Familie Scheidung ausgeschlossen
Kaum eine Beziehung prägt uns mehr als die zu Geschwistern. Zwei Brüder schreiben sich in Briefen, warum sie sich lieben. Und auch schon mal umbringen wollten
Tillmann:
Lieber kleiner Bruder, bis man auf einer Kinoleinwand zu sehen ist, muss man normalerweise irgendetwas Historisches vollbracht haben. Man muss barbrüstig für das Cover des stern posiert haben wie Uschi Obermaier oder einen Diktator ermorden oder etwas anderes kolossal Anstrengendes tun. Ich hingegen konnte neulich mein Alter Ego im Kinoformat betrachten, ohne mich sonderlich bemühen zu müssen. Ich musste nur Bruder sein.
Du hattest Dich in ein Mädchen in Kambodscha verliebt. Es stellte sich heraus, dass es mit HIV infiziert ist. Du hast von Deutschland aus die HIV-Therapie für die Frau, die Du liebst, organisiert und hast sie geheiratet. Später hast Du einen Artikel darüber geschrieben, dann ein Buch – und daraus wurde ein Film, Detlev Buck führt Regie. Tom Cruise spielt Stauffenberg, David Kross spielt Dich, warum nicht.
Bei einer Testaufführung laufe ich dem Regisseur direkt in die Arme. Er grüßt zögerlich, als wäre es ihm nicht ganz angenehm, mich kennenzulernen. Plötzlich redet er davon, er habe sich beim Drehbuch irgendwann von unserer Geschichte lösen müssen, Leben sei Leben, Film sei Film. Es gibt noch andere Gäste. »Ach, DU bist der große Bruder von Benjamin«, sagen sie. Der Film läuft an, und ich beginne zu verstehen. Henri, so heißt mein Alter Ego, ist ein Zyniker und ein Schürzenjäger. Er denkt erst an seine Karriere, dann an seine Mitmenschen. Für die romantischen Bemühungen seines kleinen Bruders hat er nur sanften Spott übrig. Jeder Film braucht einen Bösen. Für den Regisseur war klar, dass das der Bruder seiner Hauptfigur sein muss. Der Antiheld bin ich. Immer auf die Großen.
Benjamin:
Lieber Bruder, nicht beleidigt sein. So übel finde ich Henri gar nicht. Immerhin gibt er seinem kleinen Bruder das Gefühl, zu ihm zu stehen, egal, was passiert. Das hast Du mit dem Filmcharakter gemeinsam: Du hast immer an mich geglaubt, aus Gründen, die ich nicht kenne. Aber weißt Du, was mich besonders freut? Dass Du es warst, der darauf angesprochen wurde, der Bruder von jemandem zu sein. Das war, nimm es mir nicht übel, ein Lebenswunsch von mir. Mein ganzes Leben lang war das nämlich andersherum: Überall, wo ich hinkam, warst Du schon gewesen. Man stelle sich vor: Man ist sechzehn und geht in eine Disco, möchte rauchen, vielleicht sogar etwas Verbotenes, Verwegenes tun, Mädchen kennenlernen, kurz: ein Großer sein. Und dann kommt eine schöne Frau durch den künstlichen Nebel auf einen zu und sagt: "Du bist doch bestimmt der kleine Bruder vom Tillmann. Ihr seht euch ja sooo ähnlich!"
Wir sind uns wirklich ähnlich, Tillmann. Und dann auch wieder ganz verschieden. Was verbindet Brüder? Und was trennt sie? Warum gibt es Brüder wie die Regisseure Ethan und Joel Coen, die quasi in Symbiose Filmkunstwerke wie The Big Lebowski verwirklicht haben? Und solche wie die Brüder Thomas und Heinrich Mann, die ihr Leben als Widersacher verbrachten? Erst in den achtziger Jahren begann man, sich systematisch mit dem Verhältnis zwischen Geschwistern auseinanderzusetzen. Als einer der Pioniere gilt Frank Sulloway von der University of California in Berkeley. Er geht davon aus, dass Rivalität eines der Hauptmotive der Geschwisterbeziehung ist: "Wenn du größer bist als deine Geschwister, dann haust du sie." Tillmann, für diese Erkenntnis brauchte die Forschung Jahrzehnte. Ich will mich nicht brüsten. Aber ich hatte das wesentlich schneller herausgefunden.
- Datum 30.04.2009 - 12:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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Es ist bewegend zu lesen, wenn zwei Menschen, die gut schreiben können, Alltag beschreiben und zeigen, wie schön ganz normale Dinge doch sein können. Freue mich auf das Buch
Auf das Buch bin ich neugierig, ich werde es mir auf jeden Fall besorgen. Den Briefwechsel finde ich eine schöne Form des schriftlichen Dialoges. Die Brüder schreiben einander offene - und meines Erachtens ehrliche - Worte und bleiben trotz der Emotionalität sachlich genug, damit kein unnötiger Seelenstriptease entsteht.
Ich bin froh, habe ich Geschwister, auch wenn bei uns manchmal die Fetzen flogen und die Pubertät die Machtkämpfe teils verstärkt haben.
Geschwister sind wirklich etwas schönes, mit ihnen kann man streiten und Frieden schliessen sehr gut üben. Genau so wie "Teambildung", Ideen ausbrüten und umsetzen, Rollenspiele machen etc. etc.
Und man konnte auf dem Pausenhof mit dem grossen Bruder (der drei Jahre jünger ist, aber von den Zentimetern her grösser) drohen.
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