Bonn, ausgerechnet Bonn. Solange sie Regierungssitz war, wurde die kleine Stadt am Rhein immer ein bisschen belächelt. Jetzt taucht sie wieder in den Nachrichten auf. Aber diese Nachrichten klingen gar nicht mehr provinziell. Mehr als ein halbes Dutzend Videobotschaften haben al-Qaida und andere islamistische Terrororganisationen in den vergangenen Monaten veröffentlicht, in denen Männer ihrer Heimat Deutschland mit Anschlägen drohen. Sie sprechen Deutsch: "Unsere Atombombe, sie heißt Autobombe. Jeder Muslim kann sie sein." Und sie stammen auffällig oft aus Bonn.

Zwei Mal hat Bekkay H. in diesem Jahr bereits per Video zum Glaubenskrieg aufgerufen. Drei Botschaften sind von den Brüdern C. bekannt geworden. Es ist kein Zufall, dass diese Dschihadisten aus einer Stadt kommen, die bislang nicht ganz oben auf der Liste der Sicherheitsbehörden rangierte. Am Beispiel Bonn lässt sich exemplarisch erzählen, wie islamistische Netzwerke in Deutschland entstehen, wie sie sich etablieren und verändern.

Die Kessenicher Brüder

"Höflich" und "hilfsbereit" seien Yassin, 24, und Mounir C., 27, sagt eine Nachbarin im Stadtteil Kessenich. Junge Männer, die einer Rentnerin schon mal die Einkaufstasche hochtragen. Die Eltern der Brüder äußern sich selbst nicht. Vermutlich verstehen sie nicht – ähnlich wie die Sicherheitsbehörden –, warum gerade diese Geschwister ihr Leben für Allah opfern wollen.

Denn die beiden Brüder lebten ein sehr deutsches Leben, bis es sie in den Dschihad zog. Yassin und Mounir schienen gut integriert, Söhne einer intakten Familie mit Spitzengardinen an den Fenstern der Vierzimmerwohnung. Sie gingen aufs Gymnasium, spielten Fußball bei Fortuna Bonn und Blau-Weiß Oedekoven. Sie galten als beliebt, sogar als Spaßvögel. Mounir arbeitete als Bürosachbearbeiter drei Jahre lang beim Statistischen Bundesamt. Yassin leistete wie sein Bruder Wehrdienst. Jetzt sagt er als "Abu Ibrahim" in einem der Videos: "Wir genießen es, im Fadenkreuz der Amerikaner, im Kugelhagel der Nato zu stehen."

Die Moschee

Ein islamistisches Netzwerk ist kein Verein, wie ihn das deutsche Vereinsrecht kennt, mit geregelter Mitgliedschaft, Vorstand und Jahresbericht. Es ruht vielmehr auf Bekanntschaften, auf direkten und indirekten Kontakten, es funktioniert über Mittelsmänner, über das Internet. Über Begegnungen in Moscheen, Vereinen oder in Hinterzimmern. So war es etwa in Hamburg, wo sich in der Al-Quds-Moschee die Attentäter des 11. September versammelten.

In Bonn gilt die Al-Muhsinin-Moschee am Schwarzen Weg als Treffpunkt. Sie ist eines von 30 Gebetshäusern, die der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen beobachtet. In die Moschee sind auch die Brüder Yassin und Mounir C. regelmäßig gegangen, bevor sie sich auf die Reise nach Wasiristan, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, machten. Hierhin kam auch Bekkay H., der erste Deutsche, der Anfang des Jahres in einem Video offiziell für al-Qaida warb. Zufall, sagen Muslime am Schwarzen Weg: "Wir können doch niemandem, der hierherkommt, in den Kopf schauen."

Hunderte Gläubige zieht es zum Freitagsgebet in die schmale Straße im Stadtteil Beuel, in der sich der zweistöckige, schlichte Bau versteckt. Unten in dem Gebäude befindet sich eine Küche, groß genug, um Hochzeitsfeiern zu versorgen, dazu eine umfangreiche Bibliothek. Oben beten die Gläubigen, zumeist Marokkaner. Muhsinin bedeutet: "die, die Gutes tun". Wer den Vorstand des Arabischen Kulturvereins nach einem Gesprächspartner fragt, bekommt einen jungen Mann, etwa 40, vorgestellt. "Die Muslime", sagt dieser, "werden zu Unrecht in die Ecke gedrängt." Er spricht von Gerüchten, die dazu dienten, "uns alles in die Schuhe zu schieben". Und er beharrt auch auf Nachfrage auf einer abenteuerlichen Verschwörungstheorie: "Es ist längst bewiesen, dass der 11. September kein Anschlag war. Sondern nur eine Sprengung."

Der Prediger

Das Gespräch an der Wohnungstür im Bonner Süden ist kurz.

"Wie würden Sie sich selbst beschreiben?"

"Man schreibt über mich, ich sei ein Dschihadist – das ist völliger Unsinn."

"Sind Sie ein Fundamentalist?"

"Was ist das, ein Fundamentalist?"