SprachwissenschaftenFehler machen Worte

Die Sprache wandelt sich ständig – und wir alle sind daran beteiligt. Was treibt uns an? von 

Der Keks musste viel aufgeben, um in die deutsche Sprache zu gelangen. Dabei hatte er es anfangs noch leicht. »Was ißt die Menschheit unterwegs? Na selbstverständlich Leibniz-Cakes«, riefen Werbeplakate im Jahr 1898 den Menschen zu – schlagartig machte Bahlsen das englische Wort cake in Deutschland bekannt. Dann setzte die Germanisierung ein: Das a in Cakes wurde durch ein e ersetzt, das hintere e verschwand. Aus einem C wurde ein K. Zudem wurde der englische Plural mit seinem s zum deutschen Singular – stattdessen halste man dem gebeutelten Wort einen eigenen Plural in Form eines e auf. Ein Keks, viele Kekse. Schließlich war das Kunstwort in der deutschen Sprache angekommen: 1919 fand der Keks Eingang in den Duden.

Eine Misshandlung der Sprache, empörten sich damals die Bildungsbürger. Doch sie hatten dem neuen Wort nicht viel entgegenzusetzen. Seit es den Keks gab, war der Begriff Feingebäck einfach nicht mehr hip. Hip? Verzeihung: zeitgemäß.

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Die Sprache wandelt sich, und sie geht dabei ihren eigenen Weg, früher wie heute. Sprachwächter wie der Spiegel - Kolumnist Bastian Sick oder der Kritiker Wolf Schneider können vor Anglizismen warnen, soviel sie wollen, Intellektuelle in den Feuilletons unermüdlich den Verfall der deutschen Sprache monieren – aber im Grunde begleiten sie alle nur einen Prozess, auf den sie eigentlich kaum Einfluss haben. Niemand gibt den fast 100 Millionen Menschen, die Deutsch als ihre Muttersprache bezeichnen, eine Richtung vor. Und doch kommt es in der Sprache ständig zu Veränderungen.

Der Duden-Verlag sitzt in einem Bürohaus im Mannheimer Industriegebiet. Dort durchforstet der stellvertretende Leiter der Duden-Redaktion Werner Scholze-Stubenrecht die Sprache nach neuen Wörtern. Sein wichtigstes Instrument: das Duden-Korpus, eine Datenbank mit inzwischen mehr als 1,4 Milliarden Wortformen, die regelmäßig aktualisiert wird. Zeitungen und Zeitschriften, Bücher, Redemanuskripte, Reparatur- und Bastelanleitungen – aus allen Bereichen der gedruckten Sprache wird das Korpus gespeist.

»Wenn ich wissen will, wie es um ein Wort in der deutschen Sprache bestellt ist, sehe ich im Korpus nach«, sagt Scholze-Stubenrecht und blickt auf den Bildschirm. »Ich erfahre beispielsweise, wie häufig das Wort gebraucht wird, ob seine Verwendung zu- oder abnimmt und ob es eher in Zeitungen oder in Romanen auftaucht.« Die Karrieren vieler Wörter hat er schon mit angesehen, erfolgreicher wie gescheiterter: »Hartz IV« etablierte sich innerhalb kürzester Zeit; der »Beiguss« hingegen, ein Versuch, die Soße einzudeutschen, war bald wieder verschwunden.

Er öffnet eine Datei, in der er vom Aussterben bedrohte Wörter sammelt. Derzeit bevölkern über 2000 das Altersheim der deutschen Sprache. Er scrollt die Liste entlang: »Ich bezweifle, dass die Federbüchse in der nächsten Ausgabe des Duden noch vorkommt.« Ähnlich schlecht geht es dem Jahrweiser, einer veralteten Bezeichnung für Kalender.

Andere, neue Wörter dagegen werden gerade erst erwachsen. Breiten sie sich in der Sprache weiter aus, winkt ihnen ein Platz in der nächsten Ausgabe des Duden. Der Lebensmensch etwa ist so ein Kandidat, nicht zu verwechseln mit dem Lebemenschen, dem Menschen des Genusses, der zu Goethes Zeiten auf dem Höhepunkt seiner Wortkarriere stand. Der Lebensmensch hingegen ist derjenige, den man als wichtigsten Menschen im eigenen Leben empfindet. Bleibt es bei der aufstrebenden Tendenz, die das Korpus ihm attestiert, wird man von dem neuen Wort noch öfter hören.

Leserkommentare
    • sv1en
    • 02. Mai 2009 11:00 Uhr

    ... eine Kurzform für "...innen und ...en".

    Volksmund, wo bleibst Du? :-)

    • kräg
    • 02. Mai 2009 23:30 Uhr

    muss ich sagen, dass "vor-vor-irgendwas" nicht unbedingt die gleiche Bedeutung wie "vor-irgendwas" haben muss. Sonst wär ja auch Ur-Ur-Opa gleich Ur-Opa.

  1. Hat Spaß gemacht zu lesen. Was für lustige Berufe es doch gibt: Notfallberatung für sprachunsichere Steinmetze etc.
    Aber, warum nur musste das dann so enden?
    "So versuchen insbesondere Jungs, die Mädchen mit »cooler« Sprache zu beeindrucken."

    - Die Mädchen sind also nicht selbst wort-kreativ, sondern sie mühen sich mit dem Verständnis männlicher Sprach-Neuerungen ab?

    Abgesehen davon: Danke.

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    "Shareholder-Value ist die blödeste Idee der Welt"
    Ex-Manager Jack Welch über sein eigenes Konzept, nach dem Firmen nur zum Nutzen der Aktionäre handeln sollen

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