Als Judith Hermann 28 Jahre alt war, veröffentlichte sie den Erzählungsband Sommerhaus, später. Es ging um junge Frauen, die sich in der Feierabendstimmung des Jahrtausendendes unbehaust fühlten und sich in die Schneckenhäuser einer leeren Empfindsamkeit zurückzogen. Damals hatte Judith Hermann den Blues, in dem sich das Zeitalter erkannte.

Als Judith Hermann 33 Jahre alt war, veröffentlichte sie den Erzählungsband Nichts als Gespenster. Es ging noch immer um junge Frauen, die ihre Unbehaustheit in der Start-up-Stimmung des jungen Jahrtausends wie einen überflüssigen Koffer um die ganze Welt schleppten. Doch die leere Empfindsamkeit dieser Pausengeschöpfe hatte plötzlich ein bisschen Stipendiatengeschmack. Man wollte es nicht so grob sagen, aber plötzlich dachte man beim Lesen: Was machen diese Literaturjugendlichen eigentlich mit ihrer schönen Lebensmüdigkeit, wenn der Wecker eines Tages klingelt?

Inzwischen ist Judith Hermann 39 Jahre alt, und in ihrem neuen Erzählungsband Alice klingelt der Wecker. Das Leben, das sich bisher in der traumwandlerischen Hermann-Welt sehr höflich und zurückhaltend am Rande aufgehalten hat und die Damen allenfalls zuvorkommend und lautlos mit Ferienhäusern und Fahrkarten nach Nevada oder Tromsø versorgt hat, will plötzlich mitspielen. Und zwar – für die Meisterin der kühlen Unverbindlichkeit besonders erstaunlich – ausgerechnet in seiner furchterregendsten und schicksalhaftesten Rolle: als Tod.

Es ist ein Erzählkranz aus toten und sterbenden Männern, den Judith Hermann für unsere Krisenzeit geknüpft hat. Was insofern passend erscheint, als man die jüngste Krise ja auch als eine Männerdämmerung, als eine Krise der Männlichkeit lesen kann. Jede Erzählung ist nach einem toten Mann benannt, zu dem die Titelheldin Alice in diesem oder jenem unklaren Verhältnis gestanden hat. Micha ist der Freund einer Freundin und stirbt einen modernen Krebstod in einem Provinzkrankenhaus. Conrad ist ein väterlicher Freund und stirbt einen dem Sterben des Literaturkritikers Reinhard Baumgart nachgebildeten Überraschungstod im Krankenhaus in der Nähe seines Feriendomizils am Gardasee. Richard ist ein Freund einer anderen Freundin und stirbt den Krebstod, den Micha schon gestorben ist, in seiner Wohnung in Berlin. Malte ist der Onkel von Alice und hat sich schon vor vierzig Jahren das Leben genommen. Und Raymond, dem es, als Richard starb, noch ganz passabel ging, ist zu Beginn der letzten Erzählung auch schon tot. Wir verabschieden uns von seiner Witwe Alice beim Entsorgen seiner Kleidung.

Mit slapstickhafter Drastik hat Judith Hermann diesen Erzählungen nun also die existenziellen Bleigewichte eingenäht, die mancher in ihren schwebenden, leichtgewichtigen Geschichten der vergangenen Jahre vermisst hat. Doch sollte man diese nachgereichte Tragödialisierung nicht als eine »Kehre«, als eine Abkehr vom bewährten Stil der Ungerührtheit missverstehen. Denn Judith Hermann gelingt etwas Erstaunliches: Der Tod triumphiert nicht, wie landläufig zu erwarten wäre, über den schönen Gleichmut des Erzählens. Auch nicht über die poetische Ausgeruhtheit dieser extrem gelassenen weiblichen Überlebenden. Er verwandelt aparte Melancholie und schildkrötenhaftes Vor-sich-hin-Leben nicht in irgendeine andere, heftigere, vielleicht auch unansehnlichere Seelenregung.

Im Gegenteil. Was Judith Hermann mit diesen neuen Prosastücken beweist, ist nicht ihre überraschende Bereitschaft, sich den allergrößten Fragen des Lebens zuzuwenden und die bundesdeutsche Kleinkunstbühne der Coffeetable-Traurigkeiten zu verlassen. Sondern sie beweist die Stärke und Unerschütterlichkeit ihrer poetischen Weltdeutung, die selbst den Tod, die größte Prüfung auf der Skala aller denkbaren existenziellen Erschütterungen, an sich abperlen lässt wie einen lästigen Ferienhausvermieter. Das ist ein großes, Respekt gebietendes Projekt, das, gutwillig betrachtet, in einer Tradition steht, die von der Stoa bis zu den heiteren Todesverächtern Peter Rühmkorf und Robert Gernhardt reicht.