Ramon Llull liebte die Frauen und die satte Seite des Lebens, als er in seinem fünfunddreißigsten Jahr beschloss, von beidem zu lassen und auf dem Tafelberg von Randa eine Felsspalte zu beziehen. Manche erzählten sich später, es sei der Anblick des von Lepra zerfressenen Busens einer Edeldame gewesen, der ihn ins Eremitentum getrieben habe. Llull selbst behauptete, der Heiland am Kreuz sei ihm erschienen, während er, Ritter am Hof des Königs Jaume II., an einem Minnelied schrieb, um damit seine nächste außereheliche Eroberung in die Wege zu leiten. Fest steht, dass es der Puig de Randa war, auf den er sich zurückzog, um darüber zu sinnieren, wie auch der Rest der Welt zum Christentum zu bekehren sei, Mitte des 13. Jahrhunderts.

Wo Llull später ein Einsiedlerhaus errichten ließ, steht heute das Kloster Nostra Senyora de Cura, über den Dächern der kleinen Stadt Llucmajor im Süden Mallorcas. Im Garten kriecht am Nachmittag eine Schnecke über die steinernen Locken seines Barts, hält Kurs auf das rechte Ohr der Statue Llulls, während sich in ihrem Rücken Fahrradfahrer über die letzten von 548 Höhenmetern quälen. Mallorquinern gilt der Eremit, Autor von 27.000 Seiten Text über Philosophie, Religion und Wissenschaft, als Vater der katalanischen Sprache. Hier oben soll ihm die Erleuchtung für seine »Ars Magna« gekommen sein – die Gebrauchsanweisung für ein von Llull entwickeltes Kreisscheibensystem, mit dem alle Fragen der Welt geklärt werden sollten.

Doch ist es weniger die Hoffnung auf Eingebung, die Menschen auf die Idee bringt, länger als ein paar Ausflugsstunden auf dem Gipfel von Randa zu verweilen. Der Blick über die grüne Ebene, an deren Ende Palma wie ein Haufen weißer Muschelscherben am Meer liegt, ist zum Niederknien schön. Der Wind, der im April noch eisig durch die Piniennadeln fährt, wird unter der Sommerhitze zur willkommenen Brise. Und wenn die Sonne am Abend den Horizont gefunden hat und dem Himmel zum Abschied kupferrote Farbe in die Wolken spritzt, wird das Herz so weit, dass mancher Besucher auf der Aussichtsterrasse der Kloster-Bar vor Begeisterung applaudiert.

Die Ordensbrüder, denen das Kloster untersteht, folgten also nur dem christlichen Gebot der Nächstenliebe, als sie in den fünfziger Jahren beschlossen, einen Teil ihres Anwesens mit Gästen zu teilen. Sie sind nicht die Einzigen: Viele Klöster und Einsiedeleien der Insel bieten mittlerweile günstige Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen, einige auf einfachem Herbergsniveau, andere unter Leitung kleiner Hotelgruppen. Kein Land und keine Insel der Erde, schreibt ein unlängst erschienener Führer für Balearenpilger, könne eine vergleichbare Dichte christlicher Heiligtümer und Einsiedeleien aufweisen. Wer das Hinterland durchstreift und dabei den Blick auf die Bergspitzen richtet, stellt schnell fest, dass die alten Gemäuer der Orden wie Gipfelkreuze ringsum die besten Aussichtspunkte markieren. Aber nur in wenigen kommt man dem religiösen Ursprung so nah wie im Santuari de Cura.

Bis vor fünf Jahren führten die Brüder des Regulierten Dritten Ordens von San Francisco de Asis die Herberge in eigener Regie, Familienzimmer ohne Heizung, mit Etagenbetten, Kochnischen und Toilettenseparees. Den Roomservice übernahm der Prior selbst, er kochte den Kaffee zum Frühstück und fuhr einmal die Woche ins Tal, um die Wäsche zur Reinigung zu bringen. Als die drei letzten Brüder dann in die Jahre kamen und die Novizen ausblieben, wuchs ihnen der Betrieb über den Kopf. »Wir mussten uns die Frage stellen, ob wir der Aufgabe noch gewachsen sind und ob die Verwaltung einer wachsenden Herberge überhaupt unsere Aufgabe sein sollte«, sagt Prior Jaime Monserrat, über dessen 73 Jahre seine Stimme hinwegtäuscht, wenn sie beim Lachen zwei Oktaven in die Höhe springt.

Mit der Renovierung wurde ein einheimischer Hotelier beauftragt, der heute Herberge, Bar und Restaurant leitet. Warm wird es inzwischen überall im Kloster, alle Zimmer haben eigene Bäder, Fernseher und Internetzugang. Die Einrichtung – ein Schrank, ein Stuhl, ein Bett, ein Tisch – gibt sich gleichgültig gegenüber Stilfragen. Die Ordensbrüder kümmern sich um das Llull-Museum, den Souvenir-Shop und den Himbeerlikör aus eigener Produktion.

Wie ein schützender Winkel umschließen die beiden moderneren Herbergstrakte den historischen Klosterkomplex. Wenn man die Mönche am Morgen in ihren dunklen Kutten über den grünen Innenhof laufen sieht, fühlt man sich so angenehm aus der Zeit gefallen, dass die weiße Statue Llulls mit einem Mal gegenwärtiger wirkt als die Besucher aus der Ebene.