60 Jahre BRD Das Gerät Gabriele

Von der ersten Schreibmaschine bis zum motorbetriebenen Rasenmäher: Die Republik wuchs mit ihren technischen Errungenschaften. Aber sind wir noch die Herren – oder schon die Knechte der neuen Technik?

Eine Errungenschaft der Wirtschaftswunderjahre: der erste eigene Fernseher

Eine Errungenschaft der Wirtschaftswunderjahre: der erste eigene Fernseher

Mit dem Gewehr sei die Tapferkeit abstrakt geworden, schrieb der ungediente Philosoph Hegel in seiner Philosophie der Geschichte. Den technischen Fortschritt der Menschheit nahm er zustimmend zur Kenntnis; doch dass sich mit ihren neuen Instrumenten das unmittelbare Verhältnis des Menschen zur Natur und zu sich selbst veränderte, fasste er unter den skeptisch-ambivalenten Begriff der »Entfremdung«. Und wer will bestreiten, dass in den 60 friedlichen Jahren der Bundesrepublik die nimmer endenden Lawinen hauptsächlich elektrischer Haushaltsgeräte (von den Automobilen ganz abgesehen) unsere alten Vorstellungen vom Leben, aber auch von Krankheit und Tod verändert, ja entfremdet haben? Millionen Herzschrittmacher in immer neuerer Perfektion, die Verwandlung der Arztpraxen und Krankenhäuser in teure Geräteschuppen, der Aufstieg der Chirurgie zu computergestützter Feinmechanik am lebenden Körper – wer wollte das beklagen? Und doch – irgendetwas stimmt nicht mehr. Aber was?

Die zerstörte Welt der Nachkriegszeit wieder bewohnbar zu machen war das Ziel. Dazu mussten erst einmal die Kriegsgeräte, die überall herumlagen, beseitigt werden. Das erste (und letzte) Gewehr in meinem Leben, eine Mauser-MP, hielt ich noch vor der Schultüte in der Hand. Eine Infanterie-Division der Wehrmacht hatte sich im Stadtpark meiner anhaltinischen Heimatstadt kurz vor Kriegsende selbst entwaffnet. Das technische Mordinstrument verlieh dem Kind (ganz im Sinne Hegels) ein grundlos abstraktes Gefühl von Männlichkeit und Stolz, bis meine Mutter die schreckliche Waffe fürsorglich wegnahm. Doch vor dem enttäuschten Kind lag ein faszinierendes Leben in der Geräte-Republik. Jeder Jahresschritt in die Welt der Erwachsenen verlief parallel zu den ökonomischen Fortschrittsschüben der Republik, und alle waren sie begleitet von den neuesten technischen Angeboten des Wirtschaftswunders. Die plötzliche Verwandlung der deutschen Kriegsmaschinenindustrie in eine Küchenherd-, Waschmaschinen- und Möbelindustrie (Mauser-Sessel aus Stahlrohren inkl.) stellte sich als friedenspolitischer Kulturwandel dar, in dem Aufstiegschancen und soziale Gerechtigkeit im Ratenkauf eines Eisschranks symbolische Wirklichkeit wurden. Staubsaugervertreter waren in den fünfziger Jahren respektable Abgesandte des Fortschritts. Sie durften zum Abendessen bleiben.

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Kurz nach der berüchtigten »Fresswelle« (ein Weidenkorb mit einer Flasche Weißwein, einer Sardinendose, Bahlsen-Keksen und Weintrauben wurde zum betrieblichen Standardgeschenk) folgte Anfang der Fünfziger der massenhafte Erwerb neuer Radios mit »magischem Auge«, das die Einstellungsschärfe des Sendersuchers mit hellem Glimmen kundtat. Deutsche Ingenieure hatten die erste Mittelstreckenrakete entwickelt, den ersten Düsenjäger – gottlob vergebens. Jetzt konnten sie ihr technisches Ingenium dem Sieg in der Wohnküche zuwenden. Noch im Ersten Weltkrieg durften sie nicht in den Offiziersmessen der Kriegsschiffe speisen, nun entpuppten sie sich als die Herren des Wiederaufstiegs der moralisch und politisch ruinierten Industrienation. Statt Porsches Tigerpanzern rollten jetzt seine Volkswagen vom Band. Die Nation, noch kurz zuvor dem Mythos vom lungenstärkenden Waldspaziergang und ewiger Naturtreue verbunden, entfernte sich vom gebrochenen eigenen Selbstbild in Siebenmeilenstiefeln.

Das erste eigene technische Gerät, verdient als jugendlicher Kabelleger beim Kölner Lokomotivbauer Klöckner-Humboldt-Deutz, war eine Schreibmaschine Marke »Gabriele«, Jahrgang 1961. Sie blieb mir ewig treu – ein unzerstörbarer Erinnerungsposten an die Aufsteigerjahre der Republik. Freilich haftete ihr die problematische Eigenschaft aller Geräte an, die unser Leben fortan erleichtern sollten – sie beschleunigte und verzerrte es zugleich. Aus hand- wurden maschinengeschriebene Briefe, und inzwischen sind auch diese fast verschwunden: Offenbar wirkt die Möglichkeit von E-Mail-Korrespondenzen auf die Ausführlichkeit von Sätzen wie eine maschinelle Kochwäsche auf den Winterpullover. Schuld ist das Gerät. (An dieser Stelle erinnern wir an die stählerne elektrische Kugelkopfschreibmaschine von IBM mit Korrekturband. Das schwere Stück fiel dem ZEIT- Redakteur 1978 aus anderthalb Meter Höhe auf den linken Fuß; ein Federhalter hätte kein Blut gezogen.)

Willy Brandt war Kanzler geworden, und das Testbild erlosch um 17 Uhr

Konservativer Widerstand gegen den Siegeszug der Friedenstechnik blieb nicht aus. Erhart Kästners kulturpessimistischer Essay über den Aufstand der Dinge wurde Anfang der Siebziger zum seufzenden Bestseller – der Freund Heideggers zählte zu den reaktionären Modernen wie Werner Sombart, Georg Simmel und Ernst Jünger, die den Siegeszug der Technik bewunderten und zugleich verachteten. Doch Kästners Klagen verhallten, anders als die schmetternde Erkennungsmelodie der Tagesschau; denn inzwischen hatte fast jeder deutsche Haushalt ein TV-Gerät. Willy Brandt war gerade Bundeskanzler geworden, das Testbild erlosch um 17 Uhr, und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Und jetzt ein paar Worte zum technischen Nationalstolz: Das Transistorradio, das seit den sechziger Jahren in Zigarettenpackungsgröße von der japanischen Firma Sony für weniger als 50 Mark vertrieben wurde, beruhte auf den Entdeckungen der deutschen Physiker Herbert F. Mataré und Heinrich Welker (1948). Die entsprechenden Nobelpreise gingen aber 1956 an Amerikaner. Und den Geräteprofit machten erst einmal die Japaner. Das sogenannte Kofferradio jener Jahre nimmt in der Technikgeschichte der Bundesrepublik einen problematischen Ehrenplatz ein: Es sollte niemals wieder still werden im Lande. Das ubiquitäre Kofferradio wurde zum Inbegriff der akustischen Dauerbeschallung. Mit ihm haben Millionen junger Westdeutscher Englisch singen gelernt: AFN und BFN hießen die Sender der alliierten Besatzer, und hier nahm der musikalische Kulturbruch Deutschlands seinen Anfang. Thanks a million and goodbye, Peter Alexander. Ein mächtiges Tonbandgerät der Firma Grundig, ein Dual-Plattenspieler, ein Braun-Radio im eleganten Bauhaus-Design – Hausmusik wurde zum Passiv-Spaß. Andererseits aber konnten Millionen von nun an jederzeit Mozart und Bach hören. Der Walkman der frühen Achtziger mag seine Nutzer isoliert haben; aber in der Einsamkeit des Zuhörens mit zugestöpselten Ohren wurde auch der Rückzug vom Geplapper der Außenwelt beschlossen: Gesellschaftliche Entfremdung war immer noch besser mit den Beatles als ohne sie.

Leser-Kommentare
  1. Dieser Artikel ist einer der besten, die ich in den letzten Jahren in der deutschen Presse lesen durfte.

  2. Nun, die Dimension der Digitalen Revolution ist sogar noch größer, als es Herr Naumann so treffend beschrieben hat:
    Die gesamte Wirtschaftsstruktur, die gesamte Gesellschaft wird durch die elektronische Steuerung vieler Vorgänge umgestellt.

    Viele Berufsbilder, wie dasjenige der Sekretärin oder dasjenige des Setzers verschwinden oder werden vollkommen umgedeutet, es wird weniger (physische) Arbeitskraft benötigt, dennoch steigt der Arbeitsdruck enorm.
    Konzepte wie "Fellow the sun" (gearbeitet wird dort, wo es gerade Tag ist, per Infranet wird die Arbeit zum nächsten Kontinent weitergereicht) lösen Arbeitspausen in Großbetrieben auf, Unterbrechungen finden nicht mehr statt. Man arbeitet mit Menschen jahrelang an Projekten zusammen, die man niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.
    Während viele Arbeiten verschwinden entstehen Berufsbilder wie Webdesigner.

    Zugleich gibt es einen enormen Kontrollverlust: Niemand kann mehr genau versthen, was sein Rechner in seiner komplexen Architektur, im Softwareaufbau von BIOS, Betriebssystem, Programmen usw. tut. Das war streng genommen zwar für die meisten Menschen auch beim Auto schon so, doch auch wenn man nicht alle Details verstand, so waren die grundlegenden Prinzipien doch klar, beim Rechner ist dies nicht so.

    Auch wird der Mensch zunehmend zum Gefangenen der Technik: Stete Erreichbarkeit für den Arbeitgeber, Verlust der Privatsphäre und die Notwendigkeit sich in immer schnelleren Rhythmus neben den alltäglichen Aufgaben in neue Techniken und Programme einzuarbeiten überfordern viele Menschen.
    Ein Akademiker - und sei er Romanist oder Soziologe - ohne Programmiererfahrung wird allenfalls noch Hilfsarbeiter, Ingenieure und Naturwissenschaftler sitzen fast ausschließlich vor ihren Bildschirmen. Haptisches Begreifen beim Konstruieren, das gibt es nicht mehr. Die Aufträge müssen schnell abgearbeitet werden, da gibt es nur die Programmierung der Simulation. Die Arbeitszeit eines Experimentalphysikers besteht zu 90 % aus Internetrecherche, Programmieren des Messprogramms, des Auswerteprogramms, dem Anpassen der Graphiken und dem Tippen des Papers.

    Diese Umwälzung ist nur mit der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts vergleichbar.

  3. ja, wie hießen sie eigentlich noch, diese eisernen Buchstabenhämmerchen, die auf das Schreibpapier knallten wie kleine Gewehrpatronen?

    Typenhebel

  4. ... wie wär's mit ein bißchen altmodischer Interpunktion?

    Und immer an Karl Kraus denken: "Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benützen."

  5. warum wir bei all dem technischen Fortschritt keine Zeit gewinnen, ist: Weil sonst die Plutokraten kein Geld gewinnen.
    Eine technisch so hoch entwickelte Gesellschaft wie gerade die deutsche, könnte sehr wohl auf dieser Grundlage den Lob des Müßiggangs für sich entdecken - wenn sie dem Kapitalismus - und denen, die von ihm profitieren - eine Nase drehte.

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    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
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