Im Frühling beginnt für viele Berliner Eltern die Zeit des Zitterns. Dann entscheidet sich, ob ihre Flucht vor der regulären sechsjährigen Grundschule in der Hauptstadt gelingt und sie ihre Kinder auf eines der wenigen Gymnasien schicken dürfen, die bereits mit Klasse 5 beginnen. Rund 30 Schulen in Berlin verfügen über die Lizenz zur frühen Auslese. Um die wenigen Plätze entbrennt jedes Jahr ein harter Wettbewerb.

Manche Eltern schicken ihre Neunjährigen zu vier verschiedenen Bewerbungsgesprächen. Die Klavierstunden am Nachmittag, der sonntägliche Kirchbesuch, die Wahl zum Klassensprecher: Im Schaulaufen der Schüler zählen neben guten Zensuren viele Details. Offiziell sollen die Kinder zum besonderen Profil der Schule passen. Doch dass am katholischen Canisius-Kolleg ab der fünften Klasse Latein gelehrt wird, am Gymnasium Steglitz Altgriechisch zu den Pflichtfächern gehört, ist vielen Eltern nicht der wichtigste Grund, ihren Nachwuchs dort anzumelden. Vielmehr drängt sie das Misstrauen gegenüber der sechsjährigen Grundschule auf die sogenannten grundständigen Gymnasien.

Doch nützt das Kindercasting den Schülern? Rechtfertigt ein anspruchsvollerer Lehrplan im Gymnasium die langen Anfahrtswege, das Schulgeld oder den Abschied von den Klassenkameraden in der alten Schule? Ist es also notwendig, den begabtesten Schülern der Hauptstadt einen Sonderweg zum besseren Lernen zu eröffnen? Eine bislang unveröffentlichte Studie aus prominenter Feder, die der ZEIT vorliegt, gibt darauf eine klare Antwort: nein – zumindest nicht, was die Leistungen in den beiden Hauptfächern Mathematik und Deutsch angeht.

Hauptautor der Untersuchung ist Jürgen Baumert, Leiter des ersten Pisa-Vergleichs und Doyen der empirischen Erziehungswissenschaften. Gemeinsam mit Kollegen hat der Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung die Leistungsfortschritte der Frühwechsler ermittelt. Das Fazit des Artikels, der in der neuen Ausgabe der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft erscheint, lautet: »Die Befunde sprechen gegen die Annahme, dass mit dem frühen Übergang auf ein grundständiges Gymnasium (...) eine generelle Förderung besonders leistungsfähiger Schüler erreicht wird.« Sie hätten, so sagt Baumert, »ihren Weg auch in der Grundschule gemacht«.

Die Bedeutung des Beitrags reicht weit über den Berliner Spezialfall hinaus. Er wird die Dauerdebatte um die Vor- und Nachteile des längeren gemeinsamen Lernens neu entfachen. Insbesondere dürfte er in Hamburg – derzeit Hauptkampfplatz umfassender Schulreformen – auf großes Interesse stoßen. Dort will der schwarz-grüne Senat nicht nur alle weiterführenden Schulen außer dem Gymnasium zu Stadtteilschulen zusammenschließen. Gleichzeitig plant er, die Grundschule ähnlich wie in der Hauptstadt um zwei Jahre zu verlängern – ohne jedoch wie in Berlin Ausnahmen zuzulassen. Dagegen laufen bürgerliche Eltern und Lehrer aus Hamburger Traditionsschulen seit Monaten Sturm. In der sechsjährigen Grundschule, so fürchten die Kritiker, würden die Talente der Spitzenschüler der Hansestadt verkümmern.

Vor gut einem Jahr erhielten die Anhänger der frühen Auslese starken Rückenwind. Und zwar ebenfalls aus Berlin, ebenfalls von einem renommierten Schulforscher, der sich auch noch auf exakt dieselben Daten stützte wie jetzt der Pisa-Papst Jürgen Baumert – und dabei zu völlig anderen Ergebnissen kam. Im Auftrag der Berliner Schulbehörde hatte Rainer Lehmann, Professor an der Humboldt-Universität, den Lernfortschritt sämtlicher Elitegymnasiasten mit dem jener Schüler verglichen, die auf der regulären Grundschule verblieben waren.

Die Ergebnisse der sogenannten Element-Studie schlugen ein wie eine Bombe. Denn laut Lehmann trennt beide Schülergruppen ein gigantisches Leistungsgefälle. Am Ende der sechsten Klasse hätten sich die »Gymnasiasten so stark abgesetzt, dass sie zwei Jahre Lernvorsprung haben«, sagte Lehmann in einem Gespräch mit der ZEIT (Nr. 17/08). Selbst wenn man nur Schüler aus ähnlichem Elternhaus und mit gleicher Intelligenz gegenüberstelle, zögen die Gymnasiasten den Grundschülern weit davon. Die Botschaft lieferte der Pädagogikprofessor – mitten in die Hamburger Koalitionsverhandlungen – gleich mit: »Wer sechs Jahre Grundschule propagiert, nimmt in Kauf, dass die guten Schüler nicht so viel erreichen, wie es ihren Möglichkeiten entspräche.«