Wahlkampf

Aggressive Nähe

Wie SPD und CDU versuchen, einen Richtungswahlkampf zu führen – obwohl sie einander inhaltlich so ähnlich sind. Es droht ein künstlich aufgeheizter Wahlkampf

Ein Hauch von "Freiheit oder Sozialismus" liegt über dem Land. Zumindest wenn man die Kritik ernst nimmt, die das Wahlprogramm der SPD bei ihrem Regierungspartner Union hervorgerufen hat. Die SPD werde nach der Wahl im Herbst "die Wirtschaft unter staatliche Zwangsverwaltung stellen", befürchtet der hessische Ministerpräsident Roland Koch. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla diagnostiziert eine klare "Achsenverschiebung nach links" und sieht den Weg der SPD in eine rot-rot-grüne Koalition unweigerlich vorgezeichnet.

Was ist passiert?

Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat ein Wahlprogramm vorgelegt, an dem zuallererst überrascht, dass sich nun auch die SPD auf einen Wettstreit um künftige Steuersenkungen einlassen will. Steuergeschenke in Zeiten exorbitanter finanzieller Belastung des Staates durch die Finanzkrise? Bislang galten der SPD solche Vorhaben von Union und FDP als Ausweis populistischer Verantwortungslosigkeit. Nun wollen auch die Genossen im Kampf um die Mitte diesen Köder auslegen: Am unteren Ende der Skala soll der Eingangssteuersatz um vier Prozentpunkte gesenkt werden. Im Gegenzug will die SPD den Spitzensteuersatz um zwei Prozent anheben – ein nicht allzu rabiater Versuch, durch symbolische Umverteilung das Bedürfnis nach sozialem Ausgleich zu bedienen.

Hinzu kommen der umstrittene 300-Euro-Bonus für Einkommensbezieher, die auf einen Antrag auf Lohnsteuerausgleich verzichten, eine moderate Börsenumsatzsteuer sowie ein flächendeckender Mindestlohn von 7,50 Euro. Das sind die Punkte, aus denen CDU und CSU die Radikalisierung ihres Koalitionspartners SPD herauslesen.

So einmütig war die SPD selten. Die Zeiten fühlen sich irgendwie "links" an

Die Union hat das Wahlprogramm, mit dem sie sich als verantwortliche Alternative präsentieren will, noch nicht vorgelegt. Erst Ende Juni, unmittelbar vor der parlamentarischen Sommerpause, soll es so weit sein. Das habe den Vorteil, finden die Strategen aus dem Adenauer-Haus, dass man die weitere ökonomische Entwicklung berücksichtigen könne und nicht schon heute Festlegungen treffe, die im Herbst vielleicht schon überholt wirkten. Denn auch in der CDU-Zentrale traut sich derzeit niemand ein sicheres Urteil zu, wie die Lage und die Stimmung im Land sein werden, wenn der Wahlkampf in die Schlussrunde geht. Sich nicht zu früh festzulegen, das passt im Übrigen auch zum Führungsstil der Kanzlerin.

Die SPD hingegen hatte keine Wahl. Seit den Zeiten des Vorsitzenden Kurt Beck hat sich an ihren Zustimmungswerten nichts verändert, wie einbetoniert liegt die Partei bei Mitte zwanzig Prozent. Der Kanzlerkandidat rangiert in allen Umfragen weit hinter der Kanzlerin. Abwarten war da keine ernsthafte Option, Steinmeier und seine Partei mussten aus der Deckung. Immerhin, so einmütig, wie die SPD im beginnenden Wahlkampf auftritt, hat man sie seit 2002 nicht mehr erlebt.

Der Grund: Die Zeiten fühlen sich irgendwie "links" an. Der entfesselte Kapitalismus – an dessen Potenzial nicht zuletzt auch die Regierungsgenossen eine ganze Weile geglaubt hatten – ist desavouiert. Dem Staat ist die Rolle des Krisenbewältigers zugefallen, und die Maßnahmen, mit denen er die Krise bekämpft, passen deutlich besser zur etatistisch-interventionistischen Tradition der SPD als zu den marktwirtschaftlichen Überzeugungen der Union. Die Union leidet an ihrer aktuellen Politik, die SPD sieht sich seit Langem wieder einmal bestätigt.

Je sozialdemokratischer sich die Politik der Großen Koalition anfühlt, desto schwerer fällt es CDU und CSU, den Unterschied zur SPD deutlich zu machen. Eine Union, die selbst noch im Wahlkampf gezwungen sein wird, Banken zu verstaatlichen, Staatshilfe für angeschlagene Unternehmen zu gewähren, Restriktionen bei Managereinkünften zu beschließen oder harte Maßnahmen gegen Steuerflucht, kann ihr Bedürfnis nach Differenz zur SPD fast nur rhetorisch befriedigen.

Dieser Reflex ist nun erstmals in voller Blüte zu beobachten. Je deutlicher sich die Union in der Praxis sozialdemokratisiert, desto harscher muss sie sich von der Sozialdemokratie abgrenzen. "Union pur", wie es Günther Oettinger von seiner Partei im Wahlkampf fordert, findet sich derzeit am ehesten in der Aggression gegenüber dem Regierungspartner, nicht in den eigenen originären Ansätzen.

Der Mut zu markantem Profil ist der Union nach den Erfahrungen von 2002 und 2005 ohnehin abhanden gekommen. Besonders 2005 warb Angela Merkel für eine liberale Reformpolitik – und die Union verpasste zum dritten Mal hintereinander eine schwarz-gelbe Mehrheit. Falsche strategische Festlegung möchte man dieses Mal auf jeden Fall vermeiden. Damit schwindet aber zugleich der Spielraum für prägnante Wahlaussagen. Am Ende bleiben vor allem die Schreckensnachrichten zu den vermeintlichen Absichten der Konkurrenz.

In der Krise droht ein substanzloser, künstlich aufgeheizter Wahlkampf

Umgekehrt sucht auch die SPD in der Union den schrecklichen Gegner, den diese schon lange nicht mehr abgibt. 2005 fiel es selbst einem Kanzler Schröder, der mit der Agenda eine sozialpolitische Zäsur gesetzt hatte, noch vergleichsweise leicht, das Reformprogramm der Union, die Kandidatin Merkel und ihren Steuerexperten Kirchhof als Ausbund eines entfesselten Neoliberalismus zu brandmarken. Aber heute, da sich die Kanzlerin in Krise so unideologisch verhält wie ihre sozialdemokratischen Kabinettsmitglieder? Darin liegt die Gefahr für die SPD: dass der Krisen-Pragmatismus der Union und ihre noch immer verbreitete wirtschaftliche Kompetenzvermutung den Ausschlag beim Wahlvolk geben könnten. Nun versucht der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, die Kanzlerin als – nur getarnte – Vertreterin des Marktradikalismus zu beschwören. Das wirkt ähnlich ausgedacht wie Steinmeier als Kandidat einer heraufziehenden Linksfront.

Und doch setzen beide Seiten auf wechselseitige Verunglimpfung. Beide präsentieren sich als wahre Vertreter der vernünftigen Mitte, und beide bezichtigen ihren aktuellen Regierungspartner verantwortungsloser Absichten. Gerade weil sie so nah beieinander sind, werden sie sich umso erbitterter bekämpfen. Wo in der Realität die Unterschiede schwinden, werden sie künstlich erzeugt. In einer Krise, in der die Politik vor allem ihre Rationalität beweisen muss, steuert sie auf einen substanzlosen, künstlich aufgeheizten Wahlkampf zu. Ganz nebenbei zerstören die beiden großen Parteien damit auch die Reputation ihrer gemeinsamen Regierung.

Als Krönung aber, am Ende eines verrückten Sommers, ist leicht ein Ergebnis denkbar, das die entfesselten Kontrahenten dazu zwingt, gemeinsam weiterzuregieren. Auch das sollten die Wahlkämpfer im Auge behalten.

 
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Leser-Kommentare

  1. Was bleibt der CDU und der SPD auch anderes uebrig? Sind da die Parteien schuld? Wie soll man dem Volk klarmachen, dass in der Finanzkrise niemand genau weiss, was zu tun ist aber diese Unwissenheit kein Grund sei, nicht gewaehlt zu werden?
    Die Finanzkrise ist doch zu komplex, um sie differenziert dem Otto-Normal-Buerger begreiflich zu machen, wenn schon "Experten" sich nicht darueber einigen koennen. Trotzdem verlangen die Waehler klare Antworten und Loesungen, wo es kaum Gewissheit geben kann. Genau dieses Beduerfnis befriedigen die SPD und die CDU.
    Eine Partei, die ehrlich sagt,
    "Wir wissen leider nicht genau, wie die Krise zu bewaeltigen ist. Wir haben nur einige Ansaetze, die nach den Analysen unserer wissenschaftlichen Berater zurzeit rein statistisch vielversprechend aussehen und es damit wert sind, sie auszuprobieren. Aber wir weigern uns, in Aktionismus zu verfallen, und wissenschaftlich nicht zu rechtfertigende Massnahmen zu ergreifen. Wir sind nicht Herr der Lage, das ist uns klar, aber manchmal ist die beste Strategie nur eine Schadensbegrenzung.",

    wird vom Waehler nicht leider nicht akzeptiert.

  2. So, wie sich die beiden sog. "Volksparteien" gerieren, ergibt sich fuer das muendige Stimmvieh eine Wahl, die so vielversprechend und aufregend ist, wie die Wahl zwischen DASH und OMO.

    • 25.04.2009 um 21:25 Uhr
    • mexi42

    alles wie gehabt ...

  3. Mich erinnert das Thema ausserdem an die Futurama Folge "A Head In The Polls". Zur Wahl fuer den Weltpraesidenten standen John Jackson und sein Klon und "bitter rival" Jack Johnson: "This 25% Titanium tax goes too far!" und der andere: "This 25% Titanium tax does't go too far enough!"
    Letztendlich siegt der spaet in den Wahlkampf eingetretene aggressive Kandidat Richard Nixon, dessen Kopf bis ins Jahr ~3000 ueberlebt hat.

    Ich hoffe, das endet diesmal nicht auch so...

  4. Der Artikel ist urpolitisch in seiner aggressiven Wortwahl. Die Rede ist von Gegeneinander, Kampf und fehlender Einsicht. Muss ein Presseartikel wirklich so sein? Wer die Reden und Talkshows der Politiker hört merkt, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen der Wortwahl der Politiker selbst und ihren Kommentatoren in der Presse gibt. Man nennt das wohl "Kontrolle der Politik durch die Medien". Wenn der Politiker hü sagt sagt der Kommentator instinktiv hott - wie der Pawlowsche Hund in den Konditionierungsexperimenten. Ergebnis ist Stillstand und Irrsinn. Die Psychopathologie kennt das unter dem Phänomen "doublebind communication", die die Empfänger langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt. Diese Stufe haben viele von uns in der Wirtschaftskrise erreicht.

    Vorschlag: Lest mehr politische Sonntagsreden als Kommentare der Presse. Das baut auf. Lasst euch nicht durch diesen irrationalen Hickhack den Verstand rauben. Die Welt ist heute schon gut. Es gibt skandalöse Ausnahmen, die die Presse berichtet. Das ist aber nur ein kleiner Teil der Realität. Schreiben wir Texte mit dem Thema "Wie kann die Welt noch besser gemacht werden"? Nur diese Texte helfen wirklich, nur diese Texte bringen nachhaltige Fortschritte und Problemlösungen.

  5. blog.freigeldpraktiker.de - Die Schwänin hebt den Kopf und will sich an die Warheit wagen und schon bekommt sie einen Tritt!
    Es geht um eine Systemkrise - eine Geldsystemkrise - und die SPD hat keinen Schneid und die CDU keinen Willen!

    Es gibt aber die gute Lösung aber weil sie alle lügen, soll es nun wieder die Schlechte geben?

    [Link entfernt, bitte verzichten Sie auf (Eigen-)Werbung. Danke. /Die Redaktion pt.]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das System des Freigeld ist problematisch, weil immer die Gefahr besteht, dass die Akteure auf inofizielle alternativ-Waehrungen ausweichen.

  6. PPP, Parteien, Presse, Public Relations, die Wähler darüber hinweg,
    - dass es lediglich eine Einheitspartei aus CDSUSPDFDPGRÜNE gibt - mit einem Schmuddelbeitrittskandidaten, "Die Linke"?
    - dass es schnurzpiepegal ist, welche Partei gewählt wird?
    - dass sich nach der Wahl NICHTS ändert, egal, welche Parteienkonstellation die Regierung bildet?

    Antwort bei Miss Sophie: Same procedure as every year!
    (Einziger Lichtblick, NPD oder DVU werden (noch?) nicht akzeptiert.)

  7. Die Wahrheit ist Merkel bringst und jeder weiß ich bin kein Fan von der Frau, sie war die richtige Frau zur richtigen Zeit. Unter jedem anderen wäre die große Koalition zusammen gebrochen. Und die hat es drauf, kann man denken was man will Sie hat
    sehr viel bei Helmut Kohl gelernt, nur ob sie seine Klasse je erreichen wird..schwer zusagen. In der Politik kann man keinen Blumentopf gewinnen. Das ist Unsinn, die Politiker mit dem besten Überlebensstrategien werden auch Deutschland führen.

    Da könnt ihr euch zerfetzen wie ihr wollt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Häh?   PGMN

    Bis auf Ihren vorletzten Satz würde ich bei Ihrem gesamten Kommentar das genaue Gegenteil behaupten. Und überhaupt: Es ist noch nicht gesagt, dass die große Koalition das Beste für das Land war.
    Dem Vorletzten Satz würde ich allerdings noch den Kommentar anstellen, dass es auf das politische System ankommt, welche Politiker am überlebensfähigsten sind. Unser politisches System ist m. M. nach nunmal nicht so angelegt, dass die überlebensfähigsten Politiker auch diejenigen sind, die für das Land am besten sind.

    (Oder war Ihr Kommentar am Ende gar ironisch gemeint?)

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  • Von Matthias Geis
  • Datum 13.5.2009 - 10:30 Uhr
  • Serie wahlen
  • Quelle DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18
  • Kommentare 19
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