Grundschule Hochgerechnet

Unterfordert die sechsjährige Grundschule gute Schüler? Nein, sagt eine neue Analyse alter Berliner Zahlen

Im Frühling beginnt für viele Berliner Eltern die Zeit des Zitterns. Dann entscheidet sich, ob ihre Flucht vor der regulären sechsjährigen Grundschule in der Hauptstadt gelingt und sie ihre Kinder auf eines der wenigen Gymnasien schicken dürfen, die bereits mit Klasse 5 beginnen. Rund 30 Schulen in Berlin verfügen über die Lizenz zur frühen Auslese. Um die wenigen Plätze entbrennt jedes Jahr ein harter Wettbewerb.

Manche Eltern schicken ihre Neunjährigen zu vier verschiedenen Bewerbungsgesprächen. Die Klavierstunden am Nachmittag, der sonntägliche Kirchbesuch, die Wahl zum Klassensprecher: Im Schaulaufen der Schüler zählen neben guten Zensuren viele Details. Offiziell sollen die Kinder zum besonderen Profil der Schule passen. Doch dass am katholischen Canisius-Kolleg ab der fünften Klasse Latein gelehrt wird, am Gymnasium Steglitz Altgriechisch zu den Pflichtfächern gehört, ist vielen Eltern nicht der wichtigste Grund, ihren Nachwuchs dort anzumelden. Vielmehr drängt sie das Misstrauen gegenüber der sechsjährigen Grundschule auf die sogenannten grundständigen Gymnasien.

Doch nützt das Kindercasting den Schülern? Rechtfertigt ein anspruchsvollerer Lehrplan im Gymnasium die langen Anfahrtswege, das Schulgeld oder den Abschied von den Klassenkameraden in der alten Schule? Ist es also notwendig, den begabtesten Schülern der Hauptstadt einen Sonderweg zum besseren Lernen zu eröffnen? Eine bislang unveröffentlichte Studie aus prominenter Feder, die der ZEIT vorliegt, gibt darauf eine klare Antwort: nein – zumindest nicht, was die Leistungen in den beiden Hauptfächern Mathematik und Deutsch angeht.

Hauptautor der Untersuchung ist Jürgen Baumert, Leiter des ersten Pisa-Vergleichs und Doyen der empirischen Erziehungswissenschaften. Gemeinsam mit Kollegen hat der Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung die Leistungsfortschritte der Frühwechsler ermittelt. Das Fazit des Artikels, der in der neuen Ausgabe der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft erscheint, lautet: »Die Befunde sprechen gegen die Annahme, dass mit dem frühen Übergang auf ein grundständiges Gymnasium (...) eine generelle Förderung besonders leistungsfähiger Schüler erreicht wird.« Sie hätten, so sagt Baumert, »ihren Weg auch in der Grundschule gemacht«.

Die Bedeutung des Beitrags reicht weit über den Berliner Spezialfall hinaus. Er wird die Dauerdebatte um die Vor- und Nachteile des längeren gemeinsamen Lernens neu entfachen. Insbesondere dürfte er in Hamburg – derzeit Hauptkampfplatz umfassender Schulreformen – auf großes Interesse stoßen. Dort will der schwarz-grüne Senat nicht nur alle weiterführenden Schulen außer dem Gymnasium zu Stadtteilschulen zusammenschließen. Gleichzeitig plant er, die Grundschule ähnlich wie in der Hauptstadt um zwei Jahre zu verlängern – ohne jedoch wie in Berlin Ausnahmen zuzulassen. Dagegen laufen bürgerliche Eltern und Lehrer aus Hamburger Traditionsschulen seit Monaten Sturm. In der sechsjährigen Grundschule, so fürchten die Kritiker, würden die Talente der Spitzenschüler der Hansestadt verkümmern.

Vor gut einem Jahr erhielten die Anhänger der frühen Auslese starken Rückenwind. Und zwar ebenfalls aus Berlin, ebenfalls von einem renommierten Schulforscher, der sich auch noch auf exakt dieselben Daten stützte wie jetzt der Pisa-Papst Jürgen Baumert – und dabei zu völlig anderen Ergebnissen kam. Im Auftrag der Berliner Schulbehörde hatte Rainer Lehmann, Professor an der Humboldt-Universität, den Lernfortschritt sämtlicher Elitegymnasiasten mit dem jener Schüler verglichen, die auf der regulären Grundschule verblieben waren.

Die Ergebnisse der sogenannten Element-Studie schlugen ein wie eine Bombe. Denn laut Lehmann trennt beide Schülergruppen ein gigantisches Leistungsgefälle. Am Ende der sechsten Klasse hätten sich die »Gymnasiasten so stark abgesetzt, dass sie zwei Jahre Lernvorsprung haben«, sagte Lehmann in einem Gespräch mit der ZEIT (Nr. 17/08). Selbst wenn man nur Schüler aus ähnlichem Elternhaus und mit gleicher Intelligenz gegenüberstelle, zögen die Gymnasiasten den Grundschülern weit davon. Die Botschaft lieferte der Pädagogikprofessor – mitten in die Hamburger Koalitionsverhandlungen – gleich mit: »Wer sechs Jahre Grundschule propagiert, nimmt in Kauf, dass die guten Schüler nicht so viel erreichen, wie es ihren Möglichkeiten entspräche.«

Nicht nur Lehmanns politische Verve überraschte viele Fachkollegen schon damals, auch die Interpretation seiner Daten. Denn als die Berliner Schulbehörde wenige Tage später die Studie veröffentlichte, zeigte sich, dass sich die Leistungsschere zwischen Gymnasiasten und Grundschülern – anders als der Humboldt-Professor in vielen Interviews behauptet hatte – keinesfalls weiter spreizte. Vielmehr nähern sich beide Gruppen im Fach Deutsch sogar an. Das lag vor allem an der guten Förderung der schwachen Leser durch die Grundschule, denen auch Lehmann selbst »beträchtliche Lernfortschritte« attestierte.

Bei den Kellerkindern erfüllt das längere Lernen also seine Mission. Damit war der eine Teil von Lehmanns Argumentationsgebäude – sechs Jahre Grundschule bringen keine Vorteile – zusammengebrochen. Die andere Hälfte, der Schaden des längeren gemeinsamen Lernens für die Leistungsspitze, räumt nun sein Kollege Jürgen Baumert ab. In einer sogenannten Reanalyse der Lehmannschen Daten schaut er sich die Frühwechsler auf die Oberschule noch einmal genauer an. Insbesondere versucht er, die Startvorteile auszurechnen, mit denen sie auf dem Gymnasium beginnen: den Bildungsabschluss ihrer Eltern, ihre Grundintelligenz, die Motivation, mit der sie lesen und rechnen lernen. Dabei stellt sich heraus, dass die gut sieben Prozent grundständiger Gymnasiasten in Berlin eine »hoch ausgelesene Schülergruppe« sind, die Crème de la Crème eben.

Auch Lehmann hat diesen Umstand in seiner Studie durchaus im Blick. Doch verwendet er wesentlich weniger Faktoren, die einen fairen Vergleich ermöglichen. Deshalb unterschätze er die Selektivität, urteilt Baumert. Zieht man nämlich sämtliche Vorteile der Gymnasiasten in Betracht, dann schmilzt deren Lernvorsprung auf null. Dass die Frühwechsler im Lesen und Rechnen besser abschneiden, verdanken sie also ihrer intellektuellen und kulturellen Mitgift, mit der sie im Gymnasium beginnen. Die Schule selbst hat daran keinen Anteil. »In keinem Leistungsbereich sind generelle Förderwirkungen des grundständigen Gymnasiums nachweisbar«, schlussfolgert Baumerts Beitrag. Auf Anfrage räumt Lehmann ein, er habe die Vorteile des frühen Übergangs für die Lesefähigkeiten in der Spitzengruppe möglicherweise überschätzt. Dennoch bleibt er bei seiner Darstellung, der Wechsel auf das Gymnasium nach der vierten Klasse würde guten Schülern nutzen. Nur beweisen kann er das nicht mehr. »Die neue Analyse entzieht Lehmanns Interpretation den Boden«, sagt der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann. Und fügt an, noch nie habe er in seiner über 30-jährigen Laufbahn erlebt, dass sich zwei empirische Studien derart eklatant widersprechen.

Den Disput – in Hamburg oder anderswo – über Nutzen oder Schaden der frühen Leistungstrennung entscheidet die Wende im Berliner Zahlenstreit nicht endgültig. Dafür ist die Situation in der Hauptstadt zu speziell. Auch machen die Untersuchungen keine Angaben über die Lernfortschritte der Eliteschüler in ihren Spezialdisziplinen wie Latein, den modernen Sprachen oder Musik. »Von solchen Angeboten, die an den Gymnasien zusätzlich wahrgenommen werden, haben die Frühwechsler ganz sicher einen Vorteil«, betont Lehmann.

In den Hauptfächern stellt die neue Untersuchung den grundständigen Gymnasien jedoch ein Armutszeugnis aus: Unter wesentlich besseren Bedingungen holen sie nicht mehr aus den Schülern heraus als die Grundschulen, die sich gleichzeitig um die Schwachen kümmern müssen. Überraschend kommt der Befund nicht. Bereits internationale Leistungsvergleiche zeigten, dass deutsche Gymnasien unter ihren Möglichkeiten bleiben. Bei der Zahl der Schüler, die im Pisa-Test das höchste Kompetenzniveau erreichen, sind Länder wie Japan oder Kanada uns deutlich voraus.

Der Grundschule dagegen spricht Baumert ausdrücklich ein »Kompliment« aus. Ihr gelingt es, die Leistungen schwacher Schüler anzuheben, ohne die starken zu vernachlässigen. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Grundschullehrer in Deutschland im Vergleich wohl die beste Arbeit leisten. Die Lektion für das Gymnasium aber heißt: Wer privilegiert ist, sollte aus seiner Sonderstellung etwas machen. Nur so beweist das Gymnasium seine Daseinsberechtigung.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • uohms
    • 30.04.2009 um 11:21 Uhr

    Die Erkenntnis, das die Kompentenzen der Grundschüler mit zunehmendem Alter stark auseinander driften, ist ja nicht neu.
    In Hamburg will die Regierungskoalition dem Rechnung tragen, indem als zentrales Instrument die Binnendifferenzierung eingesetzt werden soll.
    Das diese aber nur bei stark abgesenkten Klassenfrequenzen funktionieren kann und nicht bei den 21-25 (soll) bzw. 25-31 (ist), verschweigt uns die Politik nur zu gern.
    Überhaupt nicht geklärt ist, wie tausende Lehrer innerhalb eines Jahres entsprechend qualifiziert werden sollen.
    Hinzu kommt, das durch die Strukturänderungen - 2 zusätzliche Jahrgänge an Grundschulen, 2 weniger an den weiterführenden Schulen - jede Menge Zubauten finanziert werden müssen. Diese allein erforderten schon bei vorsichtiger Schätzung einen 3-stelligen Millionenbetrag.
    Wie dieser gegenfinanziert werden soll, habe ich leider vergeblich im Koalitionsvertrag gesucht.
    Aus diesen Problemen lässt sich doch leicht ablesen, was notwendig ist:
    Kleinere Klassen und mehr Lehrer insbesondere in den Gebieten, wo dies auf Grund der Schülerstruktur nachgefragt wird. Keine Einführung der 6-jährigen Primarschule, da die entstehenden Kosten einem fragwürdigen Nutzen gegenüber stehen.
    Leider werden die Reformkritiker immer als Reformgegner dargestellt. Richtig ist viel mehr, das wir eine an die Bedürfnisse der jeweiligen Region orientierte Reform fordern. Dies dürfte weitaus effektiver sein, als - wie es Behörden wohl nun einmal nicht anders können - nach dem Rasenmäherprinzip vorzugehen.

  1. 2. die...

    ...sprach- und lernförderung (-sbemühungen) in kitas und kindergärten sollte anerkannt, unterstützt und honoriert werden. wenn erstschüler mit annähernd gleichen sprachkenntnissen der landessprache die schulausbildung starteten, bräuchten sich lehrer weniger um die vermittlung derselben bemühen. dadurch wäre zeit gewonnen.
    wenn allerdings wie in der hervorragenden sendung "frontal 21" (zdf dienstags 2100 uhr)dieser woche berichtet, lehrkräfte fehlen und mitschüler die wissensvermittlung übernehmen müssen, kann man sich eigentlich die diskussion um verlängerung oder verkürzung der verschiedenen schulformen sparen.

  2. Die sind so grenzenlos fertig, sechs Jahre Grundschule. Lieber etwas später einschulen, aber das widerspricht ja der Weltanschauung unserer Sozialtherapeuten-Republik.

  3. Zum Glück sind wir nicht Berlin.

    Eine Studie - zeitlich begrenzt auf wie viel Jahre? Von wie vielen Schülern? Und nur in Mathe und Deutsch? Tolle Zahlen, Statistiken kann man so deuten wie man will.

    Die Frage ist nicht, ob die Realschüler gleich gut im Rechnen sind wie Gymnasiasten - also Formeln und Strukturen auswendig können, sondern ob sie verstanden haben das auch zu übertragen? Und jetzt mal ernsthaft, wie will man anhand der Grammatik oder Rechtschreibung erkennen, ob die Interpretationen in Deutsch gut oder schlecht sind. Aber wenn es nur ums Lesen geht wie der Artikel behauptet, dann tut mir die Berliner Schulbehörde wahrhaftig leid, dass sie auf solch sinistere Mittel zurückgreift und sagt, dass das der Nabel des Wissens wäre. Meine Grundschullehrer hätte ich nicht noch 2 Jahre ertragen. Förderung von Intelligenz war für die ein Fremdwort, bei anderen ist es sogar so weit gegangen, dass sie gemobbt wurden von den Lehrerinnen, wenn sie weiterführende Fragen stellten. Die Qualifikation der Lehrer für Grundschule sind minimalst. Jeder der das Gegenteil behauptet sollte einfach mal ein paar Mathevorlesungen für Grundschullehrämtler besuchen. Da lacht jeder(!) 8.Klässler sich kaputt.
    Der Artikel sagt leider herzlich wenig aus über die Zahlen. Und jetzt mal ernsthaft, anstatt Millionen in die Ausbildung von Grundschullehrern zu versenken, sollte man vielleicht einfach den Lehrplan an Gymnasien ändern und ein wenig mehr Lesen üben. Aber wieso auch einfach, wenn es kompliziert geht?
    Zudem heißt es doch auch, wenn also ein Kind sehr gut lesen kann und auf der Grundschule für 2 Jahre länger bleibt wird es vernachlässigt, und wenn es auf ein Gymnasium kommt, kann es ohne Probleme durchstarten. Ist es denn so schlimm, wenn manche Menschen ein wenig besser ausgebildet sind als andere? Oder ersetze ich lieber das Wort "besser" durch "anders"... Oh, ich vergaß, Linke-SPD- Koalition in Berlin; na dann, macht ruhig alle Kinder gleich (dumm)!
    Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, und das hier ist ja noch schlimmer, keine Zahlen, nur eine Analyse einer Analyse die gegen eine andere Analyse steht. Nach dem Motto: Glaubt das, das ist wahrhaftig! Bitte nur einmal möchte ich die Statistik selbst als Link sehen. Wollen wir wetten, dass jeder Kommentator danach etwas anderes interpretiert?!

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    Kleines Beispiel zum Lernfortschritt:
    Kind A hat zunaechst einen aktiven Wortschatz von 1000 Woertern. Es eignet sich 100 neue an. Zuwachs: 10 %.
    Kind B benutzt 200 Woerter und lernt ebenfalls 100 neue dazu. Lernfortschritt 50%.
    Kind A kennt am Ende der Rechnung 1100 Woerter, Kind B 300. Kind B hat viel mehr Fortschritte gemacht ! Es hat sich ein paar von den Woertern, angeeignet, die A schon von Anfang an kannte.

    Und noch eins: Natuerlich haetten die Gymnasiasten auch an der Grundschule "ihren Weg gemacht", keine Frage. Nur - wo geht es ihnen besser ? Auch intelligente Kinder haben Gefuehle und Beduerfnisse, nicht nur dumme - oh, sorry - benachteiligte.

    Kleines Beispiel zum Lernfortschritt:
    Kind A hat zunaechst einen aktiven Wortschatz von 1000 Woertern. Es eignet sich 100 neue an. Zuwachs: 10 %.
    Kind B benutzt 200 Woerter und lernt ebenfalls 100 neue dazu. Lernfortschritt 50%.
    Kind A kennt am Ende der Rechnung 1100 Woerter, Kind B 300. Kind B hat viel mehr Fortschritte gemacht ! Es hat sich ein paar von den Woertern, angeeignet, die A schon von Anfang an kannte.

    Und noch eins: Natuerlich haetten die Gymnasiasten auch an der Grundschule "ihren Weg gemacht", keine Frage. Nur - wo geht es ihnen besser ? Auch intelligente Kinder haben Gefuehle und Beduerfnisse, nicht nur dumme - oh, sorry - benachteiligte.

  4. Ach Du meine Güte ... die Argumentationskette des Autors schreit ja zum Himmel!

    Zitat: Rechtfertigt ein anspruchsvollerer Lehrplan im Gymnasium die langen Anfahrtswege, das Schulgeld oder den Abschied von den Klassenkameraden in der alten Schule? Ist es also notwendig, den begabtesten Schülern der Hauptstadt einen Sonderweg zum besseren Lernen zu eröffnen?

    JA, ist es!!! Kaum ein Elternhaus eines begabten Kindes wird Anfahrtswege, Schulgeld (seit wann kosten eigentlich öffentliche Schulen etwas?) und fehlende Freunde als Argument gegen einen Schulwechsel sehen. Die Eltern erleben ihre Kinder jeden Tag - mit allen Hochs und Tiefs, die eine besondere Begabung mit sich bringen. Dabei geraten solch profane Dinge wie Anfahrtswege in den Hintergrund. Zum Glück! Denn genau solchen Kindern KANN nicht anders geholfen werden, als durch stärkere Förderung. Aktuell scheinen die Medien (ein Dank an den Spiegel) zu vergessen, welche Probleme eine hohe Begabung mit sich bringt. Unterforderung gipfelt nicht selten in Verhaltensstörungen und Depressionen!

    Zitat: In einer sogenannten Reanalyse der Lehmannschen Daten schaut er sich die Frühwechsler auf die Oberschule noch einmal genauer an. Insbesondere versucht er, die Startvorteile auszurechnen, mit denen sie auf dem Gymnasium beginnen: den Bildungsabschluss ihrer Eltern, ihre Grundintelligenz, die Motivation, mit der sie lesen und rechnen lernen. ...()... Zieht man nämlich sämtliche Vorteile der Gymnasiasten in Betracht, dann schmilzt deren Lernvorsprung auf null.

    Was soll das denn? Erstens wird hier anscheinend nicht von einer zweiten Studie gesprochen, sondern nur von einem simplen "Neuausrechnen" der alten unter anderen Parametern. Kinder werden zu Zahlen gemacht, bei denen man beliebig Vorteile addieren oder subtrahieren kann. Ist den Kindern damit geholfen, dass man sie auf die Norm "runterrechnet"? Und zweitens wird vergessen, dass sich Intelligenz hauptsächlich vererbt und zusätzlich durch sozialen Hintergrund entwickelt. Akademikerkinder haben genetisch bedingt bereits einen durchschnittlich höheren IQ. Die Einstellung, die Kinder zum Lernen entwickeln hat ebenso nicht unerheblich damit zu tun, welchen Stellenwert Bildung in der Familie einnimmt. So schließt sich der Kreislauf. Warum soll das nun bei diesen Kindern abgezogen werden, nur um sie durchschnittlich betrachtbar zu machen?

    Sicherlich macht es nicht für jedes Kind Sinn bereits in der 5. Klasse auf eine weiterführende Schule zu wechseln, Kinder aber durch eine solche, rein rechnerische Methode in Formen pressen zu wollen, erst recht nicht. Die Begabungsförderung in Berlin steht erst am Anfang und muss eher noch ausgebaut werden, anstatt Kinder möglichst dem Durchschnitt anpassen zu wollen. In jedem Kind steckt ein Potential, das genutzt werden muss und nur durch individuelle Betreuung entdeckt werden kann. Einheitsbrei bringt niemanden weiter, billiger ist er aber auf den ersten Blick in jedem Fall.

  5. Es ist nicht zu fassen. Natürlich ist der Lernzuwachs der Grundschüler größer, wenn erst einmal die leistungsfähige Spitze weggegangen ist und sich wieder in Gymnasialklassen von ca. 30 Kindern knubbelt, die Grundschule aber danach ca. 20 Kinder pro Klasse bilden. Ist dieser - wesentliche - Einflussfaktor denn untersucht worden.? Und selbst wenn die grundständigen Schulen den leistungsfähigen Rahm abschöpfen, und Schule bei diesen Schülern weniger Einfluss hat als das Elternhaus, was ist dagegen zu sagen, wenn die anderen Grundschulen danach homogener werden und ihre verbliebenen Schüler besser fördern können, bei denen der Einfluss des Elternhauses eben nicht so groß ist?

    Seit einigen Jahren wird in Berlin ein zentrales Abitur geschrieben und die Daten werden auch veröffentlicht. An der Leistungsspitze drängeln sich die grundständigen Gymnasien, dann kommt lange nichts, dann folgen die anderen Schulen. Laut Baumert müsste es die Realität eine andere sein als sie - messbar - ist.

  6. Da machen wir noch eine kleine Untersuchung und noch eine kleine Untersuchung und noch eine kleine Untersuchung und ......... irgendwann hat jeder diesen Taschenspielertrick übersehen, mit dem man die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abgelenkt hat. Das Wesentliche würde ich als Ich-kann-Schule-Lehrer als die konkrete Bewältigung des jeweiligen Tages am jeweiligen Ort nennen - wir kümmern uns um alles, nur nicht darum, und bilden uns auch noch was darauf ein, das "wissenschaftlich" zu nennen. Da bleibt der Hut auf: keinen Respekt!
    Mit freundlichen Grüßen
    Franz Josef Neffe

  7. Noch ein Jahr länger in der Grundschule und meine Kinder wären wohl auffällig geworden.
    Nach ihren eigenen Aussagen fing das lohnende schulische Leben sowieso erst mit der Oberstufe an, als sich in den Leistungskursen das Niveau verbesserte.

    Auch die in Deutschland so hoch gehaltene Klassengemeinschaft, die auf keinen Fall zerstört werden darf, habe ich nicht als so erhaltenswert gesehen. Den Kindern schadet es nicht, alle paar Jahre neue Kinder kennenzulernen und sich mit anderen Gegebenheiten auseinandersetzten zu müssen. Seine besten Freunde kann man nach wie vor in der Freizeit treffen. Und, in der neu zusammengesetzten Klasse, noch neue Freunde dazu gewinnen.

    Schulischen Erfolg nach in der 6. Klasse an Verbesserungen beim Lesen festzumachen, ist sowieso fragwürdig. Zu meiner Zeit ging man davon aus, dass Kinder nach 4 Schuljahren Lesen können, danach sind die Verbesserungen naturgemäss bei den guten Schülern minimal. Nur schwache Leser können noch aufholen.

    Persönlich bin ich froh, dass mit dem Abitur der Jüngsten unsere Schulerfahrungen sich jetzt dem Ende nähern, mit all den Reformen wird zukünftig nichts besser.

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    • jojocw
    • 30.04.2009 um 18:53 Uhr

    Stimme vielen Kommentaren zu, insbesondere 1 und 8.

    Seit ca. 30 Jahren wird an den Schulen herumexperimentiert, und seit einigen Jahren wird auch kräftig verglichen.

    Aber seit Jahrzehnten gehen die Leistungen der Schüler zurück.

    Warum?
    1. Wir legen inzwischen zu wenig Wert auf Leistung und Forderung.
    Es heißt heute nur noch Fördern.
    Auffällig ist dies z.Bsp. an den Prüfungen, die Jahr für Jahr immer leicher werden, damit am Schluss die Note stimmt.
    2. Man sieht zwar, wie es andere Länder machen, aber man zieht nur oberflächlich Konsequenzen.
    Es braucht konsequent Kleingruppen mit gutausgestatteten Räumen, vor allem in den Naturwissenschaften (wie in Finnland). Das geht nicht mit Klassen bis 33 Schülern.
    3. Die Schule ist eben kein Ort der Unterhaltung und des Spasses, sondern des Lernens. Und das kann manchmal anstrengend sein. Dies wird aber von keinem Politiker oder Pädagogen an der Uni heute gern gesehen, geschweige denn gesagt.

    • jojocw
    • 30.04.2009 um 18:53 Uhr

    Stimme vielen Kommentaren zu, insbesondere 1 und 8.

    Seit ca. 30 Jahren wird an den Schulen herumexperimentiert, und seit einigen Jahren wird auch kräftig verglichen.

    Aber seit Jahrzehnten gehen die Leistungen der Schüler zurück.

    Warum?
    1. Wir legen inzwischen zu wenig Wert auf Leistung und Forderung.
    Es heißt heute nur noch Fördern.
    Auffällig ist dies z.Bsp. an den Prüfungen, die Jahr für Jahr immer leicher werden, damit am Schluss die Note stimmt.
    2. Man sieht zwar, wie es andere Länder machen, aber man zieht nur oberflächlich Konsequenzen.
    Es braucht konsequent Kleingruppen mit gutausgestatteten Räumen, vor allem in den Naturwissenschaften (wie in Finnland). Das geht nicht mit Klassen bis 33 Schülern.
    3. Die Schule ist eben kein Ort der Unterhaltung und des Spasses, sondern des Lernens. Und das kann manchmal anstrengend sein. Dies wird aber von keinem Politiker oder Pädagogen an der Uni heute gern gesehen, geschweige denn gesagt.

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