Ralf Dahrendorf Das Weltkind
Ein Leben voller Optionen: Dem deutschen Kosmopoliten Lord Dahrendorf zum 80. Geburtstag
Wundern würde es Ralf Dahrendorf nicht, wenn die USA »die ersten sind, die gegen die groben Auswüchse der Globalisierung etwas unternehmen«. So, wie das Präsident Roosevelt 1932 schaffte. Enorm viel moralische Autorität haben sie verloren. Und dennoch: Bei uns wird »das System verdammt, in Amerika kommt jemand und tut etwas«. Punkt.
Der »Westen«, das ist für ihn eine Schlüsselkategorie. Verwirklicht sieht er diesen Westen und seine Ordnung, mit der Fähigkeit zur permanenten Selbstkorrektur, vor allem in den USA, vielleicht auch in Großbritannien. Dort, im westlichsten Europa, schlug er Wurzeln mehr als anderswo: Ein deutscher Soziologieprofessor, FDP-Politiker, bald Europa-Kommissar, 1982 Direktor der London School of Economics, später an der Spitze des St. Antony’s College in Oxford, zum Lord geadelt. Inzwischen allerdings hat er sich wieder anbinden lassen in Berlin, beim Wissenschaftszentrum (WZB).
Europa: Bekämpfen will er es nicht, links liegen lassen aber würde er es, seufzt er heute noch, es sei nicht zu reformieren. Unter Europas Politikern sieht er einige »Zauberer« am Werk, »ich nenne sie jedenfalls so in meiner leichtsinnigen Art«, Sarkozy in Paris oder Berlusconi in Rom zum Beispiel. Ein »Zauberer« war für ihn wohl auch Tony Blair. Dahrendorf liebt solche Begriffe. Blutleer dürfen sie nicht sein, Menschen bevölkern die Gesellschaft dieses »Gesellschaftswissenschaftlers«. Er mag unverändert die Unruhegeister, weshalb er schon 1968 gern mit Rudi Dutschke stritt. »Unversuchbare« fesseln ihn natürlich mehr als Zauberer. Drei Namen stehen ganz obenan: Der Philosoph der »offenen Gesellschaft«, Karl Popper, der engagierte Machtanalytiker Raymond Aron, der Oxforder Freiheits-Denker Isaiah Berlin.
Wie sie, sieht er sich als »hemmungslos individualistischen« Liberalen – und das ist für ihn die andere, bedeutsame Schlüsselkategorie. Unbeschränkte Freiheit ist mit der gepriesenen »Liberalität« offener Gesellschaften jedoch nicht gemeint. »Wir brauchen«, hat er in seinen Lebenserinnerungen notiert, »die moralischen Bindungen des sozialen Zusammenhalts, wir brauchen Gesellschaft.« In Glücksfällen bringt sie jemanden hervor wie Willy Brandt, vor dem er auf den Knien gelegen habe und den er bis zuletzt »liebte«. Oder Ludwig Erhard, den Vater der »sozialen Marktwirtschaft«, der damit geradezu beispielhaft Unvereinbares vereinte.
Nun also die Globalkrise II, die an 1929 gemahnt, das Jahr, in dem er zur Welt kam: Auch wenn man sich »vor allzu apokalyptischen Vokabeln zu schützen sucht, kommt man kaum umhin, einen Einbruch von Strukturen und Mentalitäten von Wirtschaft und Gesellschaft zu konstatieren«. 1932, die Weltwirtschaftskrise I war voll im Gange, wurde der Vater als sozialdemokratischer Abgeordneter in den Reichstag gewählt, später zählte er zum deutschen Widerstand, der Sohn gehörte 1944 einer antinazistischen Schülergruppe an und kam in Gestapo-Haft. Ob sich aus jenen frühen Erfahrungen nicht doch vieles von seinem späteren Denken ableitete? Dahrendorfs Kategorien für die sozialen Verhältnisse, aber auch seine Zeitdiagnosen, das alles hat sich über Jahrzehnte erstaunlich eingeprägt. Zur Mentalitätsgeschichte der Republik gehört vieles von seinen Befunden. Den »homo sociologicus« (1958), der sich selbst gesellschaftlich zu denken lehrt, verteidigte er immerhin äußerst früh. Die Konfliktdemokratie, die versäulte Republik der späten sechziger Jahre, das Bürgerrecht auf Bildung – wie oft er der Mann der ersten Stunde war! Als Leib-und-Seele-Liberaler beharrte er darauf, jeder müsse »Lebenschancen« entfalten können: Die individualisierte Gesellschaft vor ihrer Individualisierung. Bindungen, schickte er gleich hinterher, müssten jedoch weiter gelten.
Mit der Gräfin Dönhoff, sagt er heute, war er sich »in nichts einig«
Für einen wie ihn machen geschlossene Systeme den schönsten Traum kaputt: die bürokratische Klasse, geschlossene Gesellschaften aller Art, Brüssel. Alles »Systeme«. Für Systemdenker hielt er die »Frankfurter Schule« von Adorno und Horkheimer. Klaustrophobie bekam er in solchen Milieus, samt Fluchtgedanken. Und dennoch: Beim zweiten Lesen insbesondere seiner knappen Erinnerungen unter dem Titel Über Grenzen wird man das Gefühl nicht los, auch darin auf dialektische Weise ein »System« oder eine »Ordnung« zu entdecken. Noch verrätselter erscheinen diese Erinnerungen heute plötzlich. Es komme ihm so vor, »als ob jeder von uns ein bestimmtes Alter zeitlebens mit sich herumträgt«. Für ihn sei das sein 28. Geburtstag, am 1. Mai 1957. Er habilitierte sich gerade. »Tausendundeine Möglichkeit« stand offen. Vieles hätte er werden können, vieles wurde er. Er schreibt, er habe dazu geneigt, Grenzen zu überschreiten. Aber hat er sich nicht zugleich vieles offengehalten? Die Kapitel über sein Leben – der Journalist, der Politiker, der Poet, der Kapitän – lesen sich wie eine Sammlung von Optionen. Und in das Gehäuse einer Autobiografie begibt er sich ausdrücklich nicht, der Text ist zwar geschrieben, liege aber strack und starr im »Tiefkühlfach«.
Auch Journalist wollte er werden. Die ZEIT reizte ihn, sie war »nicht links, sondern anders, weltläufiger, offener, ideenreicher als der herrschende Konsens«, vor Marion Dönhoff und Ted Sommer hatte er großen Respekt. Am Ende sprang er nicht, offenbar auch, um nicht an einem Versuch gegen Sommer und Dönhoff beteiligt zu sein, das Blatt um seinen liberalen Esprit zu bringen, (verfasste jedoch später eine Biografie über den ZEIT- Verleger Gerd Bucerius).
- Datum 18.06.2009 - 16:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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Ein Liberaler aus einem SPD-Elternhaus. Was will man bei der heutigen FDP dazu sagen? The times are changing. Dahrendorf - der letzte Sozialliberale.
Doch warum sollte Europa nicht reformierbar sein? Hat er die Hoffnung auf Zukunft verloren? Möge er einmal unrecht haben...Prosit.
Mit der bloßen Angabe einer Partei-Zugehörigkeit von bis würde man R. D. nicht gerecht. Sicher war er ein GROßER als Hochschullehrer. Er ragte aus der Masse der vielen Mittelmäßigen deutlich hervor. Er hatte mehr Ahnung als viele andere über die politischen Wirkmechanismen, wußte sich dies auch zunutze zu machen.
Später fielen ihm politisch viele Erfolge zu. So gelang mit ihm in Baden-Württemberg mit der FDP ( er war Listenerster ) ein Stimmenanteil um 18 % bei einer LT-Wahl, war in der Zeit 1966-69.
In der SPD konnte er sich leicht vorstellbar nicht wohlfühlen. Sein Vater war ja ganz anders, etwa kameradschaftlich, umgänglich, hilfsbereit, teamfähig. Der Sohn war stärker egoistisch, in vielem durchaus auch ein Ich-ling. Der "Lord" passte gut zu ihm. Für den Vater hätte dies niemals gegolten.
Ob SPD- oder FDP-Mitglied. Keine dieser Parteien waren mit ihm 100-%ig kongruent. Aber die FDP doch wohl eher. Sein Austritt auch aus der FDP war dennoch folgerichtig. Wurde doch das Freiburger Programm zunehmend weggeworfen, ja als eine Art Irrweg abgetan. Heute ist ja die Sache so geregelt: Die große Sehnsucht Anhängsel spielen wollen bei Union, mit einigen wenig bedeutsamen Nischenthemen sozusagen als Polit-Alibi ist wohl viel zu wenig, wenn man die politische Geschichte des dt. Liberalismus verfolgt. Man begnügt sich damit, abfallende Wähler der Konservativen "aufzufangen". Nicht einmal für eine klare Trennung Staat / Kirche ist heute für FDP eine klare Aussage drin. Vor wenigen Wochen stand FDP-Berlin auf Seiten der klerikalen Traditionsbataillone. Welch ein Niedergang für den Liberalismus! Man hat schon zu sehr die vollen Tröge im Auge und die angepeilten (schwarzen)Nachbarn beim Entleeren derselben.
Für soziale Gerechtigkeit zu fechten, für die Mühseligen und Beladenen zu "fechten" war sicher R. D. Sache nicht. Er sass eben lieber am Tisch der noblen Herren oder auch Damen als bei den Knechten. Und eine schöne, ja unwiderlegliche Floskel findet sich ja immer...... Nicht erst seit 2009 wissen einige, damit bestens umzugehen. Sogar mit offenen und einträglichen Lobbyismus, was für Ralf Dahrendorf sicher nie zutraf. Menschen wie R. D. gibt es zu viel zu wenig in Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Er ist ein besondere beredtes Beispiel dafür, dass in einem Volk jedes Talent gefördert werden muss, sei es das Kind eines "Bettelmannes", eines Arbeiters, Bauern, Beamten, Unternehmers oder auch Adeligen. Der Geldbeutel des Elternhauses darf keine Rolle spielen. Für den Wettbewerb brauchen wir alle Begabungen, Schlüsselqualifikationen und Begabten.
Wenn ich dagegen die traurige und erbärmliche Kommentierung der derzeitigen Demos zu den Mißständen im Bildungssektor durch Frau BM Schavan verfolge wird mir mehr als schlecht. Ich denke, aus meiner Tübinger Studentenzeit ( R. D. lehrte dort zu meiner Zeit ) beurteilen zu können, dass er hier und heute sehr stark ( wohl nicht in allem!!) für die Studenten und auch Schüler Partei ergreifen würde.
Müsste mich sehr irren, wenn es anders wäre.
Mit der bloßen Angabe einer Partei-Zugehörigkeit von bis würde man R. D. nicht gerecht. Sicher war er ein GROßER als Hochschullehrer. Er ragte aus der Masse der vielen Mittelmäßigen deutlich hervor. Er hatte mehr Ahnung als viele andere über die politischen Wirkmechanismen, wußte sich dies auch zunutze zu machen.
Später fielen ihm politisch viele Erfolge zu. So gelang mit ihm in Baden-Württemberg mit der FDP ( er war Listenerster ) ein Stimmenanteil um 18 % bei einer LT-Wahl, war in der Zeit 1966-69.
In der SPD konnte er sich leicht vorstellbar nicht wohlfühlen. Sein Vater war ja ganz anders, etwa kameradschaftlich, umgänglich, hilfsbereit, teamfähig. Der Sohn war stärker egoistisch, in vielem durchaus auch ein Ich-ling. Der "Lord" passte gut zu ihm. Für den Vater hätte dies niemals gegolten.
Ob SPD- oder FDP-Mitglied. Keine dieser Parteien waren mit ihm 100-%ig kongruent. Aber die FDP doch wohl eher. Sein Austritt auch aus der FDP war dennoch folgerichtig. Wurde doch das Freiburger Programm zunehmend weggeworfen, ja als eine Art Irrweg abgetan. Heute ist ja die Sache so geregelt: Die große Sehnsucht Anhängsel spielen wollen bei Union, mit einigen wenig bedeutsamen Nischenthemen sozusagen als Polit-Alibi ist wohl viel zu wenig, wenn man die politische Geschichte des dt. Liberalismus verfolgt. Man begnügt sich damit, abfallende Wähler der Konservativen "aufzufangen". Nicht einmal für eine klare Trennung Staat / Kirche ist heute für FDP eine klare Aussage drin. Vor wenigen Wochen stand FDP-Berlin auf Seiten der klerikalen Traditionsbataillone. Welch ein Niedergang für den Liberalismus! Man hat schon zu sehr die vollen Tröge im Auge und die angepeilten (schwarzen)Nachbarn beim Entleeren derselben.
Für soziale Gerechtigkeit zu fechten, für die Mühseligen und Beladenen zu "fechten" war sicher R. D. Sache nicht. Er sass eben lieber am Tisch der noblen Herren oder auch Damen als bei den Knechten. Und eine schöne, ja unwiderlegliche Floskel findet sich ja immer...... Nicht erst seit 2009 wissen einige, damit bestens umzugehen. Sogar mit offenen und einträglichen Lobbyismus, was für Ralf Dahrendorf sicher nie zutraf. Menschen wie R. D. gibt es zu viel zu wenig in Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Er ist ein besondere beredtes Beispiel dafür, dass in einem Volk jedes Talent gefördert werden muss, sei es das Kind eines "Bettelmannes", eines Arbeiters, Bauern, Beamten, Unternehmers oder auch Adeligen. Der Geldbeutel des Elternhauses darf keine Rolle spielen. Für den Wettbewerb brauchen wir alle Begabungen, Schlüsselqualifikationen und Begabten.
Wenn ich dagegen die traurige und erbärmliche Kommentierung der derzeitigen Demos zu den Mißständen im Bildungssektor durch Frau BM Schavan verfolge wird mir mehr als schlecht. Ich denke, aus meiner Tübinger Studentenzeit ( R. D. lehrte dort zu meiner Zeit ) beurteilen zu können, dass er hier und heute sehr stark ( wohl nicht in allem!!) für die Studenten und auch Schüler Partei ergreifen würde.
Müsste mich sehr irren, wenn es anders wäre.
Mit der bloßen Angabe einer Partei-Zugehörigkeit von bis würde man R. D. nicht gerecht. Sicher war er ein GROßER als Hochschullehrer. Er ragte aus der Masse der vielen Mittelmäßigen deutlich hervor. Er hatte mehr Ahnung als viele andere über die politischen Wirkmechanismen, wußte sich dies auch zunutze zu machen.
Später fielen ihm politisch viele Erfolge zu. So gelang mit ihm in Baden-Württemberg mit der FDP ( er war Listenerster ) ein Stimmenanteil um 18 % bei einer LT-Wahl, war in der Zeit 1966-69.
In der SPD konnte er sich leicht vorstellbar nicht wohlfühlen. Sein Vater war ja ganz anders, etwa kameradschaftlich, umgänglich, hilfsbereit, teamfähig. Der Sohn war stärker egoistisch, in vielem durchaus auch ein Ich-ling. Der "Lord" passte gut zu ihm. Für den Vater hätte dies niemals gegolten.
Ob SPD- oder FDP-Mitglied. Keine dieser Parteien waren mit ihm 100-%ig kongruent. Aber die FDP doch wohl eher. Sein Austritt auch aus der FDP war dennoch folgerichtig. Wurde doch das Freiburger Programm zunehmend weggeworfen, ja als eine Art Irrweg abgetan. Heute ist ja die Sache so geregelt: Die große Sehnsucht Anhängsel spielen wollen bei Union, mit einigen wenig bedeutsamen Nischenthemen sozusagen als Polit-Alibi ist wohl viel zu wenig, wenn man die politische Geschichte des dt. Liberalismus verfolgt. Man begnügt sich damit, abfallende Wähler der Konservativen "aufzufangen". Nicht einmal für eine klare Trennung Staat / Kirche ist heute für FDP eine klare Aussage drin. Vor wenigen Wochen stand FDP-Berlin auf Seiten der klerikalen Traditionsbataillone. Welch ein Niedergang für den Liberalismus! Man hat schon zu sehr die vollen Tröge im Auge und die angepeilten (schwarzen)Nachbarn beim Entleeren derselben.
Für soziale Gerechtigkeit zu fechten, für die Mühseligen und Beladenen zu "fechten" war sicher R. D. Sache nicht. Er sass eben lieber am Tisch der noblen Herren oder auch Damen als bei den Knechten. Und eine schöne, ja unwiderlegliche Floskel findet sich ja immer...... Nicht erst seit 2009 wissen einige, damit bestens umzugehen. Sogar mit offenen und einträglichen Lobbyismus, was für Ralf Dahrendorf sicher nie zutraf. Menschen wie R. D. gibt es zu viel zu wenig in Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Er ist ein besondere beredtes Beispiel dafür, dass in einem Volk jedes Talent gefördert werden muss, sei es das Kind eines "Bettelmannes", eines Arbeiters, Bauern, Beamten, Unternehmers oder auch Adeligen. Der Geldbeutel des Elternhauses darf keine Rolle spielen. Für den Wettbewerb brauchen wir alle Begabungen, Schlüsselqualifikationen und Begabten.
Wenn ich dagegen die traurige und erbärmliche Kommentierung der derzeitigen Demos zu den Mißständen im Bildungssektor durch Frau BM Schavan verfolge wird mir mehr als schlecht. Ich denke, aus meiner Tübinger Studentenzeit ( R. D. lehrte dort zu meiner Zeit ) beurteilen zu können, dass er hier und heute sehr stark ( wohl nicht in allem!!) für die Studenten und auch Schüler Partei ergreifen würde.
Müsste mich sehr irren, wenn es anders wäre.
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