Familie Scheidung ausgeschlossenSeite 4/4
Aber genug gelästert! Wenn man über seine Geschwister spricht, dann fällt einem sehr schnell das Negative ein. Es ist einfacher, über das Schlechte zu sprechen, es drängt sich immer nach vorne, weil es interessanter ist als das Glück. Ich habe nun viele Bücher über Brüder gelesen. Die Bibel, Biografien von Brüder-Paaren, psychologische Ratgeber und pädagogische Handbücher. Und nachdem ich diese wieder zugeschlagen hatte, blieb der Eindruck, dass einen Bruder zu haben ein schweres Schicksal sein muss. Ständig ist die Rede von Rivalität, von Neid, vom Streit um die Vormachtstellung in der Familie und ums Erbe. Doch beim Lesen dachte ich mir trotzig: Mag ja sein, dass ein Geschwister-Dasein nicht ausschließlich mit Licht gefüllt ist. Aber dafür bin ich, dank meiner Geschwister, zu einem weltoffenen, kooperativen und flexiblen Menschen geworden und nicht zu einem verwöhnten Egozentriker wie so viele Einzelkinder.
Ich blätterte weiter und stieß in einem Buch des Psychologen Jürg Frick auf folgenden Satz: "Natürlich finden sich einzelne Beispiele von egozentrischen Einzelkindern – nur gibt es ebenfalls viele Kinder mit ähnlichen Merkmalen, die mit Geschwistern aufwachsen." Und weiter: "Zudem sind Einzelkinder im Vergleich zu Geschwisterkindern sogar seltener psychisch auffällig." Darüber hinaus musste ich lesen, dass etwa die Hälfte der Kinder in Deutschland Einzelkinder sind – und ihre Zahl nimmt zu. Mit anderen Worten: Wir beide sind also Auslaufmodelle in einer Welt, die glücklichen, psychologisch unauffälligen Einzelkindern gehört. Tja. Anscheinend braucht niemand Brüder.
Und doch… Ich aß vor einiger Zeit mit jenem Detlev Buck und seinem Filmteam zu Abend. Ich erzählte ihm, dass ich dabei sei, ein Buch über Brüder zu schreiben. Der Regisseur fragte mich, ob es in dem Buch auch darum gehen werde, wie es ist, wenn man keinen Bruder hat. Er ist nämlich ein Einzelkind, und hatte sich immer einen Bruder gewünscht. Und sofort stimmten ein paar Leute am Tisch zu. Sie hätten auch gerne Geschwister gehabt! Und in meinen Bauch machte sich ein warmes Gefühl breit. Ich wusste: Der Regisseur sammelt Filmpreise ein. Aber ich habe einen Bruder und er, diese arme Wurst, nicht.
Tillmann, der Henri im Film mag ein Unhold sein. Und vielleicht ist er auch ganz anders als Du. Aber Detlev Buck hätte einiges gegeben, einen wie Dich in seinem Leben zu haben.
Benjamin Prüfer, 29, Journalist, hat über seine Liebe zu einer Kambodschanerin das Buch "Wohin Du auch gehst" geschrieben. Die Verfilmung kommt im Oktober in die Kinos
Tillmann Prüfer, 35, ist Redakteur beim ZEITmagazin
- Datum 30.04.2009 - 12:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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Es ist bewegend zu lesen, wenn zwei Menschen, die gut schreiben können, Alltag beschreiben und zeigen, wie schön ganz normale Dinge doch sein können. Freue mich auf das Buch
Auf das Buch bin ich neugierig, ich werde es mir auf jeden Fall besorgen. Den Briefwechsel finde ich eine schöne Form des schriftlichen Dialoges. Die Brüder schreiben einander offene - und meines Erachtens ehrliche - Worte und bleiben trotz der Emotionalität sachlich genug, damit kein unnötiger Seelenstriptease entsteht.
Ich bin froh, habe ich Geschwister, auch wenn bei uns manchmal die Fetzen flogen und die Pubertät die Machtkämpfe teils verstärkt haben.
Geschwister sind wirklich etwas schönes, mit ihnen kann man streiten und Frieden schliessen sehr gut üben. Genau so wie "Teambildung", Ideen ausbrüten und umsetzen, Rollenspiele machen etc. etc.
Und man konnte auf dem Pausenhof mit dem grossen Bruder (der drei Jahre jünger ist, aber von den Zentimetern her grösser) drohen.
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