Porträt Der Seemann

Thilo Sarrazin, der strenge Sanierer von Berlin, lüftet zum Abschied aus der Politik sein Geheimnis: Seine wichtigen Entscheidungen hat er einsam an einem See getroffen

Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin© Arno Burgi dpa/Bildfunk

Vor Jahren hatte er den Sacrower See erwähnt. Er gehe oft um ihn herum, zu jeder Jahreszeit. Der See, südwestlich Berlins gelegen, erinnere ihn an Finnland, an nordische Landschaften, an östliche – Stimmungen, die er mag. Er ist pünktlich. Rasch noch bequemere Schuhe an, die schwarzen Senatorenhalbschuhe kommen in den Kofferraum, es geht los.

Ein Vorfrühlingstag, der Wald fast durchsichtig, aber schon ganz erfüllt von erregtem Vogelgeschrei. Erstaunlich, kein Mensch sonst geht um den See. Zu Mauerzeiten lag er im Grenzgebiet, das ist nun zwanzig Jahre her. Lange genug, sollte man meinen, um diesen stillen, schönen Waldsee mit seinen so gut wie unbebauten Ufern zu entdecken.

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»Da merkt man«, sagt Thilo Sarrazin, mehr zu sich selbst, »wie lange es dauert, bis die Berliner lernen. Trampelpfade von Menschen ändern sich doch nur langsam.« Und man denkt, das ist nun wieder Sarrazin pur, die Lust am Analysieren. Und die Lust des Fechters: Ausfallschritt vorwärts – und Stich. Und Berlin jault wieder auf, getroffen.

Was ist es nur mit ihm und dieser Stadt, dass er sie immer wieder stechen muss? Er würde das übrigens bestreiten, in seiner Sicht hat er nur die Gewohnheit, ab und zu ein paar kühle Wahrheiten zu sagen.

Sarrazin und Berlin, das waren, höflich gesagt, sieben spannende Jahre. Was ein wenig auch für Berlin spricht: Einen wie ihn muss man ertragen können. Das Sarrazinsche Sparregime, dessen Unausweichlichkeit er den Berlinern immer wieder bis zum Überdruss vorrechnete – er hat, könnte man sagen, Widerstand einfach niedergerechnet –, war auch ein mentales, ein Umerziehungsregime. Beides lastete auf Berlin und seiner linken Regierung, deren Finanzsenator er in diesen mageren Jahren war.

Und als sei das nicht genug, salzte er nach: Es fielen die Worte vom Pullover, den man als Sozialhilfeempfänger überziehen möge, um Heizkosten zu sparen. Die notorischen Sarrazinschen »Sprüche« gegen »die Schwächsten der Gesellschaft«, wie es dann anderntags in der Partei und in den Medien hieß.

Warum tut er das? Was ist es mit Sarrazin und der Politik, die er nun verlässt, um in Frankfurt am Main Bundesbank-Vorstand zu werden? Und was ist es mit der Liebe zum Sacrower See, zu diesen östlichen Landschaften – wovon lebt dieser kühle Rechner eigentlich? Die Ausweitung der Frage ist legitim. Wer sich traut, sich so unbeliebt zu machen, mit so offenbarer Lust, in dem muss etwas pochen, das stärker ist als alle parteipolitische, opportune Vernunft.

Auf dem zweistündigen Weg um den See dreht sich das Gespräch um zwei zentrale Lebenserfahrungen: die Bilanz seiner Zeit in der Politik und seine Herkunft mütterlicherseits aus ostelbischem Landadel, von einem pommerschen Gutshof. Von den Eltern spricht er mit Wärme und Respekt. Das sind alles andere als abgelegte Geschichten aus östlicher Vorzeit.

»Meine Eltern gingen immer sonntagmorgens nach dem Frühstück in den Wald, ich lief immer mit. Und irgendwie habe ich heute noch das Bedürfnis, sonntagmorgens einen schönen Wald zu sehen. Das sind einfach Dinge, die bleiben.«

Leser-Kommentare
  1. »Da merkt man«, sagt Thilo Sarrazin, mehr zu sich selbst, »wie lange es dauert, bis die Berliner lernen. Trampelpfade von Menschen ändern sich doch nur langsam.« Und man denkt, das ist nun wieder Sarrazin pur, [...] Und Berlin jault wieder auf, getroffen.

    »Meine Eltern gingen immer sonntagmorgens nach dem Frühstück in den Wald, ich lief immer mit. Und irgendwie habe ich heute noch das Bedürfnis, sonntagmorgens einen schönen Wald zu sehen. Das sind einfach Dinge, die bleiben.«

    Es ist doch eine echte Gnade, wenn man blind für die eigenen Widersprüche ist.

  2. (entfernt. Bitte verzichten Sie auf Gewaltverherrlichung. Die Redaktion/jk)

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