Globus Magie der Kugel

Seit hundert Jahren produziert der Columbus-Verlag Globen. Ein krisensicheres Geschäft – wenn nicht gerade der Ostblock zusammenbricht

DIE ZEIT: Herr Oestergaard, Gott hat für die Erschaffung der Welt sechs Tage gebraucht. Wie lange brauchen Sie?

Torsten Oestergaard: Unsere Maschinen machen das in einer Minute. Jeden Tag formen sie Tausende bedruckte Kunstofffolien zu Halbkugeln und fügen sie zusammen. In der Qualitätskontrolle bedecken unsere Kugelkleberinnen die Naht mit einem Äquatorband.

ZEIT: Die Erde wird also gar nicht mehr von Hand gemacht?

Oestergaard: Nur wenn Sie eine aus Glas wollen. Das Glas wird zu einer Kugel geblasen, dann kommen unsere Kaschiererinnen zum Einsatz: Sie nehmen zwölf Landkartensegmente und kleben sie mit Tapetenleim auf den Globus. Ein Segment nach dem anderen. Das ist so, als würden Sie die Spalten einer Orange zusammenfügen. Dafür braucht man viel Fingerspitzengefühl.

ZEIT: Lohnt sich die Mühe heute noch? Auf Google Earth kann man doch alles mit einem Klick sehen.

Oestergaard: Ein Globus funktioniert ganz anders als Google Earth! Wer sich die Erde als Kugel ins Wohnzimmer holt, bekommt viel mehr: ein Möbelstück, das im Dunkeln leuchtet und jeden magisch anzieht. Bei uns zu Hause gehen auch die Besucher gleich an den Globus ran. Die Kinder machen eine Reise mit dem Finger, und die Erwachsenen sagen: Schau mal, da war ich gerade im Urlaub, oder: Ach, da haben sie den Panamakanal hingebaut. Auf dem Globus sind 4000 bis 5000 Namen eingetragen. Man kann Höhenzüge sehen, Staaten, Hauptstädte, Meeresströmungen oder Fluglinien. Damit kann man sich stundenlang beschäftigen.

ZEIT: Woher nehmen Sie die Informationen für die Eintragungen?

Oestergaard: Oft rufen uns Botschafter an, die uns Neuerungen aus ihren Ländern mitteilen. Wir fragen dann beim Auswärtigen Amt nach, ob die Infos stimmen. Es gibt ja verschiedene Sichtweisen auf die Welt. Wir richten uns nach der westlichen. Für uns gibt es zum Beispiel 194 Länder auf der Erde. Die Arabischen Emirate hingegen haben ein Land mehr auf ihrer Karte: Palästina. Und China rechnet mit weniger Staaten, da die Regierung der Meinung ist, dass ihrem Land viel mehr von der Welt gehört. Taiwan zum Beispiel oder die Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer, um die sich verschiedene Staaten streiten. Und gerade haben unsere Kartografen erfahren, dass die Chinesen nun den Mount Everest in Qomolangma Peak umbenennen wollen.

ZEIT: Führt diese unterschiedliche Weltsicht manchmal zu Problemen?

Oestergaard: Einmal haben wir über den Landweg Globen nach Indien verschickt. Als ein Zöllner an der Grenze zu Pakistan die Ladung kontrollierte, war er entsetzt: Der Grenzverlauf von Kaschmir entsprach nicht seinen Vorstellungen. Unser Auftraggeber musste anreisen und mit einem Filzstift auf jedem der Globen eigenhändig den Grenzverlauf ändern. Erst dann hat der Zöllner sie für den Weitertransport freigegeben.

ZEIT: Ihre Familie produziert schon seit 100 Jahren Globen. Ihr Geschäft scheint krisensicher zu sein.

Oestergaard : Ja, aber nur solange sich auf der Welt nicht viel ändert. In den neunziger Jahren hatten wir große Probleme. Erst fiel die Mauer – die DDR musste von den Karten verschwinden. Kaum waren die neuen Auflagen gedruckt, brach der Ostblock zusammen. Die Sowjetunion verwandelte sich in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, danach spalteten sich Estland und andere Länder ab, und dann zerfiel Jugoslawien. In diesen Zeiten konnte die Druckfarbe kaum richtig trocknen. Zahlreiche Kunden haben ihre Aufträge immer wieder storniert.

ZEIT: Wie haben Sie auf den Einbruch reagiert?

Oestergaard: Wir haben nach neuen Ideen gesucht. Das hat bei uns Tradition. Mein Urgroßvater zum Beispiel hat früher zwei verschiedene Erden geformt: Einmal den politischen Globus, auf dem alle Länder dargestellt wurden, und einmal den physischen, auf dem Meere und Berge zu sehen waren. Mein Großvater hat beide Darstellungsweisen auf einem Globus aus Pappmaché vereint. Mein Vater hat dann den Kunststoffglobus entwickelt. Und ich habe Globen für Kinder auf den Markt gebracht. Auf denen sind auch Bilder, von afrikanischen Giraffen etwa oder den Aborigines in Australien. Außerdem gibt es heute durchsichtige Globen oder welche mit schwarzen Meeren und weißen Kontinenten.

ZEIT: Wird der Globus also immer mehr zum Designobjekt?

Oestergaard: Für manche ist er das sicher. Etwa für unsere Kunden, die den Magnum 111 bestellen, einen Globus mit einem Durchmesser von 111 Zentimetern – die normalen haben einen von 26 Zentimetern. Vor Kurzem haben wir sogar für einen Professor den größten historischen Globus der Welt gefertigt. Er hat einen Durchmesser von zwölf Metern, und auf ihn wurde eine Karte von 1505 gedruckt. Die Originalkarte, die wir dafür brauchten, lag in der Vatikanischen Bibliothek. Als klar war, dass wir nicht an sie rankommen, hat der Papst extra seinen Fotografen beauftragt. Er hat dann die Karte für uns abgelichtet. So ist diese Welt mit Gottes Hilfe entstanden.

Interview: Christine Böhringer

 
Leser-Kommentare
    • hareck
    • 05.05.2009 um 13:32 Uhr

    Deswegen mag ich die ZEIT...interessante Artikel mit Hintergrundinformationen, originell gestaltet und elegant ausgeführt.

    Hoffentlich überlassen Sie auch in Zukunft die reißerischen Aufmachungen und polarisierenden Schlagzeilen den anderen!

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