Woran arbeiten Sie gerade? "Ihre Bilder will ich schreiben!"

Ein Gespräch über Inspiration, über die Frage, wann der Text oder das Bild selbst die Regie übernimmt – und warum die DDR ein tropisches Land war, in dem Farne und grüne Äpfel wuchsen

DIE ZEIT: Herr Rauch, Herr Tellkamp, woran arbeiten Sie gerade?

Neo Rauch: Das ist, was mich angeht, schwer zu sagen. Was das wird, was ich da unterm Pinsel habe, entscheidet sich oft erst auf den letzten Metern, denn ich arbeite ja ganz bewusst nicht konzeptionell – ich reagiere auf Zuströmungen.

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ZEIT: Ist es eine Arbeit, oder sind es mehrere?

Rauch: Es ist immer eine Familie von Bildern, die aneinander emporranken. Über die Monate entsteht so ein familiärer Stallgeruch im Atelier, das bringt Selbstbefruchtung mit sich, das Zirkulieren von Material von Bild zu Bild. Was es nun ist, kristallisiert sich erst später heraus. Es sind Bilder, die Anfang Januar auf Kiel gelegt wurden, fünf, sechs größere Formate, die noch nicht genug abstrahlen, als dass ich sagen könnte: Darum handelt es sich.

ZEIT: Können Sie die Atmosphäre dieser Bilderfamilie beschreiben?

Rauch: Es ist jedenfalls nicht zu der entspannten Frühjahrskollektion gekommen, die ich in Aussicht gestellt habe. Es hat sich wieder ein Moll-Ton eingeschlichen. Sehr erstaunen kann das ja nicht angesichts der Geister, die ums Haus tanzen. Vielleicht werde ich noch ein bisschen das Fenster aufreißen und an hellen Sonnentagen, wenn die Dämonen schlafen, ein paar Elfen und Feen hereinlassen, damit die Bilder etwas mehr Heilkraftkapazität entwickeln. Darum geht es ja eigentlich: dass etwas von der Leinwand abstrahlt, das etwas Halt vermitteln kann in dieser Welt. Das Desaster nicht in einer Weise aufzubereiten, die mich selbst noch desaströser hinterlässt. Um also auf die Frage zu antworten: Ich arbeite gerade daran, das Gute und die Zuversicht in diese Bildmaterialien hineinzumassieren.

ZEIT: Was ist das für eine Massage?

Rauch: Es wird wohl wieder darauf hinauslaufen, dass es aus der Malerei selbst kommt. Aus diesem ganz elementaren Befasstsein mit den Dingen, die wir auch bei Karl Hofer finden, der uns hier so freundlich umgibt – ein Beispiel dafür, wie das Desaströse, das Dämonische, das Miserable umgeschmiedet wird. Er kann es ruhigstellen, er kann die Dämonen bannen. Er kann Schönheit destillieren. Und daran arbeite ich, dass mir das auch endlich einmal gelingen möge.

Uwe Tellkamp: Ich kann Sie beruhigen: Das ist Ihnen längst gelungen. Manche Ihrer Bilder hätte ich sehr gerne geschrieben.

ZEIT: Würden auch Sie, Herr Tellkamp, sagen, dass Sie versuchen, dem Desaströsen eine Zuversicht entgegenzusetzen, die aus der Kunst kommt?

Tellkamp: Das zu sagen ist für mich sehr problematisch. Ich kann nicht einschätzen: Ist das, was ich mache, schön, oder ist das gelungen im Sinne von Zuversichtsstrahlkraft? Ich arbeite gerade an zwei Geschichten, ich nenne sie, das wird Sie interessieren, Herr Rauch, immer »Bilder«. Die eine handelt von einem Uhrmacher: eine mir vertraute Welt, meine Verwandtschaft kommt aus dem Osterzgebirge. Die Geschichte handelt davon, wie diese Uhrmacher, die ein so großes Berufsethos hatten, dass sie, wie Mönche, schon vor der ersten Laudes, um vier Uhr in der Frühe mit ihrer Arbeit begannen, nach dem Krieg in der DDR plötzlich in das seelenlose Kollektiv des Kombinats Riesa eingegliedert wurden. Sie haben geweint. Und dann schreibe ich an einem Stück, das Der Zitronenrabe heißt. Ein heikles Unterfangen. Ich versuche, die kleinen Freuden eines Kindes zu beschreiben, den Moment im Zoo, wenn die Wärter mit dem Schlauch die Nilpferde abspritzen.

ZEIT: Was ist das Heikle daran?

Tellkamp: Nach dem Rummel um den deutschen Buchpreis im letzten Herbst habe ich Sorge davor, dass der Kern meines Schaffens angegriffen wird. Doch letztlich geht es bei Literatur und Kunst nur um den Kern. Um Arbeit und Konzentration. Ganz gleich, was außen ist, zusammenbrechende Finanzen, was immer – am Tisch des Schriftstellers zählt nur die Gegensprache: das, was vom Papier zurückstrahlt. Und meine Fragen werden zu Fragen, die der Text, die das Bild an mich stellt. Mein Schreiben ist die Antwort darauf.

ZEIT: Ist Inspiration nur ein Reagieren? Antwortet Ihr Malen, Herr Rauch, eher auf Fragen des Bildes als auf den Lärm der Welt?

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 01.05.2009 um 15:53 Uhr

    Labor Day!, so sind harte Arbeiter die Kunstschaffenden. Das finde ich gut, und das in einer Zeit von tausenden Verlusten. Es sind ja nicht nur die ganz realen Arbeitsstellen, die wir verlieren, sondern die Stellen der Kunstschaffenden selbst. Immer zu Wort kommen müssen Bilder und Texte! Und keine Bange vor den Geistern und Gewalten, lieber noch jene Inspirationen als arbeitssuchend zu sein....Auch der einfallende Sonnenstrahl auf der Lehne eines (leeren) Stuhls birgt vielleicht einen versteckten Agenten....Einen schönen Feiertag nach Deutschland!

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