Martenstein Wieder eine weg

Unser Kolumnist sorgt sich um seine Verflossenen – leider etwas zu spät

Als ich jung war, liebte ich K., wegen der Formen. Ich wollte K. unbedingt haben, falls Sie verstehen. Aber ich hatte nicht genug Geld, K. war teuer in der Haltung, nichts für Typen wie mich. Seit Jahren habe ich an K. nicht mehr gedacht, und jetzt lese ich plötzlich in der Zeitung, dass K. weg ist, dahingeschieden quasi. Für eine Sekunde flammte die alte Leidenschaft wieder auf. Dann starb auch sie.

M. habe ich in meiner Kindheit gut gekannt, ich habe oft mit ihr gespielt. Mit Mädchen war sie eigentlich fast nie zusammen. Sie war so ein kleines liebes Ding. Meistens lief sie im Kreis und pfiff dazu. Als ich größer wurde, fand ich M., ehrlich gesagt, ein bisschen langweilig. Man konnte nicht wirklich mit ihr reden. Sie hat sich persönlich nicht weiterentwickelt. Aber als ich von ihrem Ende hörte, da hat’s mir schon wehgetan. Das Ende von J. war mir dagegen relativ egal. Darf man das sagen? Andere trauern. Mir ist es egal. Die gute J., mit ihrer Zuverlässigkeit, ihrer Berechenbarkeit, ihrer Solidität, klar, auf die J. konnte man sich verlassen, aber sexy war sie nicht, und ein bisschen sexy, hey, das muss schon sein. Arme J., ich hoffe, du liest dies nicht in deinem Jenseits.

R. habe ich bewundert. Ihre kühle Eleganz, glänzend und glatt, R., das Chamäleon, immer ein bisschen hochnäsig. Ich habe R. nicht geliebt, aber offenbar für unsterblich gehalten, wie man es sonst nur bei nahestehenden Menschen und bei sich selber tut. Man sagt keine Abschiedsworte, weil man denkt, sobald man sich verabschiedet, hat man kapituliert. Und dann, plötzlich: Schon gehört, R. ist jetzt auch weg. Wieder eine. Keine R. mehr.

Und Sch.? Sch. konnte Wärme geben, anders als R., Sch. war gemütlich, und praktisch, und lustig, vor allem wenn sie "mit der Zeit gehen" wollte und sich modisch aufgebrezelt hat, dabei war sie so was von hoffnungslos retro. Ich dachte, das rettet sie. Sie war so deutsch.

Bei W. bin ich oft gewesen, als ich beruflich anfing, später, als ich ein bisschen vorankam, haben wir uns voneinander entfernt. W. war immer für die kleinen Leute da. Ich war in ihren Augen wohl ein Karrierist. Die ZEIT? W. wusste wahrscheinlich gar nicht, was das ist. Etwas für feine Pinkel, etwas für Weintrinker. W. war mir sympathisch, aber zu schlicht, zu billig mit ihrer klaren Botschaft. Letztlich ging es W. doch auch ums Geld. W., jetzt gibt es dich also nicht mehr. Ich lauf durch die Innenstadt und seh dich immer noch da rumstehen und in billigen Klamotten Sparsamkeit predigen.

Und dann habe ich vor Kurzem S. kennengelernt und mich tatsächlich noch einmal verliebt. Ein bisschen. Man ist nicht mehr zwanzig. Ich kannte sie seit Jahren von ferne, und dann waren wir eben irgendwann zusammen. S. war schön, sogar noch schöner als K., elegant, gebildet, aber nicht zu kompliziert, sehr offen. Wir haben tausend Sachen zusammen gemacht, Ausflüge, Reisen, die Sonne schien, S. drehte ihre Kurven, es war einfach nett, alle Freunde und Bekannten mochten S., ich habe überhaupt nicht daran gedacht, dass es natürlich jederzeit auch S. erwischen kann. Es kann zurzeit jeden erwischen. S. ist weg, genauso wie K., warum, zum Teufel, konnte stattdessen nicht Volvo pleitegehen?

Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung stand, dass die deutschen Feuilletonisten, wegen der Wirtschaftskrise, eine neue Fertigkeit erlernen müssen, nämlich den Nachruf auf Marken. In diesem Fall: Karmann, Märklin, Junghans, Rosenthal, Schiesser, Woolworth, Saab. Sehen wir uns eines Tages wieder? Und wo?

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Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 30.04.2009 um 12:47 Uhr

    Wäre Martenstesin religiös oder tiefen- oder transgen-psychologisch interessiert, würde ich ihm diese Erzählung empfehlen:

    Rettung ob der Meldungen von den Verlusten oder aus den verlorenen Ecken und Schweinebuchten dieser Welt...?
    Was Jesus mit solchen komischen Figuren machte..? - Jedenfalls keine Gerichte, keine Gedichte, keine Glossen, sondern besessene Wichte:

    Markus 5:
    11 Es war aber dort an dem Berg eine große Herde Schweine, die weidete. 12 Und sie baten ihn und sagten: Schicke uns in die Schweine, damit wir in sie hineinfahren! 13 Und er erlaubte es ihnen. Und die unreinen Geister fuhren aus und fuhren in die Schweine, und die Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See, etwa zweitausend, und sie ertranken in dem See.

    Als tagesaktueller, aber virusfreier Hintergrund die Erzählung von der Heilung des besessenen Geraseners (als zauberhafte Lego-Figuren nachgestellt) mit Hilfe von Schweinchen, die der Prediger in den Abgrund jagen lassen):

    Von dem Kranken und den Schweinen, die in den Abgrund gejagt werden (mit süßen Lego-Figuren macht es dieser Pfarrer hier, für seine und unser alle Kinder; und da kommt es auf eine oder die andere der Vorübergegangenen (vulgo: Verflossenen) nicht an:

    http://www.kirchhoer.de/p...

    Pardauz: Es ist kein Verlaust, wenn man ihn nicht dort merkt, wo er weh tut.

    • Anonym
    • 04.05.2009 um 21:25 Uhr

    Na, kann ich hier eine unterschwellige Arroganz gegenüber dem Tod herauslesen? Aber ich verstehe die Kritik am heutigen, ungehemmten Umgang mit diesem zerbrechlichen Thema. Das leichtere Aufzählen der Verstorbenen freilich wirkt etwas resigniert und läßt wenig Hoffnung auf ein romantisches, gemeinsames (Paar)Sterben zu. Überhaupt, bin ich mir nicht mal sicher, ob wir im letzten Abschiednehmen nicht wirklich geschlechtslos werden......endlich Ruhe vorm Geschlecht!oder doch nicht?

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