Porträt Der SeemannSeite 5/5
Der Fall scheint klar. Ausgeprägtes Geschichtsdenken, ästhetische Urteilslust. Skepsis gegen Systeme, hohe Wertschätzung handelnder Personen an der Macht; schließlich Mentalität als Kategorie – ja, man würde meinen, in dem Spaziergänger einem klassischen Konservativen begegnet zu sein.
Na und? Hatte die SPD nicht einmal mehr Leute von seiner Art und weniger Beauftragte für Zeitgeistfragen? Könnte es nicht sein, dass auch sie – und nicht nur die CDU – ein Konservatismusproblem hat? Er jedenfalls hat es nicht.
Ist Thilo Sarrazin eine Fontane-Figur? Kann man ihn sich in einem Roman vorstellen – ein ostelbischer Landadeliger, wie er aus der Hauptstadt heimkommt auf sein Gut, und dann steht er mit seinen Gutsbesitzerfreunden im Saal, und einer fragt: »Na, Sarrazin, Neues aus Berlin?« Und er antwortet: »Heiße Luft. Sie lassen jetzt Heißluftballons steigen im Tiergarten.« Heiteres Kopfschütteln. Dann sagt einer: »Nicht eine einzige Rübenernte brächten die mir anständig ein.« Gelächter. Gläserklirren.
Es ist dieses Unbeeindrucktsein von Berlin, von dem ganzen Getue und Partygezwitscher, das ihn auszeichnet. Aber nicht aus provinziellem Ressentiment, sondern aus aktengestützter, autonom denkender Überlegenheit. Das unterscheidet ihn, und das bringt ihn immer wieder in die Rolle des Provokateurs.
Großstädte sind Diven, sie müssen theatralisch sein. Es tut ihnen aber ganz gut, wenn sie Zuschauer haben, die das Theater durchschauen. Zu Fontanes Zeit, als Berlin Hauptstadt eines Landes namens Preußen war und nicht ein Ufo irgendwo im Osten, war es umgeben von Weiten aus Skepsis und Spott, von der Ironie des altpreußischen Adels gegen die neureiche Hauptstadt. Irgendwie ist es Thilo Sarrazin, dem Sohn pommerscher Gutsbesitzer, gelungen, diese Quelle anzuzapfen. Wahrscheinlich gehört dazu nur etwas Liebe zur eigenen Herkunft.
Nun also Frankfurt. Die Bundesbank ist eine diskrete Anstalt. Wird Sarrazin nun schweigen? Das kann man sich nicht vorstellen. Das Ende des Weges naht, rasch eine letzte Prognose: Wie wird die Welt nach der Krise aussehen?
»Aus der Konjunkturkrise kommen wir raus, es weiß nur keiner, ob nächstes Jahr oder erst 2011. Die Chinesen sagen jetzt: Wir brauchen eine andere Leitwährung, das ist völlig richtig, es kann nicht mehr der Dollar sein. Die Amerikaner müssen von der Position als wirtschaftliche Weltmacht Abschied nehmen, sie werden zu einer starken Regionalmacht. Der ›kaukasische Block‹, Nordamerika, Europa, vielleicht noch Russland, wird in der Welt in eine Minderheitenposition kommen und muss sich stärker zusammenschließen. Vielleicht wird Europa mal zu einer großen Schweiz, das wäre gar nicht so schlecht.«
Eine allerletzte Frage: Was schriebe er Berlin zum Abschied ins Gästebuch?
»Denke nicht, dass du der Nabel der Welt bist, denn das macht faul und träge.«
- Datum 01.10.2009 - 17:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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»Da merkt man«, sagt Thilo Sarrazin, mehr zu sich selbst, »wie lange es dauert, bis die Berliner lernen. Trampelpfade von Menschen ändern sich doch nur langsam.« Und man denkt, das ist nun wieder Sarrazin pur, [...] Und Berlin jault wieder auf, getroffen.
»Meine Eltern gingen immer sonntagmorgens nach dem Frühstück in den Wald, ich lief immer mit. Und irgendwie habe ich heute noch das Bedürfnis, sonntagmorgens einen schönen Wald zu sehen. Das sind einfach Dinge, die bleiben.«
Es ist doch eine echte Gnade, wenn man blind für die eigenen Widersprüche ist.
(entfernt. Bitte verzichten Sie auf Gewaltverherrlichung. Die Redaktion/jk)
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