Reformation Die Visionen des Schneiders

Der »Jetzerhandel«: Ein bizarrer Krimi aus dem Bern des 16. Jahrhunderts – und ein bedeutsames Kapitel aus der dramatischen Vorgeschichte der Reformation

Holzschnitt-Illustration zum Jetzerhandel von Urs Graf, 1509 -
Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern

Holzschnitt-Illustration zum Jetzerhandel von Urs Graf, 1509 - Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern

Bern um 1500. Ehrenfest und fromm. Bedeutende Stadt der mächtigen Eidgenossenschaft, militärisch eine Großmacht, wirtschaftlich stark. Den aufsteigenden Bären in goldenem Balken auf Purpurschild als Wappen. Eine Oberschicht, die von »Pensionsgeldern« profitiert – sie verkauft die jungen Männer des Kantons als Soldaten ins Ausland. Als »civitatem simplicem, rusticam et indoctam, sed pugnacem, bellicosam et potentem« beschreiben Zeitgenossen die Stadt: als einen einfachen, ländlichen und ungelehrten Ort, aber kampfesmutig, kriegerisch und mächtig.

Eine fest gefügte Welt, in der jeder seinen Platz hat, ererbt oder erheiratet. Wo es für Ehrgeizige von unten nur einen Weg nach oben gibt: die geistliche Karriere. Die versucht auch Johannes Jetzer, ein junger Schneidergeselle aus Zurzach in der Nordschweiz, der im Frühling 1506 von Luzern nach Bern wandert. Anfang zwanzig und schmächtig, mit spitzer Nase und tiefen Furchen im hageren Gesicht. So jedenfalls zeigt ihn uns der Schweizer Künstler und Söldner Urs Graf in seinen Holzschnitten; sie illustrieren eine Chronik des humanistischen Franziskanermönchs Thomas Murner, der die Geschehnisse 1509 in dichterischer Form zusammenfasste.

Jetzer hat sich für die Dominikaner entschieden, die domini canes, »Jagdhunde des Herrn«. Der Pre- digerorden der »schwarzen Mönche« (mit weißem Habit und schwarzem Mantel) hat einige der größten Gelehrten des Mittelalters aufzuweisen und fühlt sich für die Vorwärtsverteidigung des Glaubens zuständig, durch Verkündung des Evangeliums und durch »vorsorgliches Nachfragen«, das heißt durch die Inquisition. Er gehört zu jenen Mönchsorden, die nur dem Papst unterstehen und die nun, zu Beginn der Neuzeit, immer häufiger in Konflikt geraten mit den »Weltgeistlichen«, die ihrerseits örtlichen Interessen und Machthierarchien verbunden sind.

Der Analphabet Johannes Jetzer ist nicht gerade der Mann, auf den Berns Dominikaner gewartet haben. In Murners Worten: »Da ich kam in ihr kloster an / Da wolten sye mich nemen nitt / Un halff noch mein noch andrer bit.« Doch schließlich wird Jetzer aufgenommen, um mittels seines Handwerks, der Schneiderei, den Brüdern bei der Verkündung von Gottes Wort beizustehen.

Die Ordensregeln sind, nach einer Epoche der Lockerung, wieder ziemlich streng geworden: sieben Gottesdienste am Tag und fleischlose Fastenkost. Daneben, dem Ordensbrauch der Predigermönche entsprechend, ständige religiöse Unterweisung, für die der Lesemeister Stephan Boltzhurst zuständig ist, der auch als Johannes Jetzers Beichtvater fungiert. Neben ihm wird das Haus vom Prior, vom Subprior und vom Schaffner (Verwalter) geleitet.

Am Montag, dem 24. August 1506, tritt Jetzer als Novize ins Berner Kloster ein, wo er jeden Morgen um vier Uhr früh aufzustehen hat, um den Ofen in der Schneiderei einzuheizen. Er leidet unter Anpassungsschwierigkeiten, muss lernen, dass man Türen nicht »wie bei Bauern« zuschlägt.

Bald nach seinem Eintritt erkrankt Jetzer – Pestverdacht. Kaum genesen, hat er Geistererscheinungen, die ihm derart zusetzen, dass man ihn in eine andere Zelle verlegt, versehen mit Weihwasser und heiligen Gegenständen. Aber das kann die Dämonen nicht bannen. Worauf die Zelle zusätzlich mit einem Glockenzug und mit Gucklöchern ausgestattet wird, damit der Nachbarmönch durch die Holzwand umgehend nach dem Rechten sehen kann.

Der Geist, der Jetzer erscheint, gibt sich als ehemaliger Prior des Klosters zu erkennen. Er bittet um Messen für sein Seelenheil. Doch leistet er sich auffällige theologische Patzer. So offenbart er, die Heilige Jungfrau habe niemals eine Sünde an sich gehabt, was zwar dem Volksglauben und dem heutigen Dogma entspricht, aber im genauen Gegensatz zur damaligen dominikanischen Lehrmeinung steht. Darüber, ob Maria unbefleckt oder in der Erbsünde empfangen ist, wird seit zweihundert Jahren erbittert gestritten, bis hin zu Beleidigungsklagen und Hetzbroschüren.

Beim nächsten Erscheinen stellt der Geist richtig: Selbstverständlich sei Maria in der Erbsünde empfangen worden. Dann wird er von der heiligen Barbara abgelöst, die eine Erscheinung der Heiligen Jungfrau höchstselbst ankündigt.

Die Mönche an den Gucklöchern nehmen wiederholt eine verschleierte Frauengestalt wahr, die vor Jetzers Bett steht und etwa eine Stunde mit ihm spricht. Sie hat eine Kerze in der Hand, die sie aber dummerweise auszublasen pflegt, sodass die Zeugen nichts Genaues erkennen können. Auch verstehen sie von den Worten der Himmelskönigin nur wenige Wörter wie »Jesus Christus«, »Papst«, »Provinzial«.

Es genügt, die Mitbrüder sind begeistert. Von nun an wird Jetzer ut angelum, wie ein Engel, behandelt. Kein Frühaufstehen und Ofenheizen mehr. Keine Klagen über seine schlechten Manieren. Tagsüber darf er Hof halten, abends bringt ihn sein Beichtvater zu Bett. Jetzer erstattet Boltzhurst laufend Bericht über seine Marienerscheinungen, die theologisch immer versierter werden und immer klarer den dominikanischen Standpunkt bestätigen.

Als im April 1507 der Prior des Dominikanerklosters von Basel zu Besuch kommt, übergibt die Marienerscheinung Jetzer eine rot gefärbte Hostie, welche die Mönche als besonders kostbare Reliquie verehren. Und damit nicht genug. Am 7. Mai weist Jetzer sämtliche Wundmale Christi auf, an Händen, Füßen und an der Seite. Und führt nun jeden Mittag öffentlich ein Ein-Mann-Passionsspiel auf, bei dem er die Kreuzigung Christi am eigenen Leib zu erleiden scheint. Während einige tief gerührt sind, bleiben andere skeptisch: »Mich beducht, sagt’s ouch, die Sach wär uberricht [übertrieben]. Neben mir viel [fiel] nider in ohnmacht vom grusen Meister Max Eschler, ein Korher [Chorherr], daß man ihn mußt hinweg tragen.«

Die Zinnschüssel für milde Gaben, die nun an Jetzers Bett steht, ist jedenfalls üppig gefüllt. Im Mai kommt der Provinzial der Dominikaner nach Bern, auch er wird Ohrenzeuge einer Marienerscheinung. Doch dünkt ihn die Sache seltsam. Er meint die verstellte Stimme Jetzers gehört zu haben und vergattert den Novizen zu Verschwiegenheit. Vom Kloster fordert er bis zur Klärung der Vorgänge größtmögliche Diskretion. Tagsüber solle der Schneider wieder zur Arbeit angehalten werden.

Jetzer aber will seinen privilegierten Status nicht verlieren. Am Morgen des 25. Juni wird er auf dem Marienaltar der Klosterkirche gefunden, wohin ihn, eigenen Angaben zufolge, in der Nacht zuvor Engel getragen hätten. Auf diesem Altar will er gemäß dem Befehl der Gottesmutter so lange bleiben, bis die vier obersten Amtsträger der Stadt Bern sein Flugwunder bezeugt haben.

Die herbeigerufenen Ratsherren schauen zu, wie Jetzer auf dem Altar zur Antiphon Ave Regina Coelorum sein Passionsspiel vorführt. Und bekommen anschließend noch einiges zu hören: »Gnädige Herren min, / Ich offenbaret euch vorhin, / Daß Bern, dies’ Stadt, soll untergon, / Um des Franzosen Pension« – eine Vision, die umso stärker wirkt, als sich die Tränen des Marienbildes auf einmal rot gefärbt haben.

Ein Marienbild, das wegen der Pensionsgelder der Stadt – also wegen des Berner Menschenhandels – blutige Tränen weint! Es bricht eine Massenhysterie aus. Stadtknechte vor der Predigerkirche versuchen, das Schlimmste zu verhüten. Jetzers rote Hostie wird durch die Gassen getragen, und die Menge sinkt auf die Knie.

Nur einer, der »Weltpriester« und Bürgermeistersneffe Ludwig Löubli, erklärt alles für Schwindel und wird dafür von Stephan Boltzhurst, Jetzers Mentor, auf üble Nachrede verklagt. Aber Löubli, ein prinzipienfester Mann, lässt sich nicht zum Schweigen bringen und steckt andere mit seinen Zweifeln an.

Die Marienerscheinung reagiert verstimmt und nimmt Jetzer, zur allgemeinen Strafe, die Wundmale wieder ab. Doch Boltzhurst glaubt Jetzers Andeutungen entnehmen zu können, dass gleichwohl ein neues Wunder bevorsteht. Am Sonntag, dem 12. September 1507, lässt er auf Wunsch seines Schützlings eine Marienmesse singen. Bei den Worten »ex qua mundo lux est orta« erscheint auf dem Lettner, der den Chorraum vom Kirchenschiff trennt, eine weiß gekleidete Frauengestalt mit verschleiertem Gesicht und langen, blonden Haaren. Sie hat eine Krone auf dem Kopf und einen brennenden fünfarmigen Leuchter in der Hand, mit dem sie segnend ein Kreuz über den Anwesenden schlägt.

Alle sind gerührt, manche den Tränen nahe. Bis auf den Subprior. Der das Sakrament ergreift und zum Lettner stürmt: Da ist der Schelm! – Welcher Schelm? – Johannes Jetzer, der uns zum Besten hält! Er will auf die vermeintliche Erscheinung losgehen, wird aber von Boltzhurst abgefangen; die Marien-Darstellerin resp. der Darsteller kann entkommen. Boltzhurst wird später erklären, den Skandal verhindert zu haben, um das Ansehen des Ordens zu schützen. Außerdem habe ihm Jetzer danach versichert, die anderen Erscheinungen seien alle echt gewesen.

Die Aufregung in der Stadt nimmt zu. Die Ratsherren setzen durch, dass Jetzer, der noch kein vollwertiges Mitglied des Dominikanerordens ist, am 2. Oktober wegen Betrugsverdacht in Haft genommen und dem Bischof von Lausanne überstellt wird.

Zunächst besteht Jetzer auf der Echtheit seiner Erscheinungen, behauptet, selbst im Gefängnis noch zweimal von der Muttergottes besucht worden zu sein. Nur im Hinblick auf die theologischen Aussagen der Himmelskönigin zur befleckten Empfängnis ist er bereit, seine Angaben zu korrigieren. Diesbezüglich hätte sich Maria gar nicht geäußert. Der Bischof will das gelten lassen, Löubli nicht. Jetzer wird zurück nach Bern gebracht. Namens des Rats verlangt Löubli, »den Bruder an der Marter zu fragen und damit Grund und Wahrheit des Handels zu vernehmen«.

Jetzer begreift, dass das Spiel verloren ist. »Er weiß wohl«, in Murners Worten, »wie die Sache geht / Und dass der Bär kein Schimpf versteht.« Rasch wechselt er die Seiten: Aus dem Betrüger wird der Betrogene. Im Laufe der Verhöre durch Löubli entwickelt er, entwickeln sie beide, eine immer feiner ausgearbeitete Geschichte vom tapferen Schneiderlein, das die Mönche täuschten und betrogen. Mit allen Theatertricks hätten sie gearbeitet, sich an Schwebezügen in Jetzers Zelle hinabgelassen und ihn mit ihrem Spuk geblendet. Doch hätte er seinen vier Versuchern – Lesemeister, Prior, Subprior und Schaffner – widerstanden. So wäre der von langer Hand geplante Versuch der Mönche gescheitert, ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Denn unter Ausnutzung der Berner Naivität im Allgemeinen und seiner, Jetzers, im Besonderen hätte der Orden die Stadt betrügen wollen, um den dominikanischen Standpunkt im Marienstreit durchzusetzen und die eigene Machtstellung zu festigen. Es sei nicht verschwiegen, dass diese Version der Geschichte noch heute in der Wissenschaft Anhänger findet.

Am 6. Februar 1508 lässt der Berner Rat »die vier in Fußeisen schmieden gar schier / Und teilten sie voneinander schon, / Dass keiner mocht zum anderen gon«. Nach Erledigung der Formalitäten – Dominikaner können nur mit päpstlicher Erlaubnis belangt werden – konstituiert sich am 26. Juli ein geistlicher Gerichtshof. Anklagevertreter: der unentwegte Ludwig Löubli. Die vier leitenden Mönche des Klosters sollen sich der Gotteslästerung und arglistigen Täuschung schuldig gemacht haben.

Löubli besteht auf Folter. Den Delinquenten werde schließlich »kein glid gelämpt, kein plut vergossen, kein hut verletzt und nütset tötlichs zugefügt« – insofern, als man sie an den Händen, die auf dem Rücken gefesselt sind, per Schwebezug in die Höhe zieht, wobei ihnen die Arme ausgerenkt über dem Kopf verdreht werden. Als die Mönche dennoch nicht gestehen wollen, droht Löubli, dies so lange fortzusetzen, bis sie es tun. Neue Zugvarianten mit bis zu zentnerschweren Steinen an den Füßen und mehrfachem Wippen – hochziehen und fallen lassen. Am längsten hält der »weich erzogne« Lesemeister durch. Elf Tage. Dann ist auch er am Ende.

Aber nur, um wie die anderen drei Angeklagten zuletzt zu widerrufen. Das geistliche Gericht neigt zu »einmauern«, der damaligen Version von »lebenslänglich«. Ein Urteil, das die Berner Regierung nicht hinzunehmen bereit ist. Sie schickt eigens einen Gesandten nach Rom, damit »die berürten gefangnen Brediger hi in unser stat unabgefürt blieben und mit dem für und nach irem verdienen werden hingericht«. Denn: »Es war einer loblichen stat Bern unlidlich zehoeren, dass man iezt umend i um [um und um], ouch in verren [fernen] landen sagte, sie baetete einen schniderknecht, ja einen erdachten roten hergot an.«

In Rom herrscht der 64-jährige Papst Julius II., ein großer Patron der Künste, Mäzen Raffaels und Michelangelos. Er, der »Retter des Papsttums und Italiens«, hat 1506 die Schweizergarde gegründet und ist auf die Soldaten aus der Eidgenossenschaft angewiesen; vier Jahre später, 1512, greifen sie tatsächlich entscheidend zu seinen Gunsten ein. Nach längerem Hin und Her schickt er den Bernern seinen Spezialisten für Kirchenrecht, Bischof Achilles de Grassis, einen Mann mit klaren Vorstellungen über Mönchsorden: »Les freres toti quanti sunt pultroni et ecclesiae sanctae devoratores« – die Mönche sind allesamt Lumpen und Schmarotzer an der Heiligen Kirche.

Für die vier Dominikaner, die ihre Hoffnung auf den Papst als höchste und einzige Autorität gesetzt haben, muss eine Welt zusammengebrochen sein. Die Berner tun ein Übriges. Dem Prozessbeobachter des Ordens wird unumwunden gedroht, dass er jederzeit damit zu rechnen habe, bei allfälliger Belastung in den Prozess hineingezogen zu werden – er bleibt den Verhandlungen fern. Auch der Verteidiger der vier, Doctor Johannes Heintzmann, der seine Sache bis dahin gut geführt hat, wagt nicht mehr, sein Mandat auszuüben. Zu groß die Gefahr, sich unvermittelt auf der anderen Seite der Schranke wiederzufinden.

Doch je dürftiger das juristische Fundament, desto prächtiger die Fassade. Die vier Dominikaner erhalten einen formvollendeten Inquisitionsprozess. Es ist genau jene Art der »Rechtsfindung«, an deren Entwicklung und Ausübung sich ihr Orden stets so nachdrücklich beteiligt hat. Im Gefolge von Achilles de Grassis sind Notare und andere Spezialisten, denen vier Berner Gelehrte als ständige Dolmetscher aus dem Deutschen ins Lateinische und aus dem Lateinischen ins Deutsche zuarbeiten.

Die Ausgaben der Stadt belaufen sich auf fünftausend Gulden, eine Riesensumme, die Bern später bei den Dominikanern einfordert. Das Gericht spricht die Mönche schuldig und übergibt sie zur Bestrafung dem Rat, mit der traditionellen Bitte der Kirche, von Blutvergießen abzusehen. Ein Ersuchen, dem die Stadt in ebenso traditioneller Weise entspricht.

Am 31. Mai 1509 werden Prior, Subprior, Lesemeister und Schaffner paarweise an zwei Steinsäulen gefesselt und vor Berns Stadtmauer verbrannt. Wobei der unerfahrene »Zuchtmeister« zu wenig Holz aufgeschichtet hat – den Mönchen brennen lebendigen Leibes die Beine weg. Den Henker erfasst Panik. Er wirft Holzstücke und andere Gegenstände nach den Gequälten und versucht so, sie zu töten. Die Berner sind empört. Der Henker wird entlassen.

Jetzer, der trotz seiner Kooperation zu Prangerstehen und Landesverweisung verurteilt wird, gelingt es zwei Monate später, aus dem Gefängnis zu fliehen. In Frauenkleidung. Als er nach drei Jahren von anderen Eidgenossen in Haft genommen und den Bernern zur Auslieferung angeboten wird, lehnen diese dankend ab. Sie hätten schon Kosten genug gehabt. Um 1514 stirbt Johannes Jetzer in seiner Heimatgemeinde Zurzach im Aargau.

Die Prozessakten bleiben unter Verschluss und werden später zur Vernichtung freigegeben. Die nicht erfolgt. 1904, vierhundert Jahre nach dem Prozess, werden sie von einem protestantischen Kirchengeschichtler publiziert, der sich nachdrücklich für die Unschuld der Mönche einsetzt. Vergebens. Noch in den neuesten Publikationen und Ausstellungen der Stadt Bern werden sie als ebenso schuldig hingestellt wie seinerzeit, da sie den Feuertod erlitten.

Die Dominikaner aber versuchen den Prestigeverlust wettzumachen: mit einer ganz Deutschland erfassenden Aktion zur Einziehung und öffentlichen Verbrennung jüdischer Bücher und Schriften. Auf diese Weise will ihr Kölner »Ketzermeister«, der aus Flandern stammende Jacob von Hochstraten, die deutsche Christenheit wieder hinter dem Orden versammeln.

Doch lassen sich Städte und Weltpriester, nicht anders als in Bern, ungern von außen in ihre Befugnisse und Marktrechte hineinregieren, und die Juden wehren sich und legen – im Mittelalter noch undenkbar – Rechtsmittel ein. Der Streit eskaliert zu einer schließlich ganz Europa erfassenden Auseinandersetzung um die viri obscuri, die »Männer mit den schwarzen Kutten« oder mit den »finsteren Gedanken«. Und es ist dieser »Dunkelmännerstreit« zwischen Dominikanern und Humanisten, der wiederum die nächste große, die entscheidende europäische Umwälzung vorbereitet: die Reformation.

Der Autor ist Regisseur und Publizist; er lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er 2007 im Rowohlt Taschenbuch Verlag eine Monografie Moses Mendelssohns. Mehr zum Thema in dem Buch »Von den vier Ketzern – Edition und Kommentar der Prosafassungen ›Ein erdocht falsch history etlicher prediger münch‹ und ›Die war history von den vier ketzer prediger ordens‹«, herausgegegeben von Romy Günthart. Es erscheint Anfang Juni im Chronos Verlag, Zürich (148 S., 24,– €)

 
Leser-Kommentare
  1. Habe ich den Autor richtig verstanden: Der Bürgermeister kommt dem betrügerischen Schneider auf die Spur - und beim Verhör kommen die beiden zu dem "Deal", das Schneiderlein sei Opfer einer Intrige der Klosterleitung geworden --> und das führt dazu, dass schlussendlich die vierköpfige Leitung des Klosters zur Todesstrafe verurteilt ("Viererbande"!) wird ??? Da haben wir womöglich ein "tapferes Schneiderlein", denn es hat ja wohl schiedlich-friedlich in seinem Heimatdorf sein Lebensende verbracht. Wenn das die damals üblichen juristischen Gepflogenheiten waren, wundert es mich nicht, dass wenige Jahre später der Mönch aus Wittenberg die Kirchenleitung aufschrecken wird. Gut, dass die katholische Kirche im Trienter Konzil festgelegt hat, was sie lehrt.

  2. Genau.

    Man geht in der Tat davon aus, dass der Jetzerhandel die Durchsetzung der Reformation in Bern befördert hat - wobei ausgerechnet Ludwig Löubli, der Bürgermeistersneffe, einmal mehr prinzipienfest, lieber sein Kirchenamt als seinen katholischen Glauben preisgab.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
  • Kommentare 2
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Luzern | Lausanne | Italien | Bern | Dominikaner | Basel
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service