Eine Frau liegt gemütlich auf dem Sofa und liest. Plötzlich dröhnt laute Musik aus dem Nebenzimmer – ihr Mann hat die Anlage schon wieder bis zum Anschlag aufgedreht. Die Frau geht zu ihm, sie schreit: »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass mich der Krach nervt, dafür darfst du heute Abend keine Sportschau gucken!« Strafe muss sein, denkt sie sich, sonst lernt der das nie.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul mag solche Geschichten. Weil sie wie Unsinn klingen, aber in Wahrheit die Wirklichkeit beschreiben. Denn wie diese Frau, meint Juul, benähmen sich zahllose erwachsene Menschen. Vielleicht nicht untereinander, aber ihren Kindern gegenüber. Weil sie glaubten, dies sei das, was man Erziehung nennt. Irrtum, sagt Juul. Erziehung bestehe darin, Kindern mit Respekt zu begegnen. Dann bekomme man auch Respekt zurück.

Jesper Juul steht im Dachgeschoss eines Seminarhauses im Norden von München. Vor ihm sitzen vierzig aufmerksame Zuhörer, Väter, Mütter und Jugendliche, die alle eines gemeinsam haben: den Streit. Etwas läuft schief zwischen diesen Eltern und ihren Kindern, und dieser gelassene 60-jährige Mann da vorn mit dem dicken Bauch und dem lustigen dänischen Akzent will ihnen helfen, das gerade zu rücken.

Seit dreißig Jahren beschäftigt sich Juul mit der Frage, wie eine Familie es miteinander aushalten kann. Und dabei womöglich auch noch glücklich wird. Seltsamerweise ist das ein Thema, das in der Öffentlichkeit weit weniger Aufmerksamkeit erfährt als etwa der Klimawandel oder die Wirtschaftskrise. Obwohl die Familie das Leben der meisten Menschen prägt wie wenig sonst. Obwohl es kaum Dinge gibt, von denen die Welt von morgen so sehr abhängt wie von dieser einen Frage: Wie gehen wir heute mit unseren Kindern um?

Juul war ursprünglich Lehrer, dabei hatte er, was in Dänemark möglich ist, ohne Abitur studiert, später wurde er Sozialarbeiter. Er arbeitete mit verhaltensauffälligen Kindern und merkte, dass das Problem nie die Kinder waren. Immer waren es die Eltern, die Familien. So wurde er Familientherapeut, und so wurde er bekannt, erst in Skandinavien, zunehmend aber auch im übrigen Europa: als Autor von Büchern wie Die kompetente Familie und Was Familien trägt , als Vortragsreisender und als Leiter von Seminaren wie diesem hier in München, bei dem es um Familien mit Jugendlichen in der Pubertät gehen soll.

Juul steht neben einer Tafel, einen Filzstift in der Hand. Er spricht langsam, hin und wieder versucht er einen Witz, sonst wirbt er nicht groß um seine Zuhörer. Als wolle er es ihnen überlassen, ob sie ihm glauben oder nicht.

Er sagt, interessant sei, dass die Erziehung der Kinder überall anders ablaufe, in jedem Land legten die Eltern andere Regeln fest. Die Dänen zum Beispiel seien der Ansicht, dass die wichtigste Mahlzeit des Tages das Frühstück sei und dass Kinder feste Bettzeiten brauchten. »Das hat man in Italien oder Spanien noch nie gehört«, sagt Juul. Trotzdem gebe es dort glückliche Familien. Und unglückliche, genau wie in Skandinavien.