Lehrer Gute Lehre, bitte!

Die Lehrerausbildung an den Universitäten muss gestärkt werden

Was sagt die Abiturnote von Lehramtsstudenten über ihre Eignung für den Beruf aus? Die ZEIT hat über eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin berichtet, wonach es nicht möglich ist, an der Abiturnote abzulesen, ob sie einmal gute oder schlechte Lehrer werden. Wer sich aber für ein Lehramtsstudium entscheidet, war schon als Schüler besonders an sozialen Themen interessiert. In einer Erwiderung auf den Text betonte der Ökonom Ludger Wößmann vom Münchner ifo-Institut die Bedeutung der Abiturnote als verlässlichen Hinweis auf spätere Kompetenz. Wößmann brachte ein neues Argument in die Diskussion ein: Zwar verfügten Lehramtsstudenten über ein besonderes soziales Interesse, dieses Interesse aber könne ihre geringere Leistungsbereitschaft im Vergleich zu anderen Studenten nicht aufwiegen. Nun antwortet der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Jürgen Baumert.

In einem Beitrag für die ZEIT verweist Ludger Wößmann auf Daten aus einer Studienanfängerbefragung des Hochschul-Informations-Systems. Sie sollen die geringere Leistungsbereitschaft von Lehramtsstudenten im Gegensatz zu den Studenten in reinen Fachstudiengängen belegen. Bei der aktuellen HIS-Befragung von Studienanfängern zu Berufs- und Lebenszielen gaben Lehramtsstudenten im Vergleich zu anderen Fächergruppen deutlich seltener an, »ein anerkannter Fachmann/eine anerkannte Fachfrau werden« und »in fachlicher Hinsicht Überdurchschnittliches leisten« zu wollen. Dagegen lag der Anteil derer, die wünschten, »viel Freizeit zu haben«, mit 41 Prozent über dem durchschnittlichen Wert von 33 Prozent insgesamt.

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Diese Befunde, so die Interpretation des Ökonomen Wößmann, seien vor allem durch einen Faktor zu erklären: Das System Schule lasse durch seine Hierarchien und die relativ festgelegten Gehälter keinen wirklichen Aufstieg zu und hielte leistungsbewusste Menschen vom Lehrerberuf fern. »Alles an der Struktur der Personalpolitik spricht dagegen, dass sich leistungsfähige und -bereite Menschen für den Lehramtsberuf entscheiden. Dass es viele aufgrund einer an Kinder und Jugendlichen ausgerichteten Motivation dennoch tun, ist ihnen umso höher anzurechnen.« Es scheint eine perfekte Geschichte: Die Lehrkraft an Grund-, Haupt- und Realschulen ist im Mittel weniger begabt, fachlich weniger kompetent, weniger leistungsfähig und weniger leistungsbereit, aber mit einem Akademikereinkommen auf durchschnittlichem Niveau belohnt. Wenn diese Geschichte stimmte, wäre sie mehr als eine Schlagzeile wert. Aber ist sie wirklich wahr?

Weltweit können nur wenige Untersuchungen die fachliche Kompetenz von Lehrkräften berufsnah messen. Nur zwei dieser Studien – eine Untersuchung der University of Michigan in Ann Arbor und die sogenannte COACTIV-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin – erlauben es, den Zusammenhang zwischen der fachlichen Kompetenz von Lehrkräften und der Qualität des Unterrichts und dem Leistungsfortschritt von Schülerinnen und Schülern zu beschreiben.

Besonders die COACTIV-Studie kann zeigen, dass ein profundes mathematisches Verständnis der unterrichteten Inhalte mit dem Erwerb des im täglichen Unterricht benutzten fachdidaktischen Wissens eng verbunden ist, dass aber für die Qualität des Mathematikunterrichts und die Leistungsfortschritte der Schülerinnen und Schüler letztlich das fachdidaktische Können verantwortlich ist. COACTIV belegt dann deutliche Kompetenzunterschiede im Fachwissen und im fachdidaktischen Können zwischen Lehrkräften, die eine Ausbildung für das Gymnasiallehramt einerseits und das Haupt- und Realschullehramt andererseits durchlaufen haben. Die Unterschiede fallen immer zugunsten der Gymnasiallehrkräfte aus.

Sind diese Unterschiede auf eine Leistungsselektion bei Studienbeginn zurückzuführen, die sich mit der Abiturnote messen ließe? Kontrolliert man die Daten im Hinblick auf die Abiturergebnisse, so zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen den Noten der Studenten der unterschiedlichen Lehramtsstudiengänge nicht so groß sind, als dass sie die dramatischen Unterschiede im fachdidaktischen Wissen nach dem Studium erklären könnten. Es ist also die Qualität der Ausbildung zum Lehrer, über die wir uns vor allem Sorgen zu machen haben, und nicht eine vermeintlich negative Auswahl der Studenten bei deren Beginn.

Diese Befunde werden durch eine Folgestudie des Max-Planck-Instituts bestätigt, die sowohl die fachliche als auch die pädagogische Entwicklung von Referendaren im Längsschnitt untersucht (COACTIV-R). Bei Berufsanfängern ist der Zusammenhang zwischen Abiturnote und erreichtem Kompetenzniveau am Ende des Studiums etwas ausgeprägter, aber auch hier erklären die Noten nicht die Unterschiede im Leistungsniveau zwischen Absolventen unterschiedlicher Ausbildungsgänge. Geht man einen Schritt weiter und prüft den Zusammenhang zwischen durchschnittlicher Abi-Note, der Unterrichtsqualität und der Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern im Fach Mathematik, ist die Antwort so klar, wie man sie sich nur wünschen kann. Das Abitur sagt weder die Qualität des Unterrichts noch das Leistungsergebnis der unterrichteten Schülerinnen und Schüler vorher. Eigentlich sind die Dinge einfach. Kein Mensch würde vor einer bevorstehenden Operation auf die Idee kommen, sich über die fachliche Kompetenz des behandelnden Chirurgen anhand von dessen Abiturnoten zu informieren. Nicht weniger befremdlich ist dieses Vorgehen im Fall von Lehrkräften.

Leser-Kommentare
  1. Jedem, der dem Scheuklappenstatistiker Wößmann mit seinem hohen intellektuellen Tellerrand die (Wahrnehmungs-)Grenzen aufzeigt, bin ich sooooo dankbar!

    JoshWolf, SLDD

  2. Praktika an Schulen sollten nicht nur für Lehramtsstudenten Pflicht sein. Ich empfehle Herrn Wößmann ein Referandariat oder eine Vertretungsstelle an einer deutschen Schule, um anschließend nochmals fundiert über die Probleme der Lehrerausbildung an Universitäten zu diskutieren... dann aber bitte richtig und so, dass wir voran kommen!

  3. ...führt dazu, dass es zwischen Wissenschaftsbehörde und Schulbehörde erhebliche Interessenskonflikte gibt: die Wissenschaftsbehörde und die Universtität im Besonderen haben ein Interesse daran, dass die wissenschaftliche Lehrerausbildung breit und allgemein ist und jedem Absolventen die Möglichkeit gibt in jedem Bundesland innerhalb der spezifischen Schulsysteme eine Anstellung zu finden. Die Schulbehörde hat ein Interesse an einer regional spezifischen Lehrerausbildung, welche die jeweiligen Konstellationen in dem betroffenen Bundesland berücksichtigt. Kommen dann noch neue Anforderungen an schulischen Unterricht hinzu, wie individualisiertes Lernen, klassen- und jahrgangsübergreifender Unterricht und eventuell noch inklusive Beschulung, dann müssen sich auch die Fachdidakten der Universitäten eingestehen, dass sie noch etwas dazu zu lernen haben, um ihre Studenten auf die neue Schulrealität vorzubereiten. Es reicht zumindest nicht, wenn die Universität im 1. Ausbildungsabschnitt bis zum Bachelor die praktische Ausbildung dem Master-Anteil bzw. dem Referendariat in der Verantwortung der Schulbehörde überlässt und hier keinen Beitrag leistet, was ich nicht unterstelle, aber darauf kritisch hinweisen möchte.

    • keox
    • 04.05.2009 um 13:19 Uhr

    leidet das Lehrpersonal ja auch auch an dem Widerspuch, Lust am Lernen vermitteln zu wollen, Kinder in ihren je eigenen Fähigkeiten zu unterstützen, und der staatlichen Forderung nach Selektion und Zurichtung des Menschenmaterials.

    Es ist unsinnig, ohne klare Zieldefinition die Methodenfrage zu erheben. Da muß man sich schon entscheiden, Förderung der kindlichen - also menschlichen - Potentiale, oder aber rigide Formung der human ressources je nach aktueller Interessenlage.

    • wieetz
    • 05.05.2009 um 12:51 Uhr

    Da bleibt mir nichts anzufügen, als ein fettes "Daumen hoch" an Herrn Baumert. Einer der wenigen Artikel zum Thema, der sich über die vorurteilsbeladene Stammtisch-Perspektive seiner Vorgänger erhebt und sich tatsächlich die Mühe macht, eine empirische Lesart an die Studien heranzutragen. Bitte mehr davon.

    Mfg wieetz

  4. Es wäre sicher eine lohnende Investition, jeden Lehrerlehrer und jeden Lehrer mit einem Herkunftswörterbuch zu beschenken. Dann könnten sie womöglich wenigstens lernen, richtig zu erklären, was LEHREN bedeutet. Wenn ich nämlich 100 Leute dies frage, dann sagen fast alle: Ein Lehrer unterrichtet die Kinder, er bringt ihnen was bei, er vermittelt ihnen was - und das ist alles verkehrt.
    Beibringen, Unterrichten, Vermitteln vereitelt LERNEN und ist das GEGENTEIL von LEHREN. Lehren & Lernen kommt von germ LAISTI = FÄHRTE. Man lernt, indem man die FÄHRTEN des Lebens verfolgt und dabei ErFAHRungen macht. Und wenn einem das selbst soviel Freude macht und einen so fasziniert, dass andere neugierig werden und einem folgen wollen, dann hat man sich zum LEHRER qualifiziert: der LEHRER ist der, der mit mitreißendem Beispiel vorausgeht. Ähnliches bedeutet auch das Wort PÄD-AGOGE; der PAID-AGOGOS drückt und drängt die Kinder nicht von hinten sondern er geht als KINDER-FÜHRER logischerweise voraus.
    So habe ich das in der neuen Ich-kann-Schule definiert, in der es auch keine ErZIEHung mit DRUCK gibt - das wäre ja ErDRÜCKung. Und das sollte ein Lehrer als Pädagogik Profi doch verstanden haben und lenken können.
    Es erstaunt mich, mit welchem Aufwand wir immer noch UNTERRICHTSVOLLZUGSBEAMTE ausbilden, die täglich minutiöse Ablaufschablonen ausarbeiten und die Kinder hineindrängen und locken sollen. Leben heißt doch nicht sich aufgeben und in Schablonen sacken sondern über alle Schablonen hinauswachsen. Über den vielen technischen Details, ist da immer noch der Blick fürs Wesentliche verloren.
    Vielleicht sollten die Du-musst-Schule-Professoren und -Lehrer sich doch einmal die neue Ich-kann-Schule genauer anschauen. Ich wünsche guten Erfolg.
    Franz Josef Neffe

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