Schweizer Publizist Im Mistloch der Gnade

Fünfzehn Jahre in Heimen, Anstalten, Gefängnissen – dann wurde Carl Albert Loosli der bissigste Kritiker seiner Zeit. Zum 50. Todestag wird der Schweizer Autor endlich wiederentdeckt

Kaum einer hat sich so gründlich mit seiner Umwelt angelegt wie Carl Albert Loosli. Er kämpfte gegen Faschismus und Antisemitismus, forderte das Frauenstimmrecht, wetterte gegen das helvetische Anpasser- und Duckmäusertum, kritisierte die Flüchtlingspolitik, die Freisinnigen, die Kirchen, Rechtsprechung und Anstaltswesen. Doch trotz der Gegnerschaft, die sich der Schriftsteller und Journalist zusammenschrieb, kennt ihn heute fast niemand mehr. Der 1877 unehelich geborene Loosli war ein Ausgegrenzter, lebenslang.

Seine Mutter sah er nur fünfmal, sie blieb ihm »unheilbar fremd«. Sie übergab das Kind einer Pflegemutter. Als 44-Jähriger schrieb Loosli an seine Mutter: »Wir kennen uns nicht, und wir haben uns nie gekannt.« Seinen Vater sah er nie. Die Katastrophe in Looslis Leben begann mit dem Tod der Pflegemutter. Der elfjährige Junge kam 1888 in ein Waisenhaus und durchlief in den nächsten 15 Jahren eine brutale Heimkarriere mit 27 Stationen in Besserungsanstalten, Zwangserziehungsheimen, Armenhäusern, Gefängnissen und Irrenanstalten. Das Einzige, was er dabei lernte, war die französische Sprache, da er längere Zeit in einem Heim in Grandchamp (Kanton Neuenburg) verbrachte.

Gotthelf, schrieb er, habe nicht selbst gedichtet – der Scherz kam schlecht an

Nach abgebrochenen Berufslehren kam er unter Vormundschaft, die damals »Bevogtung« hieß. Erst am 15. Mai 1901 – er war 24 Jahre alt – wurde sie aufgehoben. 1924 erzählte er sein Überleben in den »Seelenverkümmerungsanstalten« im Buch Anstaltsleben. Elf Verlage lehnten das Manuskript ab, es erschien im Kleinverlag eines Freundes. Sein Leben lang kämpfte Loosli als Autor und Staatsbürger für die Rechte von Heim- und Verdingkindern und stritt für eine fortschrittliche Pädagogik (»Strafen oder erziehen?«, »Erziehen, nicht erwürgen!«, »Erziehung zur Selbsterziehung«, nicht »Dressur«, sondern »Individualisierung«). Er beklagte die frömmelnde Heuchelei von »Philanthrophagen«, menschenfresserischen Wohltätern, die die Religion als »Zuchtmittel« zur »Seelenbearbeitung« einsetzen und die Rechte von Kindern und Jugendlichen »im Mistloch der Gnade« ertränken.

Nachhaltige Verbesserungen in der Anstaltserziehung und -aufsicht kamen erst nach 1945 zustande. Mit einer 18-teiligen Serie im Zürcher Tages-Anzeiger war Loosli direkt daran beteiligt, dass das Thema auf der politischen Tagesordnung blieb. Nach 1945 bekannte sich auch Pro Juventute zu einem Grundsatz, den Loosli schon in den Zwanzigern aufgestellt hatte: »Wir verlangen, dass Anstaltskinder zu Bürgern, nicht zu Untertanen erzogen werden.« Looslis Verdienste bei der Reform des Jugenderziehungsrechts sind unbestritten.

Nachdem die Vormundschaft über den 24-jährigen Loosli 1901 aufgehoben worden war, unternahm er eine Reise nach Brüssel, Amsterdam, Berlin und Paris, wo er Émile Zola traf und die Debatten über die Dreyfus-Affäre verfolgte. Unter den Pseudonymen Carl Trebla, Peter Schöps und Peter Lämmergeier schrieb Loosli für August Lauterburgs Weltchronik, aber auch für die sozialdemokratische Berner Tagwacht , den Berner Boten und den Bund unter Josef Victor Widmann, seinem »geistigen Vater« (Loosli).

Er lieferte Leitartikel, politische Berichte, Gerichtsreportagen, Feuilletons, Glossen. 1908 war er für ein Jahr Redaktor bei der Tagwacht und bezog ein regelmäßiges Gehalt. Die meiste Zeit arbeitete er jedoch »frei« und litt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern unter Geldnot. Noch 1945 bezeichnete sich Loosli »als der lebenslängliche Verdingbub des schweizerischen Schrifttums«, der »in steter Dürftigkeit« und »nie unterbrochenen Nahrungssorgen« gelebt habe – von 1903 an in Bümpliz.

Vor dem Ersten Weltkrieg erlangte er Bekanntheit durch seine Mundartdichtungen Mys Dörfli (1909), Üse Drätti (1910), Mys Ämmitaw (1911), die er selbst öffentlich vortrug. Als die Dialektdichtungen wie der »Patriotismus im eng nationalistischen Sinne« zur Mode wurden, schrieb er nur noch Hochdeutsch und Französisch. Loosli gehörte zu den Pionieren der »Liga für den Heimatschutz«, verfiel jedoch nicht in idealisierende Heimattümelei, sondern verstand diese Bewegung politisch beziehungsweise ökologisch avant la lettre als Kampf »gegen die Tyrannei der rücksichtslosen Spekulation und Zerstörungswut (…) unserer Profitgeier«, die die Alpen zu vermarkten begannen und 1907 sogar den Bau einer Seilbahn aufs Matterhorn planten. Als die Heimatschutzbewegung chauvinistisch abdriftete, verließ sie Loosli mit dem Hinweis, »man kann von der Liebe zu seiner Heimat durchdrungen und (…) doch ein überzeugter Antimilitarist und Anarchist in des Wortes verwegenster Bedeutung sein«.

Sein Engagement galt auch den Interessen der Künstler. Er war Mitbegründer des Schweizerischen Schriftstellerverbandes (SSV) und von 1908 bis 1912 Sekretär der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA) unter dem Präsidenten Ferdinand Hodler sowie Redaktor des Organs Schweizerkunst. Mit Hodler verband ihn eine intensive Freundschaft. Nach dessen Tod betreute er den Nachlass und gab eine Monografie heraus, von der die Hodler-Spezialistin Gabriela Christen meint, sie gehöre bis heute »zu den originellsten und informativsten Publikationen über den Maler« und zeichne sich durch »die intime Kenntnis und die weitsichtige Interpretation des künstlerischen Werks und des Menschen Hodler« aus.

Das Jahr 1913 wurde für Loosli zu einem weiteren Schicksalsjahr. Hans Trog, der Literaturpapst der NZZ, urteilte, Loosli sei »für immer aus der Reihe der ernst zu nehmenden Schriftsteller« auszuschließen. Der Hintergrund: Loosli sollte eine Gotthelf-Ausgabe betreuen, wurde aber ausgebootet. Deshalb erlaubte er sich den Jux, in der Manier der akademischen Germanistik »eine an Überzeugung grenzende Vermutung« zu äußern – diejenige nämlich, Jeremias Gotthelf sei nicht der Autor seiner Werke, sondern nur der Notar der Geschichten, die ihm der Bauer Johann Ulrich Geißbühler erzählt habe.

In der deutschen Schweiz verstand man – im Unterschied zur welschen – die Satire nicht. Auf Loosli prasselten 400 Artikel nieder, die zum Beispiel »das Attentat auf die ethisch, nicht nur dichterisch so gewaltig dastehende Persönlichkeit Jeremias Gotthelf« (Hans Trog) geißelten. Zwar blamierten sich »die Moralstabstrompeter« (Loosli) gründlich, denn Loosli hatte eine Erklärung zur satirisch gemeinten Attacke vor der Publikation des Artikels bei einem Notar hinterlegt. Das half Loosli nichts – viele seiner Bücher blieben in den folgenden 40 Jahren unpubliziert in der Schublade oder konnten nur im Selbstverlag erscheinen.

Nicht publiziert wurde unter anderem eine 400 Seiten starke Schrift mit dem Titel Kunst und Brot, in der er die prekäre Lage der Künstler analysierte. Finanziell hielt sich Loosli mit Werbetexten und dank seiner Frau, die Gemüse anpflanzte, über Wasser. Am erfolgreichsten waren Looslis Broschüren, die der englische Agent Julian Grande honorierte und in denen 1917 die »deutschschweizerische Pickelhaubenneutralität« denunziert wird, was ihm den Ruf eintrug, »im Sold der Entente« zu stehen. Zur Isolierung Looslis trug bei, dass er den herrschenden Freisinn vor und nach dem Ersten Weltkrieg als saturierte »Parteibüffelherde« und sich »patriotisch gebärdende Geldsackschweizer« angriff, die das revolutionäre Erbe von 1848 ebenso verrieten wie die zeitgenössischen »Normalschweizer«, die sich als »geborene Demokraten« aufspielten. Ende der dreißiger Jahre provozierte Loosli das Justemilieu mit mehreren Arbeiten über die Administrativjustiz und schweizerische Konzentrationslager.

Die Geistige Landesverteidigung nannte er »Verblödung des Volkes«

Er kritisierte die deutschen Lager, die damals noch keine Vernichtungslager waren, bestand jedoch darauf, dass auch »zwei Drittel sämtlicher Insassen unserer Korrektions-, Arbeits-, und Zwangserziehungsanstalten (…) aus administrativ« eingelieferten Personen bestünden, die also nicht gerichtlich verurteilt worden seien. Was man amtlich wie im Volksmund beschönigend »Versorgung« nannte, denunzierte Loosli als »Willkür«, »Rechtszerfall« und »Ausnahmerecht gegen die Armen und Besitzlosen«. Schon 1908 meinte Loosli, der Begriff »Strafe« sei »unseres Zeitalters nicht mehr würdig«; er sollte durch den der »Heilung« ersetzt werden. Erst nach der Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention 1981 wurden letzte Reste von Administrativjustiz in der Schweiz beseitigt.

Loosli plädierte für das Frauenstimmrecht (1906), für die Erhaltung des Asylrechts (1908) und für die schnelle Einbürgerung von Ausländern (1915). Er hielt die Schweiz für »regenerationsbedürftig« (1912), die Bundesanwaltschaft für »verfassungswidrig« (1917), Staatskirchen für »religiöse Aktiengesellschaften« (1940), die Schweizer Flüchtlingspolitik für einen »Bund mit Mördern« (1942) und die Geistige Landesverteidigung für »Verblödung des Volkes« (1946). Zu Nationalsozialismus und Stalinismus ging er ebenso auf Distanz wie zum Antikommunismus der fünfziger Jahre.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg kritisierte Loosli die »Russen- und Judenhetze« in Bern. Der Anlass: Der Regierungsrat und Friedensnobelpreisträger Albert Cobat ermöglichte – erstmals in Europa – Frauen das Medizinstudium. Das führte dazu, dass 1907 von den 594 Berner Medizinstudenten 399 Russinnen waren, viele jüdischer Herkunft. Auch den wachsenden Antisemitismus verurteilte er. In einem viel beachteten Prozess trat er von 1933 an als Gutachter der klagenden Schweizerischen Israelitischen Gemeinde (SIG) im Prozess gegen das Machwerk Die Protokolle der Weisen Zions auf. Loosli bezeichnete »den Antisemitismus« als »zuverlässigsten Gradmesser des jeweiligen Standes der Selbstbestimmung der Völker«. Der Antisemitismus schaffe »Untertanen«, nicht »Bürger«, und bilde so einen Anschlag auf »die Freiheit und die Menschlichkeit«. Nach einem Sieg in erster Instanz wurde das Urteil vom Obergericht kassiert und Loosli als Gutachter für »befangen« erklärt. Die SIG scheute zurück vor einer offensiven Kampagne gegen den Antisemitismus. In den letzten Lebensjahren wurde der an Asthma leidende Feuerkopf ruhiger, aber resigniert hatte der Kämpfer für Menschen- und Bürgerrechte nicht. Er beklagte sich nur über den zunehmenden Mangel an »ebenbürtiger militanter Gegnerschaft«.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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    • Schlagworte Literatur | Amsterdam | Schweiz | Antisemitismus | Alpen
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