Sachbuch Hinaus, immer nur hinaus

Vielseitig? Allseitig! Alexander von Humboldt und Charles Darwin reisen um die Welt

Was ist der Ort der Wissenschaft? Der Schreibtisch? Das Labor? Was ist der Raum der Wissenschaft? Der Himmel? Die Erde? Die Welt? Was ist die Zeit der Wissenschaft? Die Naturgeschichte? Die Kulturgeschichte? Was ist der Anfang der Wissenschaft? Der Zweifel? Die Beobachtung? Das Messen und Vermessen? Das Experiment? Der Anfang ist die Reise. Die Forschungsreise!

Auf die beiden größten Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, Alexander von Humboldt und Charles Darwin, trifft dieser Satz zu. Beide sind nicht nur Forschungs-, sondern auch Reisegenies. Beide brechen als noch relativ junge Männer, Humboldt mit 29, Darwin mit 22 Jahren, zu einer fünfjährigen Forschungsreise auf, die bei Humboldt die drei Amerikas, bei Darwin gleich die ganze Welt umfasst. Wären beide gleichzeitig, nicht in einem Abstand von drei Jahrzehnten unterwegs gewesen, Humboldt von 1799 bis 1804, Darwin von 1831 bis 1836, so hätten sie sich auf Teneriffa, in Lima und Callao begegnen können und, das ist keine Frage, ihre Forschungsergebnisse großzügig ausgetauscht. Trotz einer Begegnung 1837, bei der Humboldt die Erwartungen Darwins »an den großen Mann« etwas enttäuschte, weil er ihm zu viel redete, haben beide einander hoch geschätzt. Humboldt konnte Darwins Ursprung der Arten noch nicht kennen. Aber er hat Darwins »pittoreske« Reisebeschreibungen und seine »wichtigen« Überlegungen zur »Verteilung der organischen Typen« gelobt. Für ihn blieben freilich der Weltreisende, Aufklärer, Revolutionär und Schriftsteller Georg Forster und die gemeinsame Reise mit ihm 1790 nach London und Paris die prägende Erfahrung.

Darwin: »Ich bewunderte Humboldt, jetzt bete ich ihn an«

Darwin wiederum hat Teile von Humboldts amerikanischem Reisewerk, das er schon als Student exzerpiert hatte, auf der Beagle mit sich geführt: Reisen heißt Lesen – Lesen Reisen. In seinem Reisetagebuch gedenkt Darwin dankbar der »lebendigen Beschreibungen« des berühmten Vorgängers, »die an Verdienst alles übrige bei weitem übertreffen, was ich gelesen habe«; sie haben seine »Ideen« inspiriert. Als er zum ersten Mal einen tropischen Urwald sieht, notiert er: »Ich bewunderte früher Humboldt, jetzt bete ich ihn beinahe an; er allein gibt einen Begriff von den Empfindungen, welche in der Seele erregt werden beim ersten Betreten der Tropen.«

Für Humboldt wie Darwin ist das Zeitalter der Entdeckungs-, Eroberungs-, Bereicherungs- und Missionierungsreisen vorbei. Jetzt geht es darum, die Welt den Wissenschaften zu erschließen. Fremde Welten sind das, was zu erklären und zu verstehen, nicht aber, was auszubeuten ist. Wenn Humboldt vor allem in Südamerika gerne als »zweiter Kolumbus« bezeichnet wird, so vergisst man darüber, dass am 16. Juli 1799 ein Anti-Kolumbus im venezolanischen Cumaná landet, bei dem nach dem sarkastischen Wort Lichtenbergs »der Amerikaner« anders als bei Kolumbus keine »böse Entdeckung« zu fürchten hat. Wo Kolumbus sofort das Kreuz aufpflanzt, steckt Humboldt in einer symbolischen Kontrastszene sondersgleichen ein Thermometer in den Sand. Er will dem Kontinent die Temperatur fühlen.

Humboldt wie Darwin vereinen Forscherdrang und Reiselust (der von der Seekrankheit gepeinigte Darwin Letztere nicht ganz so wie Humboldt), ein nomadisches Temperament mit der wissenschaftsobligaten Sesshaftigkeit und, nie zu vergessen!, dem Fleiß. Beide sind leidenschaftliche Beobachter und Sammler, von unendlicher wissenschaftlicher Neugier bestimmt, aber vorsichtig, geradezu bedächtig, skeptisch, selbstkritisch, wenn es um die Bildung ihrer Theorien geht. Eine im Handstreich betriebene Wissenschaft ist ihnen zuwider. Ihre Reisen sind Entdeckungen der Langsamkeit. Beide werten ihre Reisen ein Leben lang aus.

Beide sind ökonomisch und geistig unabhängig genug, um bedingungslos den Wissenschaften zu leben, zu deren Pionieren sie werden. Beide schreiben das scheinbar festgefügte Bild der Schöpfung, das durch den christlichen Kreationismus bestimmt ist, zu einem beweglichen, dynamischen Bild der Natur um. Beide verzeitlichen, vergeschichtlichen die Natur. Die lange Reiseerfahrung des Raumes führt in die Tiefe einer sich stetig verändernden Zeit.

Beide verbinden ihre Welterfahrung mit einem gewandelten Blick auf den Menschen. Sie sind konzessionslose Gegner der Sklaverei. Und: Wer global reisen will, ist gleichsam von Natur aus Kosmopolit. Reisefreiheit setzt Menschenfreiheit voraus. Grenzen und Kriege versperren die Welt.

In ihren Prämissen und Ergebnissen freilich weichen beide voneinander ab. Unterschiedlich sind sie schon in ihrem geselligen Charakter. Humboldt ist die Weltläufigkeit in Person, alles Gerede von »Deutschheit«, auch das seines Bruders Wilhelm, ist ihm ein Gräuel, während Darwin ein britischer Landgentleman bleibt.

Die Wissenschaft des Goethe-Verehrers und -Freundes Humboldt ist nichts Geringeres als die Wissenschaft von allem. Er ist nicht bloß vielseitig – er ist allseitig. Er gründet keine Akademie – er ist eine. Während Darwin dem von der Aufklärung radikalisierten Empirismus der britischen Tradition folgt, artikuliert Humboldt ein sich philosophisch, interkulturell, planetarisch, kosmisch fortschreitend erweiterndes »Weltbewusstsein«. »Geognosie«, »Erderkenntnis« ist der philosophische Name dafür. Überall ist er zu Hause. Alles will er erfassen: ein neuer Faust, der nicht in seiner »gotischen« Gelehrtenstube bleibt.

In allen Disziplinen ragt er heraus, buchstäblich keine zwischen Himmel und Erde, die er nicht bedeutend erweitert, wenn er sie nicht wie beispielsweise die physische Geografie der Pflanzen oder die ökologische Landschafts-, die vergleichende Klimaforschung überhaupt erst initiiert. Anders als bei Darwin knüpft sich zwar nicht der Name einer einzelnen großen Entdeckung an ihn. Aber er revolutioniert das Verhältnis der Einzelwissenschaften, indem er sie, detailversessen, aber nicht detailverloren, reisend, forschend und schreibend anders betreibt. Von einer Trennung zwischen Natur- und Geistes-, Kulturwissenschaften will er nichts wissen. Er ist die lebendige Widerlegung der Mär von den »zwei Kulturen«. Im komplementären Geist Goethes bleibt er vielmehr mit der Idee eines »Zusammenwirkens aller Kräfte« einem »Ganzen« verpflichtet, das Himmel und Erde, Mensch und Natur, Inneres und Äußeres, Seele und Stoff, Lebendiges und das höchst wirkkräftige »Tote« umfasst. Darwin hingegen gibt sich schon im Titel seiner Reise um die Welt prononciert als »Naturalist« zu erkennen. Humboldt glaubt noch an die Harmonie des »Kosmos«, während sich für Darwin das Naturreich der Arten aus der Geschichte ihrer Überlebenskämpfe bildet. Das »survival of the fittest« impliziert den Untergang all jener Verlierer der Naturgeschichte, die »unfit for the survival« sind. Nur: Die Verlierer sieht man nicht.

Humboldt stirbt 1859 in dem epochalen Moment, in dem Darwin sein Buch der Bücher über die Entstehung der Arten publiziert. Doch Humboldt hat es mit seinen fast neunzig Jahren zu einem noch längeren Leben als Darwin gebracht. Welch ein glücklicher Zufall, dass das Darwin-Jahr zugleich ein Alexander-von-Humboldt-Jahr ist.

Die Literatur, die jetzt nach einem ersten großen Humboldt-Projekt des Eichborn Verlags 2004 in der Anderen Bibliothek zum Humboldt-Jubiläum erschienen ist, bringt es zwar nicht zu der inflationären Überfülle des Darwin-Jahrs. Aber sie ist umso bemerkenswerter, als sie die historische, auch die mögliche aktuelle Rolle Humboldts umschreibt. Zwei editorische Großprojekte sorgen überdies dafür, dass das unüberschaubare Riesenwerk Humboldts zugänglicher wird.

Das Hauptverdienst an den neuen Humboldt-Projekten hat wie schon bei dem ersten der Potsdamer Romanist Ottmar Ette. Die schönste, ohne Umschweife: spektakuläre Neuerscheinung des Humboldt-Jahres ist Ettes Neuausgabe (nach 170 Jahren!) jenes entdeckungsgeschichtlichen, kartografischen und nautisch-astronomischen Meisterwerkes, mit dem Humboldt 1834 bis 1838 sein amerikanisches Reisewerk abschließt: Die Entdeckung der Neuen Welt, mit dem korrekten Originaltitel die Kritische Untersuchung zur historischen Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der Neuen Welt und den Fortschritten der nautischen Astronomie im 15. und 16. Jahrhundert. In der zweibändigen Edition erscheint das Werk jetzt erstmals wieder zusammen mit dem zugehörigen Atlas und vor allem dem »unsichtbaren Atlas« der von Humboldt aufgeführten und analysierten Karten, einem wahren Mysterium, einem Wunderwerk von Buch. »Kartenwerke bilden so etwas wie das geheime Psychogramm Humboldts, Topografien des Fernwehs« (O. Ette). Seine Leidenschaft ist die »Kartophilie«. Bücher sind – auch – Informationsmedien. Aber diese Bücher schaut man an, wie man manchmal die Welt anschaut: bewundernd.

Das zweite editorische Großprojekt ist das seit Humboldts Lebzeiten ebenfalls nicht mehr veröffentlichte, jetzt von Oliver Lubrich neu herausgegebene Reisewerk Zentral-Asien, der Bericht Humboldts über die meist vernachlässigte achtmonatige Reise, die der 60-Jährige 1829 nach Russland und Sibirien über den Ural und den Altai bis an die mongolische Grenze unternommen hat. Diese späte Reise, so weit gespannt auch sie ist, hat zwar nicht die Bedeutung der ersten. Von der zaristischen Administration durchorganisiert, ähnelt sie eher einer monströsen Pauschalreise. Humboldt steht unter Zensur. Er muss sich auf die »tote« Natur beschränken und die malträtierte lebendige beiseite lassen, auch alles Politische und Soziale, zumal die Leibeigenschaft. Aber Humboldt entwirft hier mit seinen geologischen und vergleichenden klimatologischen Untersuchungen der menschlichen Einflüsse auf die Natur erstmals ein geowissenschaftlich vernetztes Bild des Ökosystems der Erde.

Ette zieht die Summe aller Reisen in seiner wissenschaftstheoretisch und terminologisch anspruchsvollen Monografie Alexander von Humboldt und die Globalisierung. Mit Nachdruck, ja, Emphase wird hier das Bild Humboldts als des »letzten Universalgelehrten« verabschiedet, das als historisch gewordenes Auslaufmodell lange Zeit die Rezeption geprägt hat. Ette porträtiert seinen Helden, für den das Reisen Lebensform wie Wissenschaftsprinzip ist, als Pionier einer »transarealen« und »transdisziplinären« Wissenschaft, die das neue Paradigma einer weltweiten Wechselwirkung etabliert. Das Reisen wie die Wissenschaften kommen darin überein, dass sie plurale Räume, Zeiten, Länder, Geschichten, Naturen, Kulturen durchqueren. So wird Humboldt für Ette der Vordenker einer neuen, »multipolaren« Globalität in weltbürgerlicher Absicht.

Mit Ette geht freilich auch öfters die Sprache eines Enthusiasmus durch, der in einer neuen Art von »transdisziplinärer«, »transmedialer« und »transarealer« Transzendenz das höchste wissenschaftliche Gut findet. Das Gegenbild liefert eine etwas humorlos geratene Polemik gegen die »Kehlmannisierung« Humboldts, die aus ihm einen schlichten Weltvermesser gemacht habe, tauglich allenfalls für die Gelehrtensatire. Nun ja, auch ein Weltbestseller muss nicht ganz auf der Höhe eines Humboldtschen »Weltbewusstseins« sein. Ette folgt dagegen einem rigiden Komplexitätsgebot, das den Lesern seines Buches auch noch eine »transversale«, vor- und zurückspringende Lektüre abverlangt. Reise und Forschung werden als »Mobile« begriffen. Ein »Mobile« sollen auf den Spuren Humboldts auch Autor, Buch und Leser sein.

Da wird man zur Abwechslung nicht ungern auf die lineare historische Reisereportage von Werner Biermann zurückgreifen, die mit den selten herangezogenen Arbeitsjournalen und Tagebüchern Humboldts anschaulich von seiner amerikanischen Reise erzählt. Biermann ist selber Humboldts Reisewegen gefolgt. Die ganze Biografie, belegt mit Humboldts Selbstzeugnissen und erläutert mit kommentierenden Zwischentexten, nimmt Frank Holl in den Blick, Kurator einer Ausstellungsreihe zu Humboldt und Organisator eines Humboldt-Symposions in Berlin in diesem Frühsommer. Der Rückgriff auf die oft unbekannten Erstfassungen der Zeugnisse gibt dem Band eine schöne Lebendigkeit und Authentizität.

Je weiter Humboldt wegfuhr, umso gesünder fühlte er sich

In einem kommen alle Biografen überein: Anders als bei einem weiteren Jubilar dieses Jahres, Claude Lévi-Strauss, sind es keine »traurigen Tropen«, denen Humboldt begegnet, sondern glückliche. Nicht dass er blind wäre für das Leid, das Unmenschliche der Sklaverei wie das in der Natur. Auch an Gefahren und Strapazen hat es ihm selber auf seinen Reisen wahrhaftig nicht gefehlt. Aber das Erstaunliche geschieht: Humboldt, von früh auf ein kränkliches, nach seinen eigenen Worten im väterlichen Haus »gemißhandeltes Kind«, wird in dem Maße gesund, wie er sich von seiner »Heimat« entfernt. Er reist und forscht sich gesund. Nicht ein einziges Mal hat er auf seiner amerikanischen Reise unter Heimweh gelitten. Auf seiner asiatischen Reise hingegen ist er deswegen weniger glücklich und weniger gesund, weil es ihm am Ungeplanten, an veritablen Strapazen fehlt und eine perfekte Organisation ihm das Reiseabenteuer nimmt. Erst hier fühlt er sich alt.

Als Reisender und Forschender hat er seine Identität gefunden, eine mobil bleibende, offene Identität. Der Reichtum, die Unabsehbarkeit der Welt, die Unabschließbarkeit der Wissenschaften haben ihn, auch hier ein anderer Faust, wie bei seinem Ersteigungsversuch des Chimborazo davor bewahrt, jemals an ein letztes Ziel zu kommen.

Was ist das Ende der Wissenschaft? Das Ende gibt es nicht. Ende wie Anfang ist die Reise. Die Forschungsreise.

 
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