Wissenschafts-Zug Spaß auf Gleis 1
Ein Zug wirbt für die Wissenschaft – und die zuständige Ministerin
Stellen Sie sich vor, Sie leiten das Forschungsministerium und stehen kurz vor dem Ende der Legislaturperiode. Leider hat Ihr Name während der Amtszeit nicht an Glanz gewonnen. Sie haben zwar mal hier, mal da einige Millionen ausgegeben und das eine oder andere Forschungsprogramm angekündigt – doch all das hat beim Wahlvolk keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Was können Sie tun, um vor der Wahl rasch noch Profil zu gewinnen?
Die Rettung, sagen Ihre Strategen, sei eine groß angelegte PR-Aktion; eine Initiative, die Sie als dynamische Vorhut der Wissenschaft erscheinen lässt, aber heikle Themen ausspart und niemandem zu nahe tritt. So etwa muss man sich die Genese der »Expedition Zukunft« vorstellen, eines Ausstellungszuges, der derzeit durch Deutschland tourt und 62 Städte bereist (Fahrplan: www.expedition-zukunft.org).
Am vergangenen Donnerstag, während im Bundestag über die Aussaat von Genpflanzen gestritten wurde, schickten Kanzlerin und Forschungsministerin den Zug auf die Strecke, um »Faszination und Begeisterung« für die Wissenschaft zu wecken. Schade nur, dass der Science Express an den Genkritikern im Kabinett offenbar vorbeifuhr. Schade auch, dass das ganze Projekt mit sehr heißer Nadel gestrickt wurde.
Denn um rechtzeitig vor der Wahl zu starten, musste der 15-Millionen-Euro-Zug in nur neun Monaten konzipiert werden. Das hat zur Folge, dass die zwölf Ausstellungswaggons oft nur solides Halbwissen bieten. Zwar kommen die schicken Installationen, die Schautafeln und zusammengewürfelten Exponate bunt und aufregend daher. Doch am Detail hapert es. Hier fehlt eine Beschriftung, dort ist ein Video nur auf Englisch verfügbar, da bleibt eine Bildschirmpräsentation rätselhaft. Im Klimaquiz lernt man erstaunlicherweise, dass ein »Großteil« der Treibhausgase von privaten Haushalten emittiert werde – vom Löwenanteil der Industrie hingegen ist nicht die Rede. Ob das die Zug-Sponsoren Siemens, Bayer und VW freut?
Auch die mitreisenden Betreuer sind nur bedingt eine Hilfe. So steht etwa im Kosmologiewaggon ein gelernter Mediziner vor einem Modell des Planck-Satelliten und erläutert, dieser werde »irgendwann so 2012 starten«. Tatsächlich soll die Sonde in den nächsten vier Wochen abheben. Doch wer wollte dem armen Mann einen Vorwurf machen? Schließlich wurde das Betreuerteam im Eilverfahren geschult, so rasch wird nicht jeder zum Zukunftsexperten.
So verlässt man den Science Express nach einer Stunde voller wirbelnder Eindrücke gleichsam vollgestopft mit wissenschaftlichem Fast Food ohne größeren Nährwert. Zwar gibt es auch interessante Sequenzen, etwa die Kurzinterviews mit Forschern in Waggon 11, die sich zu Hirndoping, Nanotechnik oder dem Potenzial der Gentechnik äußern. Doch es bedarf schon einigen Durchhaltevermögens, um da noch aufnahmefähig zu sein. Und Antworten auf konkrete Fragen – etwa: Wie gefährlich ist denn nun der verbotene Genmais? – sucht man auch dort vergeblich.
Nur die Schulklassen, die wochentags im »Mitmachlabor« experimentieren dürfen, werden den Zug so richtig schätzen. Erstens macht es Spaß, Handfeger mit Solarzellenbetrieb über die Tischplatte fahren zu lassen. Und zweitens beschert ihnen der Science Express zumindest einen schulfreien Vormittag. Da sind Faszination und Begeisterung garantiert. Der Forschungsministerin sei Dank!
- Datum 30.04.2009 - 15:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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