Woran arbeiten Sie gerade? "Ihre Bilder will ich schreiben!"Seite 3/3
Tellkamp: Ich kenne gar keine Alternative zur Arbeit. Ich habe in der Braunkohle gearbeitet; wenn man in diesen Milieus schrieb, wie auch der große Wolfgang Hilbig, dann wurde man von den anderen Arbeitern streng beäugt, weil alle dachten, man sei von der Stasi und schreibe mit. Man hat ja tatsächlich mitgeschrieben. Aber eben nicht für den Dienst. Sondern für den Moment, an dem das Papier zurückstrahlt. Ich wusste, dass harte Arbeit die Grundlage von allem ist. In der Prüfung im Medizinstudium hielt der Professor den Nerv hoch, und entweder man hat ihn gewusst oder nicht – dann fiel man durch. Und es gibt eben diese Galerie von Geistern, vor denen muss ich mich verantworten. Proust, Mann, Dostojewski. Wenn von denen mir einer sagt: Mein lieber Freund, hier musst du nachsitzen, dann muss man nachsitzen.
ZEIT: Vor wem müssen Sie sich verantworten in der Kunstgeschichte, Herr Rauch?
Rauch: Karl Hofer, unter dem wir hier sitzen, gehört zu den Krafttankstationen, die ich immer wieder aufsuche, um Kraft und Ruhe zu inhalieren. In Leipzig hat man es unweigerlich mit Beckmann zu tun. Und dann sind es die älteren Kollegen – Tintoretto, Velázquez, Tizian –, die einem schon mal den Pinsel aus der Hand schlagen können, wenn da etwas gegen den geheimen Kodex unternommen wurde, für den es keine Worte gibt.
ZEIT: Schärft Malerei Ihre Texte, Herr Tellkamp – und Literatur Ihre Bilder, Herr Rauch?
Rauch: Ja, natürlich. Wörter, kurze Texte können Bilder evozieren. Ernst Jünger ist ein Beispiel, wie Literatur auf mich als Maler unmittelbar inspirierend wirkt. Da erübrigt sich die Frage nach irgendwelchen politikrelevanten Fatalitäten. Dazu habe ich mich als Maler gar nicht zu verhalten. Ich nehme mir dort die Nahrung, wo ich sie finde. Und die ist in gefährlichen Randbezirken nicht unbedingt minder nahrhaft. Horst Lange, kennen Sie den?
Tellkamp: Ich habe nichts von ihm gelesen.
Rauch: Sie müssen unbedingt Die schwarze Weide lesen. Das wird Ihnen gefallen, auch bei Lange hat man es viel mit diesen gärenden, morastigen Randbezirken zu tun, das spielt auf dem Lande in einer unbestimmten Zeit. Sumpfgase steigen permanent auf, Wasser wechselt den Aggregatzustand, ich habe noch nie ein so unglaubliches Buch gelesen.
Tellkamp: Das interessiert mich sehr. Denn auch die DDR war für mich immer ein tropisches Land. Weil das Gefühl von vollständiger Weltabgeschlossenheit wohl nur in diesem Klischeedschungel oder Vorstellungsdschungel zu haben ist, ist für mich die DDR ein Land, das komplett voller Farne war. Dresden ist in meinem Innern voller Baumfarne. Die unsichtbare Stadt wird sichtbar. Die Baumfarne sind plötzlich so bestimmend für die Stadt wie die Vergangenheit für deren Gegenwart.
ZEIT: Wie werden solche Bilder zum Roman?
Tellkamp: Bei mir ist es so: Wörter verwandeln sich. Aus Farn wird Schlange, wird vielleicht eine Groteske. Bei mir ist das oft der Punkt, an dem ich Sachen liegen lasse. Etwas am Text sagt mir, dass er jetzt in Ruhe gelassen werden will, vernarben will. Aber das kann auch ein Trick sein. Und manchmal kommt die alte Inspiration, das innere Bild wieder, die Baumfarne kehren zurück, wachsen weiter, verwandeln sich. Ich freue mich und warte auf diese Metamorphosen der Erfahrungen und Inspirationen.
Rauch: In Julien Greens Tagebüchern stößt man immer wieder auf die Schilderung von Inspirationsverläufen. Wie die Romane zu ihm kamen. Wie er zu ihnen kam. Das bestärkt meine Auffassung von der Analogie von Literatur und Malerei. Ein Sonnenstrahl, wie er auf eine Stuhllehne fällt – daraus mag sich ein Bild entfalten, ein Buch. Solange das nicht kommt, muss man suchen und probieren. Das sind die langen Durststrecken. Das ist es, woran wir arbeiten.
Das Gespräch führten Wolfgang Büscher und Florian Illies
- Datum 30.04.2009 - 14:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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Labor Day!, so sind harte Arbeiter die Kunstschaffenden. Das finde ich gut, und das in einer Zeit von tausenden Verlusten. Es sind ja nicht nur die ganz realen Arbeitsstellen, die wir verlieren, sondern die Stellen der Kunstschaffenden selbst. Immer zu Wort kommen müssen Bilder und Texte! Und keine Bange vor den Geistern und Gewalten, lieber noch jene Inspirationen als arbeitssuchend zu sein....Auch der einfallende Sonnenstrahl auf der Lehne eines (leeren) Stuhls birgt vielleicht einen versteckten Agenten....Einen schönen Feiertag nach Deutschland!
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