir dazu ermuntert, zu sagen: Wir sind alle ähnlich. Und das glaube ich nicht. Wir tragen die Andersartigkeit in uns. Wie eine Auseinandersetzung damit funktioniert, zeigt mir ein Film wie Persepolis. Darin erzählt ein junges iranisches Mädchen von seiner Identität und Nationalität. Der Zeichentrickfilm transportiert das Thema Islam auf eine so moderne Weise, dass man tief in die Geschichte hineingezogen wird. Für mich ist die Botschaft, dass wir unsere Geschichte nicht verdrängen sollen, dass sie in uns schlummert.

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Leider habe ich den Eindruck, die junge Generation vernachlässigt es, nach ihren Wurzeln zu graben. In Polen vielleicht noch mehr als in Frankreich oder Deutschland. Das liegt daran, dass wir in Europa vielen Stereotypen uns gegenüber begegnen – und dass wir sogar über uns selbst Stereotype pflegen. Polen haben eine Neigung, sich als minderwertige und arme Menschen, als Nation der Klempner und Arbeiter zu sehen. Dabei besitzen wir einen großartigen Mut der Verzweiflung. Niederlagen und blutige Schlachten durchziehen die polnische Geschichte – trotzdem haben wir unser Land wie wahnsinnig verteidigt und unsere Unabhängigkeit erkämpft. Darauf können wir stolz sein.

Ich wünsche mir, dass Warschau eines Tages eine multikulturelle Stadt wie London oder Paris wird. Warschau besitzt eine gespenstische Schönheit, es ist das Kreuzberg Europas – ein hässlicher postindustrieller Ort, der aufblühen kann, wenn Paris oder Berlin langweilig und berechenbar werden. Ich habe fünf Jahre dort gelebt und festgestellt: Die Stadt verfügt über eine psychedelische Qualität. Allein die architektonische Unordnung – da stehen Wolkenkratzer neben Mietshäusern, die seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr renoviert wurden und an denen man noch die Einschusslöcher sieht. Manchmal bin ich mitten auf der Straße stehen geblieben und habe darüber gestaunt, dass so etwas Hässliches so eindrücklich sein kann.

Warschau ist nicht lackiert oder schöngefärbt. Eine Stadt in ihrer rohen Form. Es wäre schön, wenn mehr Menschen sie entdeckten. Auch Deutsche. Ich weiß, unser Verhältnis ist durch den Krieg gespannt. Jeder Pole kann "Hände hoch" auf Deutsch sagen. Das sind Relikte aus der Kriegszeit, ich wünsche mir, dass sich das deutsch-polnische Verhältnis von solchen Spannungen reinigt. Erst dann können wir ein gesundes Verhältnis zu unserem eigenen Land aufbauen.

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