Wer meint, alles über den Verlauf der Wirtschaftskrise zu wissen, sollte in diesen Wochen besser schweigen. Fast alle haben sich schließlich geirrt: Peer Steinbrück, der von einer rein amerikanischen Krise sprach. Angela Merkel, die ohne Konjunkturpakete auskommen wollte. Die Ökonomen mit ihren Prognosen, die Banker mit ihren Risikoanalysen. Außerdem alle, die staatliche Landesbanken für seriös wirtschaftende Institute hielten.

Insofern sollte man besser nicht völlig ausschließen, dass Gesine Schwan und Michael Sommer am Ende recht behalten. Sommer befürchtet »soziale Unruhen« wegen der Krise, Schwan »Gefahren für die Demokratie«.

Und doch ist fahrlässig und unfair, was sie sagen. Fahrlässig, weil man Unruhen auch herbeireden kann. Wenn ständig behauptet wird, dass bei steigender Arbeitslosigkeit früher oder später auch bei uns die Autos brennen – dann fühlen sich irgendwann alle eingeladen, die ohnehin gern zündeln. Unfair sind die Warnungen, weil die Deutschen gerade so wunderbar gelassen, vernünftig und solidarisch sind – und weil hinter den Prognosen ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber den eigenen Landsleuten steckt.

»Angst« war einmal ein Wort, das in angelsächsischen Ländern nicht übersetzt wurde, weil es zur deutschen Befindlichkeit zu gehören schien. Inzwischen seien die Deutschen bemerkenswert »angst-free«, schreibt Newsweek. Durch ein bisschen Abschwung ließen sie sich nicht den Tag verderben.

Arbeitslosigkeit schmerzt uns – aber sie gefährdet nicht die Demokratie

Im Sommer, mit weiteren Entlassungen, werde das anders sein, heißt es nun. Oder Ende des Jahres, wenn vier Millionen Arbeitslose gemeldet werden. Was aber haben die Deutschen getan, als zuletzt vier und schließlich sogar fünf Millionen Arbeitslose registriert wurden, also gegen Ende der rot-grünen Agenda-Jahre? Sie haben erst demonstriert, dann ihre Regierung abgewählt und schließlich eine neue Partei hervorgebracht. So funktioniert Demokratie.

Ohne das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre, wird behauptet, wären die Westdeutschen niemals so gute Demokraten geworden. Selbst wenn das stimmt: Warum sollten in mehr als fünfzig Jahren aus den Wohlstandsdemokraten nicht Überzeugungsdemokraten geworden sein?