Autobau Notgedrungen

Der Autobauer kämpft in der Krise und liefert ein Exempel im Guten wie im Bösen

Die Meldungen, die Anfang dieser Woche aus der Daimler-Zentrale in Stuttgart kamen, haben gleich in dreifacher Weise historischen Charakter.

Erstens: Mit der Rückgabe der Restanteile an Chrysler wurden die letzten Reste der Vision von der Welt AG des Jürgen Schrempp begraben. Der Glaube, dass schiere Größe stetiges Wachstum in einer globalisierten Wirtschaft garantiere, wurde mit der grandios gescheiterten Fusion ad absurdum geführt. Gut 800 Millionen US-Dollar Pensionszuschüsse müssen die Stuttgarter in den kommenden Jahren noch nach Amerika überweisen. Dann ist das Kapitel beendet. Wer zählt die Milliarden zusammen, die dieser Irrweg gekostet hat? Neben dem Zweifel an der Größe bleibt noch eine weitere Lehre. Unterschiedliche Unternehmenskulturen lassen sich nur schwer verschmelzen. Erst recht dann, wenn die Arbeiter und Ingenieure in den Werkshallen und Entwicklungslabors der Konzerne nicht von den schönen Plänen der Investmentbanker und hochmögenden Strategen im Vorstand überzeugt sind.

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Zweitens: Daimler hat im ersten Quartal tiefrote Zahlen geschrieben, für das zweite kündigte Konzernchef Dieter Zetsche ebenfalls Verluste an. Daimler exportiert viele Personenautos und Lastwagen, alle seine Märkte brechen auf einmal ein, sodass der Konzern besonders hart getroffen wurde. Die Abwrackprämie hilft dem Edelhersteller auch nicht. Andere Produkte als Autos stellt der Konzern nicht mehr her. Er hat sich ganz auf seine sogenannte Kernkompetenz konzentriert, wie es lange von Managementgurus gefordert wurde – und bezahlt nun auch dafür den Preis.

Drittens: Der Betriebsrat und der Vorstand von Daimler haben sich verständigt, wie sie Kosten senken und die Beschäftigung sichern wollen. Die Arbeitnehmer verzichten auf zwei Milliarden Euro und bekommen dafür erst mal bis Juni 2010 ihre Jobs garantiert. Ein Vergleich mit einem ähnlichen Pakt aus dem Jahr 2004, als eine weit geringere Krise der Anlass für ein Schutzpaket bis Ende 2012 war, zeigt: Langfristige Planungen werden schwieriger. Neu ist: Leitende Angestellte verzichten in der Summe auf ein, Vorstände auf zwei Monatsgehälter. Ein kleines Zeichen dafür, dass sich die Schere der Einkommen zwischen oben und unten nicht mehr weiter öffnen soll und beide Seiten die Explosivkraft des Themas erkannt haben.

Im Jahr 2004 machte der Beschäftigungspakt von DaimlerChrysler Schule, Volkswagen und Konzerne aus anderen Branchen schlossen ähnliche Vereinbarungen. Es wäre voreilig, die Entwicklungen bei Daimler als Blaupause für andere Autobauer oder gar andere Branchen zu propagieren. Wohl aber sollten alle, die sich an verantwortlicher Stelle mit den Folgen der Krise beschäftigen, genau hinschauen. Denn keiner weiß, wie lange die Absatzflaute noch anhält. Und niemand sollte glauben, dass Rezepte, die vor der Krise erfolgreich waren, auch danach einfach wieder funktionieren werden.

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 29.04.2009 um 14:58 Uhr

    für Investmentbanker und hochmögende Strategen
    dass (i) Arbeiter und Ingenieure überhaupt denken und dass dies (ii) dann auch tatsächlich Auswirkungen in der Realität hätte. Damit konnte doch keiner rechnen!

    Erst recht dann, wenn die Arbeiter und Ingenieure in den Werkshallen und Entwicklungslabors der Konzerne nicht von den schönen Plänen der Investmentbanker und hochmögenden Strategen im Vorstand überzeugt sind.

    Dann wollen wir alle gemeinschaftlich hoffen, dass auch Journalisten aus dem folgenden Satz lernen:
    Er hat sich ganz auf seine sogenannte Kernkompetenz konzentriert, wie es lange von Managementgurus gefordert wurde – und bezahlt nun auch dafür den Preis.

    • NoG
    • 29.04.2009 um 16:15 Uhr

    "Leitende Angestellte verzichten in der Summe auf ein, Vorstände auf zwei Monatsgehälter. Ein kleines Zeichen dafür, dass sich die Schere der Einkommen zwischen oben und unten nicht mehr weiter öffnen soll und beide Seiten die Explosivkraft des Themas erkannt haben."

    zum einen fehlt die angabe was die normalen produktionsmitarbeiter weniger verdienen. so laesst sich kaum erkennen ob die schere am ende nicht doch auseinander geht.
    zum anderen macht es sicherlich wenig sinn wenn mitarbeiter der forschung und entwicklung weniger verdienen...die duerften genug zu tun haben.

    am rande: ueber die aktieninhaber soll im letzten jahr ein regen von 600 mio niedergegangen sein...

    • Seckel
    • 29.04.2009 um 18:31 Uhr

    Gegenwärtige Ausdrücke des Desasters sind die vielfältigen Rückfälle auf längst überkommene Erkenntnisse, weil allgemein völlig anderes inzwischen gilt und daher wirkt. Rückfällig zu sein ist demgegenüber nicht schändlich. Indessen keine der vorhandenen Anstalten zu ergreifen, die es ermöglichen, wieder aus diesen sich selbst geschaffenen Labyrinthen herauszufinden und ausschließlich darauf zu vertrauen, dass irgendwann irgendjemand sich seiner erbarmt, allerdings lästerlich. Entsprechend gab und gibt es keine "Blaupausen" oder "Lehrbeispiele".

    • o_O
    • 29.04.2009 um 22:58 Uhr

    Ich muss ehrlich gestehen, die letzten beiden Sätze irritieren mich.

    "... Denn keiner weiß, wie lange die Absatzflaute noch anhält."

    Wenn die Automobilbranche tatsächlich der Meinung sein sollte, es handele sich "nur" um eine Absatzflaute, die letztendlich durch die Finanzkrise heraufbeschworen wurde, war der Knall offensichtlich noch nicht laut genug. Es hat sich bereits im Vorfeld etwas entwickelt, was ich mal als "Bewusstseinsveränderung" der Autofahrer bzw. der Kunden bezeichnen möchte. Die Finanzkrise fungiert derzeit lediglich als Verstärker und von daher kann man eigentlich nur hoffen, dass die Absatzflaute nicht nur aufgrund des anziehenden Absatzes irgendwann endet, sondern dass die Absatzflaute deswegen endet, weil die Automobilbranche aufgewacht ist und von veralteten Konzepten abgerückt ist. Wer jetzt nicht aktiv ist, wird die Zeit nach der Krise nicht lange überstehen - das ist zumindest mein Tipp.

    "... Und niemand sollte glauben, dass Rezepte, die vor der Krise erfolgreich waren, auch danach einfach wieder funktionieren werden."

    Wollen wir wetten?! An der Rezeptur wird sich bei vielen Unternehmen kaum etwas ändern. Wieso sollte man etwas ändern, was vorher Milliarden Gewinne eingefahren hat? Sicher, man wird die eigene Situation genauestens analysieren und feststellen, man war nicht schnell und nicht flexibel genug aber im Prinzip lief vorher ja nicht alles schlecht. Man wird die Krise nutzen, um sich (mal wieder) zu restrukturieren und Kosten zu reduzieren. Diese Maßnahmen dürften wie schon zuvor nach dem gleichen Schema ablaufen. Z.B. kostenintensive Bereiche werden einfach dorthin verlagert, wo man sowieso per sé billiger wird, weil standortbedingt die Kostenstruktur ganz anders aussieht etc pp.

    Aber eine "echte" Restrukturierung und damit verbundene Kostenreduzierung? Fehlanzeige...

    Wahrscheinlich wird bis zum Abschluß dieser Maßnahmen die Talsohle erreicht sein und der Absatz wieder anziehen, alle werden *plötzlich* wieder Optimismus versprühen, weil die in der Krise getroffenen Maßnahmen ja ach so toll greifen und mit dem ersten Gewinn klopfen sich alle noch übriggebliebenen Kollegen tapfer auf die Schulter, wie gut sie die Krise doch gemeistert haben.

    Bei so einer Blaupause kann man eigentlich bereits heute schon gratulieren.

    Endlich ist eine Lösung in Sicht!

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