Architektur Der Purzelraum
Ein Bauwerk, das sich drehen und kippen lässt: Im Auftrag des Modekonzerns Prada ist dem Architekten Rem Koolhaas dieses Kunststück in Seoul gelungen
Wenn man nicht alles selber macht! Als Rem Koolhaas wahrhaftig in dem Gebäude steht, das er mehr als ein Jahr lang geplant hat, da sieht er noch einiges, was ihm missfällt. Vielleicht liegt das auch daran, dass er an diesem Vormittag zum ersten Mal mit Miuccia Prada gemeinsam den Bau betritt, am Tag vor der Eröffnung. Er dirigiert: Da, die Röcke, die im hinteren Teil des Raumes aufgehängt sind, die müssen weg. Sie schneiden die Sichtachse. Und die in Folie geschweißten Stoffe da rechts – sollen die nicht anderswo hängen?
Der alles überragende Niederländer mit der zierlichen Italienerin. Zusammen stehen sie in diesem Spielzeug, das aussieht, als sei es Gott im Himmel aus der Hand geglitten und hier, im Zentrum von Seoul, auf die Erde gefallen. Es ist ihre Idee, sein Werk. Die Modedesignerin aus Mailand hat in den vergangenen 20 Jahren die Röcke geschaffen, die nun hier ausgestellt werden – der Architekt aus Rotterdam hat den Raum konstruiert: den Prada-Transformer. Ein Bauwerk, wie es zuvor noch keines gab: Es ist zusammengesetzt aus vier aus Stahl geschweißten, geometrischen Formen, die von einer weißen organischen Membran überzogen sind. Das Besondere ist: Dieser 20 Meter hohe und 180 Tonnen schwere Bau hat keine Decke, keinen Boden, keine Wände. Denn jede der Oberflächen kann Wand, Decke oder Boden sein. Der Transformer lässt sich drehen und kippen wie ein Würfel.
Bis September soll er stehen. In dieser Zeit wird er außer der Modeausstellung auch eine Vernissage, ein Filmfestival und eine Modenschau beherbergen. Und für jede Veranstaltung wird die Konstruktion in eine neue Position gedreht und gekippt.
Koolhaas sagt, an seinem neuen Werk gefalle ihm vor allem, dass es klare Formen – ein Kreis, ein Rechteck, ein Sechseck – mit einer weichen Membran verbinde. Und dass jede Fläche perfekt an ihre Bestimmung als Boden einer Ausstellungshalle oder eines Kinos oder auch als Laufsteg angepasst ist. Ein Gebäude, das nur aus Funktion besteht. »Das ist mein Statement zur Architektur unserer Zeit. Und zu der Arbeit meiner Kollegen«, sagt Koolhaas. Der zeitgenössischen Architektur wirft er vor, vor allem Embleme zu schaffen, Formbauten ohne Verstand und Sinn.
Koolhaas ist einer der größten Architekten der Gegenwart. Er hat das Rundfunkgebäude des chinesischen Staatsfernsehens geschaffen, die niederländische Botschaft in Berlin, in Hamburg baut er zurzeit das Science Center, das die Form eines stehenden Ringes hat. Die Bauten sind spektakulär. Ihr Erschaffer aber ist Purist. Sein Gesicht ist mager und der Ausdruck ernst. Sein Mittagessen nimmt er gerne im Meetingraum zu sich: eine Scheibe Vollkornbrot, eine Scheibe Rosinenbrot, Tee. Er trägt vorzugsweise schwarze Pullover, die knapp an seinem Körper sitzen und diesen hageren Mann noch etwas hagerer wirken lassen. Wenn er mit jemanden spricht, schaut er sein Gegenüber selten an. Es ist, als rede er nur mit sich selbst. Gelingt ein Blick in seine Augen, erkennt man darin eine wasserblaue Melancholie. Rem Koolhaas wirkt, als sei er allein auf der Welt. Und als möbliere er diese Welt mit Gebäuden, damit sie nicht mehr so leer ist.
Das Interesse an Konzepten jenseits des Bauens hat ihn schon früh mit Miuccia Prada in Kontakt gebracht. Seit zehn Jahren arbeiten sie zusammen. Koolhaas ist das Raumgefühl der Marke Prada. Er hat nicht nur ihre Flagship-Stores entwickelt. Im konzentrierten Schweigen von Koolhaas Rotterdamer Büro werden Ausstellungen für Prada, die Aufbauten bei Prada-Modeschauen, wird das Layout der Prada-Lookbooks entworfen. »Miuccia Prada ist eine sehr interessante Person«, sagt Koolhaas. »Ihr Interesse endet nicht bei der Mode, meines nicht bei der Architektur.«
Rem Koolhaas will mehr als Gebäude, er will Sinn. Er hat schon Bestseller geschrieben, seine Gesellschaftsbetrachtung S,M,L,XL verkaufte sich 150.000-mal. Manchmal spielt Koolhaas mit dem Gedanken, ob er es beim Schreiben hätte belassen sollen. »Als Autor schreibst du ein Buch, und das Buch wird veröffentlicht«, sagt er. »Als Architekt erarbeitest du zehn Entwürfe, und einer davon wird tatsächlich gebaut.« Aber seine Arbeit auf das zu reduzieren, was am Ende aus Stein, Beton, Glas und Membran errichtet wird, wäre für Koolhaas ohnehin viel zu wenig. Er will gesellschaftliche Ideen schaffen, die sich auf Architektur beziehen lassen – und Häuser bauen, in denen sich gesellschaftliche Ideen ausdrücken. In den zwanziger Jahren, sagt er, habe es viel mehr Austausch zwischen der Architektur und der Intelligenz gegeben als heute.
Koolhaas ist vom Wandel besessen. Dazu passt es gut, dass sein neuestes Werk, der Transformer, nach sechs Monaten wieder abgebaut wird. »Es gefällt mir, etwas zu machen, das verschwindet«, sagt er. »Es ist eine sehr begrenzte Sicht der Dinge, dass Architekten immer Gebäude für die Ewigkeit schaffen sollen.« Architektur könne heute auch nur aus Ideen bestehen. An Ideen aber fehle es oft. Räume – seien es Büros oder Einkaufszentren – würden vor allem nach den Gesichtspunkten der Wirtschaftlichkeit entworfen, sagt Koolhaas. Ihm sind Flughäfen-Terminals ein Graus, in denen die Massen durch endlose Shopping-Passagen geleitet werden, bis sie endlich zum Gate kommen. »Junk-Space« nennt er das.
Die Zeit des üppig umbauten Raumes geht nun ihrem Ende zu. Im Abschwung gibt es keine Verwendung mehr für gigantische Wolkenkratzer, für riesige Einkaufszentren. »Ich trauere dem nicht hinterher«, sagt Koolhaas, obgleich er die Rezession selbst zu spüren bekommt. Auf den größten Baustellen der Welt stehen die Kräne still – und das betrifft auch etliche Koolhaas-Projekte.
Auch Großprojekte wie der Prada-Transformer sind selten geworden. Die Modeindustrie hat sich in den Boomjahren sehr um die Pflege von Kunst und Architektur bemüht – und nun ist die Modeindustrie in der Krise. Im vergangenen Jahr hat Chanel ein mobile Ausstellungshalle von Zaha Hadid entwerfen lassen. Von Hongkong aus sollte die Ausstellung um die Welt gehen. Das Projekt wurde gestoppt. Doch Koolhaas sieht die Krise nicht als Bedrohung, sondern als Teil einer Bewegung. Der Kapitalismus westlicher Prägung sei am Ende. Was danach komme – schwere Frage. »Es wird mehr mit sozialen Gedanken zu tun haben, mehr mit Teilen, mit Nachhaltigkeit, mit Zusammenarbeit.«
Als Sozialist will er sich nicht bezeichnen, lieber als Humanist. »Das Soziale war immer in der Gesellschaft, und die Gesellschaft wird wieder zu sich zurückfinden. Das Besitztum wird nur etwas sein, das uns eine Weile abgelenkt hat.«
So erscheint der Transformer als ein Kunstwerk, das die Gesellschaft im Wandel widerspiegelt. Vieles, was heute unumstößlich scheint, wird nicht mehr lange stehen. Es wird purzeln wie der Prada-Tetraeder. Koolhaas verlässt die Szenerie, er will schwimmen gehen. Das tut er jeden Tag, egal, in welcher Stadt er sich gerade befindet. Schwimmbäder seien ihm die liebsten Orte. Dort, wo die Menschen fast nackt sind. Und alle gleich, frei von Besitztümern und Maskierungen. »So gerne würde ich einmal ein Schwimmbad bauen«, sagt er. »Schade, dass mich noch niemand gefragt hat.«
- Datum 30.04.2009 - 18:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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Und - whow! - wie toll! Architektur ist mitunter zum Staunen!
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