Literarisches Leben Falsches Präsens
Warum unterwerfen sich so viele Autoren dem Diktat der Gegenwart?
In der schreibenden Zunft gibt es eine Arbeitsteilung. Die Journalisten sind für die Gegenwart zuständig, die Dichter für die Vergangenheit. Was abzusinken droht in den Tümpel des Vergessens, das holt die Literatur mit der Kraft der Erinnerung ans Licht und zeigt, dass das Vergangene nicht vergeht. Es fällt aber auf, dass die meisten jüngeren deutschen Autoren eine Vorliebe für das Präsens hegen, oftmals verbunden mit der ersten Person Singular. Das erzeugt den Anschein von Unmittelbarkeit, obwohl doch jeder Leser weiß, dass Autor und Icherzähler nicht dasselbe sind. Ein Satz wie »Ich sitze am Küchentisch und beobachte eine Fliege auf meinem Handrücken« bedeutet nicht, dass der Autor am Küchentisch sitzt und eine Fliege auf seinem Handrücken beobachtet, aber ich als Leser habe keinen Rückzugsraum, der mir erlauben würde, etwas anderes als diese einzige Person in diesem einzigen Augenblick wahrzunehmen.
Im Roman ist das Präsens ein Stilmittel, das von großen Schriftstellern, die in der Regel das Präteritum bevorzugen, zur Steigerung der Intensität eingesetzt wird. Es handelt sich um das erzählende Präsens, das in einem Vergangenheitsfeld unversehens bedrohliche Gegenwärtigkeit herstellt. Wenn aber das Präsens die Erzählung völlig dominiert, dann gibt es keine zweite Dimension. Alles ist Gegenwart, alles dieses Ich. Das Ich des Lesers mit seiner eigenen Zeit kommt nun unpassend dazu: Es stört.
Nehmen wir zum Beispiel den berühmten Anfang des Schloß -Romans von Kafka und bauen ihn so um, wie es die meisten Autoren gegenwärtig machen: »Es ist spät abends, als ich ankomme. Das Dorf liegt in tiefem Schnee. Vom Schloßberg ist nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgeben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutet das große Schloß an. Lange stehe ich auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führt, und blicke in die scheinbare Leere empor. Dann gehe ich, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus ist man noch wach, der Wirt hat zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er will, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, mich in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen. Ich bin damit einverstanden. Einige Bauern sind noch beim Bier, aber ich will mich mit niemandem unterhalten, hole selbst den Strohsack vom Dachboden und lege mich in der Nähe des Ofens hin.«
Man sieht: Daraus kann nicht viel werden, jedenfalls kein Roman von der Gewalt Kafkas. Die »Realpräsenz« der Literatur, von der George Steiner einst sprach, also die Erscheinung einer anderen Welt, kann sich im Präsens nicht ereignen. Es taugt für den lyrischen Augenblick, nicht für die große Erzählung.
- Datum 06.05.2009 - 13:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
- Kommentare 2
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Der Artikel ist erstens in der Hauptsache unrichtig und zweitens ist der Methodenzwang, den er anstrebt, sehr kritisch zu betrachten:
1.
Alle Frequenzanalysen bestätigen, dass das Präteritum in der zeitgenössischen Literatur einen Anteil von beinahe 80% an den finiten Verben hat.
2.
Wie kann man in einer Zeit nach der Moderne, Autorinnen und Autoren nahelegen, ein bestimmtes Tempus zu verwenden?
Ist es nicht eher so, dass gute Autoren mit alle Tempora gut umgehen können und es bei schlechten Autoren egal ist, in welcher Zeit sie schlecht erzählen?
Ich liebe heiße Luft!!!
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