Belletristik Verloren im Uliversum

Der Wortkünstler Ulrich Holbein verblüfft mit zwei weltumspannenden Nachschlagewerken

Zwei profunde Werke Holbeins liegen vor. Ein gutes Pfund wiegt die Weltverschönerung, mehr als drei Pfund das Narratorium, 640 Seiten hier, 1008 Seiten da. Wer lesen will, dem wird gegeben.

Holbein, das ist der (nach eigener Aufzählung) »Versager, Landkommunarde, Wolkenkuckuck, Zuspätromantiker, Müsli-Mysticus, Öko-Dandy, Daologe, Waldbold, Metachemiker, Metaromancier, Polysoph«. Ulrich Holbein, der 56-jährige Schriftschrat aus dem hessischen Knüll-Gebirge, der Ungeheimrat, der alles behält (in Zettelkästen), aber nichts für sich.

Wer lesen will, dem gibt er. Aber kann man das alles lesen? Holbeins substantivische, entartikelte, durchkommatierte Prosa ist so tief gestaffelt, hoch gestapelt, weit verschwafelt, dass sie mehr multidimensionales Raum-Zeit-Kompendium ist, Vielwörterbuch, denn leichtverdaulich-hippe Sonntagnachmittagslektüre. Coffeetable wäre eine Kategorie, high end allerdings: zwei Bücher zum Auf-den-Tisch-Legen bei sich und anderen; sie sehen gut aus, liegen gut in der Hand, überzeugen durch ihren Charme und versprühen Inspiration auf jeder tausendsechshundertachtundvierzigststel Seite – bis hin zur völligen Benebelung dessen, der in ihnen blättert.

Fangen wir mit dem Narratorium an, dessen hinreißender Name (wie knapp Holbein sein kann!) Narr und Narration zusammenbringt. Irre, Verrückte, Gestörte, Wahnsinnige aus 3000 Jahren und ihre heiligen, segenstiftenden, erleuchteten Gegenspieler, Mitstreiter, Nachfolger, vereint so summarisch wie fein differenziert. Meistens oder manchmal sind Gut und Böse kaum zu trennen: von Nina Hagen bis Till Eulenspiegel, von Kaspar Hauser bis Peter Handke, von Muhammad Ali bis Idi Amin, von Ludwig II. bis Rudolf Steiner, von Erich von Däniken bis Hildegard von Bingen.

Holbein würdigt streng nach Schema: Lebensdaten, Kurzbeschreibung, Vita, dann Worte von und Worte über. Nüchternes Raster, lexikalisches Prinzip, schlagen wir mal irgendwo auf:

Als Ganzes ist dieses Buch unlesbar, doch im Detail unschlagbar

»ERNST BLOCH, Wortschaum-Prophet, Dichterphilosoph, Spurenleser, Quasi-Marxist (1885–1977): Über seine Kindheit, eingezwängt in desolates Milieu zwischen Nach-Barock und BASF, Ludwigshafen und Mannheim, legte Bloch nachträglich ein magisches Licht, worin er am Mainufer Baumseelen wahrnahm und den Briefträger fragte, ob oben hinterm roten Fenster der kleine Muck wohne. Holländischen Schiffern lauschte er, die Unförmliches erzählten, tauchte in Jahrmarkt ein.«

So beginnen die vier Seiten über Bloch. Gleich danach als Vollkontrast:

»DIETER BOHLEN, Musik- und Kohlemacher, Erfolgskanone, Frauenheld, Schlager-Millionär, Pop-Titan (Baujahr 1954)«: »Er kaufte in Tötensen ein 13000-qm-Landgut. Er hatte viel Ärger mit Alarmanlagen, Versicherungen, aufgeknackten Superschlitten, falschen Freunden. Ihm schwoll auch mal der Kamm.« Dieter Bohlen über sich: »Wenn ich ’n Elefant wär, würd ich jetzt durch ’n Rüssel kotzen.« Andere über Dieter Bohlen: »Blutiges Drama im Bad – Dieter Bohlen fast entmannt! Weiter auf S. 17! (BILD, 1990)«

In diesem Stil geht’s quer durch die Kontinente und Epochen; man staunt über Holbeins Kenntnis, Chuzpe, Frivolität, seinen Urteilsschwung.

»ADOLF HITLER, Reichskanzler, Machtpimpf, Völkermörder«: »Erste geographische Kenntnisse verdankte er Karl May, den er bei Kerzenlicht mit Lupe im Mondschein las.« Hitler über Hitler: »Ich glaube blind an mein Volk.« Andere über Hitler: »Die Dienstmädchen und die Kurgäste sind gewohnt, daß ein Ansichtskartenhausierer und ein Straßenphotograph so aussieht. (Max Picard, 1946)«

Ja, man kann das Buch als Ganzes nicht lesen, weil man ganz verwirrt wird, aber kaum schlägt man es auf, liest man sich fest. Kommt vom antiken »Tempelschreiber« Laozi zur amerikanischen »Masturbationspäpstin« Betty Dodson, vom »Nervenbündel« Petra Kelly zum »Networker« Osama bin Laden.

Andererseits, wie praktisch: Ein Buch, das sich selber portioniert! Nach einer halben Stunde legt man es glücklich und erschöpft zur Seite, bis zum nächsten Mal.

Spielverderber fragen: Was das denn soll? Die Frage muss offenbleiben. Das (auch zum Widerspruch) Reizende bei Holbein ist sein Balancieren zwischen enzyklopädischer Struktur und hemmungsloser Subjektivität. Das Narratorium handelt von allem, was uns umgibt, und dann doch nur von seinem Autor, der alles weiß und wendet. Holbein ist der Mittelpunkt seiner Welt wie seines Werkes, an Selbstunterschätzung leidet er nicht. Unter dem Pseudonym Uliversum Unwiederholbein widmet er sich sechs Seiten in seinem Atlas – Franz Kafka hat fünf, Adolf Hitler drei.

Insofern ist das Narratorium auch eine Zumutung. Es lässt sich weder ernst nehmen noch als Ulk abtun. Für einen Witz ist es viel zu lang, für ein Nachschlagewerk zu subversiv. Als faszinierter Leser mag man gar nicht daran denken, wie viel Arbeit dies war und wer alles dieses Buch nun aus guten Gründen nicht kauft – und so etwas Außerordentliches verpasst.

Demgegenüber Werk Numero zwo, die Weltverschönerung. Das ist streng nach vorn gerichtet, ratgeberartig, geradezu epileptisch der Frage folgend: Was kann man tun? Zum Beispiel sich umtaufen! Holbein streut auf halber Strecke ein 28 Seiten langes Plädoyer für Namensfreiheit ein.

Der Leser kann nur lachen oder in Deckung gehen

»In achtzig Jahren ändert sich an jedem Namensträger alles, Outfit, Gesicht, Gewicht, Bezahnung, Haardichte, sogar Zellstruktur – des Menschen Name aber thront unwandelbar in wechselnden Reisepässen, als Fels im Geröll.«

Stimmt!

»Jeder darf Beruf, Wäsche, Partner und Partei frei wählen und wechseln, sogar seine Nase korrigieren lassen, falls er an ihr leidet, oder sein Geschlecht, falls er sich in ihm nicht mehr so recht zu Hause fühlt. Gefällt mir aber mein Name nicht mehr, muß ich ihn behalten. Meerschweinchen und Wellensittich darf ich taufen und umtaufen, wie ich will, nur mich selber nicht! Das Recht auf Namensfreiheit wird vom Gesetzgeber unbeugsam verwehrt, auch im Zeitalter der Korrekturtaste.«

Und dann legt er los mit Leuten »namens Bauernfeind, Gumplmayr, Hasskerl, Penner, Pleitgen, Schwätzer, Krieg«, mit »Matz und Motz«, mit »Ferdinand Hodler, Manfred Sack und Hans Eichel«, mit »Frau Kräupl-Mohammed, Frau Dr. Margret Funke-Schmitt-Rink (FDP)« und der »Asia-Food-Verkäuferin Yang-Soon Dieckmeyer-Kang«.

Schließlich wird Holbein einsilbig und lässt Namen prasseln wie Noten im Crescendo: »Wie kann man nur Kunz heißen, und Jauch, Dall, Horx, Pöhl, Seibt, Rumpf, Walch, Gauck, Schalck, Rust, Moog, Glotz, Black!«

In solchem Stakkato ist er ganz bei sich. Raus, raus, raus, raus mit den Brocken, ra-ta-ta-ta-tat, wie im Comicstrip; das Ziel seiner Prosa ist die Salve. Mögen die Leser lachen oder in Deckung gehen.

Was bietet die Weltverschönerung noch? Wollustpflege (»Weck den Bonobo in dir!«), Schöne Künste (»Warum ich Bücher nach Farben sortiere«), vorletzte Fragen (»Sind Pflanzen die besseren Lebewesen?«). Unter Zukunftserwartung versteht der Autor auch »Sterbebettfreuden« und stellt ausführliche Betrachtungen über sein eigenes Ableben an. Nach hinreichender Spekulation über das passende Letzte Wort geht’s dann aber noch achtzig Seiten weiter. Typisch Holbein!

 
Leser-Kommentare
    • keox
    • 04.05.2009 um 12:45 Uhr
    1. Nun,

    für nicht völlig TV-domestizierte sicherlich eine Fundgrube.

    Apropos Domestos...

  1. ... ist es wohl nie zu früh noch zu spät. Man freue sich also, dass Holbein sich die wahnsinnige Mühe gemacht hat uns seinen Wahnsinn näher zu bringen.

    Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wahnsinn ist nur für den tragisch, der ihn nicht richtig ausleben kann und für den, der ihn nicht versteht.

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