Warum machen Sie das? "Ich bin nicht für Macht um jeden Preis"

Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer arbeitet jetzt wieder als Referatsleiter. Warum, erklärt er im Gespräch mit Roger Willemsen

Herr Gusenbauer, wir bewundern Sie.

Wieso?

Die Vorstellung von einem Politiker, der Bundeskanzler war und dann Referatsleiter der niederösterreichischen Kammer für Arbeiter und Angestellte wird, entspricht dem Bild eines Mannes, den die Probleme mehr interessieren als die Hierarchie.

So ist es auch. Politik ist doch dazu da, das reale Leben der Leute zu verbessern, und so habe ich immer schon den Kontakt zur Realität gesucht. Das ist als Korrektiv für alles andere sehr wichtig. Den Bezug zur Lebenswirklichkeit will ich mir erhalten.

Warum als Referatsleiter?

Ich betrachte mich als autonomes Subjekt und will meine Freiheit. Wenn ich irgendwo eine Managementfunktion angenommen hätte, wäre dies eine Einschränkung meiner Freiheit gewesen.

Nein danke, Gasprom?

Gasprom ist eine tolle Firma, aber auf mehreren Beinen steht es sich bequemer. Ich habe gute Kontakte in Ost- und Südosteuropa, Lateinamerika und Spanien. Wenn Unternehmen dort expandieren wollen, können sie sich an meine neue Firma wenden.

Sie könnten auch sagen: Der Bundeskanzler wird über-, der Referatsleiter unterschätzt.

…und gestalten kann man überall.

Können Sie sich vorstellen, dass Joschka Fischer heute als Staatssekretär ins Außenministerium gehen würde?

Das wäre eine ungewöhnliche Geschichte, wenn in der Großen Koalition Joschka Fischer Staatssekretär würde. Ich fände es einen echten Gewinn, wenn er da tätig würde.

Machen Sie doch mal ein undurchschaubares Gesicht zu meinem Geständnis: Für mich war Schüssel immer eine der europäischen Anti-Figuren, zu jeder Koalition bereit.

Ich bin auch nicht für die Macht um jeden Preis. Schüssel hat die Haider-Koalition nicht als Notfall betrachtet, es war seine bevorzugte Koalition.

Wir waren irritiert von der Heldenverehrung nach Haiders Tod.

Er war auch ein Enfant terrible, ein Vertreter der Anti-Politik, er generierte die Sympathien des Desperados. Doch ist er in Kärnten in die Rolle des Landesvaters hineingewachsen und hat das populistisch kombiniert mit einer Politikinszenierung mit feudalistischem Anspruch.

Sind Ihnen die Deutschen eigentlich je als Piefkes erschienen?

Nein.

Sie dürfen auch Ja sagen. Piefke war ein anständiger Militärmusiker, der den Österreichern viel Freude gemacht hat.

Das ist zwar richtig, aber die Deutschen treten heute nicht wie preußische Militärmusiker auf. Abgesehen davon, dass ich es bevorzugen würde, wenn wir im Fußball gewinnen würden, habe ich da keine Animositäten…

Hören Sie auf, die Schande von Córdoba!

Wir betrachten das naturgemäß etwas anders, aber leider ist es auch schon 31 Jahre her.

Wir bewundern Sie auch dafür, dass Sie in Interviews druckreif reden über antike Geschichtsschreiber, französische Revolutionsrhetorik, spanische Gegenwartsautoren und die neue österreichische Literatur. Unsere Politiker lassen sich beim Lesen lieber nicht erwischen.

Als ich in die Politik kam, musste ich erst mal verhindern, dass mich die Tagesarbeit von meiner Passion abbrachte, und so habe ich mir strikt auferlegt, mindestens ein Buch pro Woche zu lesen, das nichts mit meinen Akten zu tun hat. Allein im Januar waren es 16 Bücher.

Unerhört!

Das eigentlich Schreckliche besteht darin, dass noch zu Zeiten von Kopernikus das gesamte Weltwissen in 200.000 Büchern zusammengefasst war. Das war noch irgendwie zu bewältigen. Jetzt haben wir etwa diese Menge an Neuerscheinungen pro Jahr.

Lässt sich aus der französischen Revolutionsrhetorik eigentlich etwas für heute lernen?

Die hatten im Kern ja eine moderne Rhetorik: unerhört präzise, entwickelte Kurzsatztechnik und eine sehr bildhafte Sprache.

Sie könnten heute Elder Statesman sein, sind aber zu jung für den über dem Volk schwebenden Weisen.

Jugend sollte vor Weisheit nicht schützen. Ich war schon oft der Jüngste. Vielleicht werde ich ja der jüngste Elder Statesman.

Könnten Sie nicht deutscher Bundeskanzler werden?

Das ist eine schwere Herausforderung.

Sie sind doch jung genug.

Ich werde es diplomatisch machen und sage: Sie haben wirklich gute Kandidaten. Sie brauchen mich nicht.

Alfred Gusenbauer, 49, SPÖ-Mitglied, war von 2007 bis 2008 österreichischer Bundeskanzler. Heute ist er Referatsleiter und Chef einer Projektentwicklungs- & Beteiligungsfirma. ZEITmagazin-Autor Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"

 
Leser-Kommentare
  1. Die posthume Exkulpierung, um nicht zu sagen: Glorifizierung Alfred Gusenbauers ist eine der albernsten Marotten deutscher und österreichischer Intellektueller. Gusenbauer war in seiner rekordkurzen Kanzlerschaft nicht mehr als ein folgenschwer überforderter und unbeholfener Parvenu, der den Hass gegen seine proletarisch-kleinbürgerliche Herkunft an der eigenen Basis abgearbeitet hat. Der Cartoonist Manfred Deix hat ihn punktgenau getroffen: ein dicker Bub, der für ein paar Monate die Party schmeißen durfte, zu der er seinerzeit nicht eingeladen war. Gusenbauer hat schwitzend und großkotzig die unerträgliche Leichtigkeit des Seins outriert. Gusenbauer ließ sich von einem durchschnittlich bauernschlauen Koalitionspartner, der ihm nicht einmal symbolisch sozialdemokratischen Gestaltungsspielraum zubilligte, als multipler Wahlbetrüger vorführen. Gusenbauer hat zu Zeiten, da der Kapitalismus noch seine Göttlichkeitsträume exekutierte, die Gewerkschaftsbewegung desavouiert und destabilisiert. Dass ihn Künstler und Intellektuelle zu Amtszeiten akklamiert haben, ist mit dem bekannten Opportunismus dieser Berufsgruppen zu erklären. Aber jetzt? Dass er nun wieder dort ist, von wo er nie hätte aufbrechen sollen – mit anderen Worten: dass er bei der niederösterreichischen Arbeiterkammer 4.000 Euro kassiert, ohne wenigstens der Höflichkeit halber dann und wann anwesend zu sein –, hat nichts mit Menschenliebe, nicht einmal mit Selbsteinschätzung zu tun: Der Mann ist schlicht unanbringlich und lässt sich daher versorgen.

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