Spielen Lebensgeschichte
»Sie ist groß, gertenschlank und hat dichtes, kurzes, braunes Haar. Ihr Gesicht wirkt ungewöhnlich zart, sie hat graue Augen, die fast immer nachdenklich und ermattet wirken, aber von der fröhlichsten Art sein können, und ihre blendend weißen Zähne machen ihr Lachen zu dem schönsten, das ich je sah.« In ihr sah es anders aus: »Mein jetziges Leben ist nicht besser als Selbstmord«, hatte sie zum Jahreswechsel geschrieben. Sie war jetzt über 30 Jahre alt und zutiefst unzufrieden. Schon als Kind hatte sie das Gefühl gehabt, anders zu sein. Mit 17 Jahren wusste sie, was sie wollte, traute sich aber jahrelang nicht, es zu äußern – zu Recht, wie sich zeigte: In der Familie brach ein Aufstand los, als sie wieder einmal einen Heiratsantrag abgelehnt hatte und damit herausgerückt war, welchen Beruf sie ausüben wollte. Sie empfand nämlich tiefen Widerwillen gegen das Sonntagsleben einer höheren Tochter. Sie war hochintelligent, ihr Vater hatte sie in seine gelehrten Liebhabereien eingeführt, und ein Vetter hatte ihr die Geheimnisse der Mathematik näher gebracht. Auch er wollte sie heiraten. Sie aber hatte mehrmals die Stimme Gottes vernommen, der sie in seinen Dienst rief. Da ihr verwehrt wurde, das zu tun, was ihrem Leben Sinn geben sollte, eignete sie sich theoretisch alles an, was es darüber zu wissen gab.
Zwei Jahre nach ihrem lebensüberdrüssigen Tagebucheintrag kam ihre Stunde: Sie erhielt den Brief eines Regierungsmitglieds, eines Bekannten der Familie, mit dem Vorschlag, ihre Kenntnisse in einem weit entfernten Land praktisch umzusetzen: »Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der dazu imstande wäre.« Über die Zustände, in denen sich ihre Landsleute dort befanden, waren erschreckende Nachrichten an die Öffentlichkeit gedrungen. Unverzüglich stellte sie einen Einsatztrupp zusammen und reiste ab. Fast zwei Jahre lang kämpfte sie Tag und Nacht unter menschenunwürdigen Bedingungen gegen Dummheit, Schmutz, Krankheiten und »alles Schlechte auf einmal«. Als sie zurückkehrte, war sie berühmt. Sie aber brannte nur darauf, die Verhältnisse zu ändern, mit denen sie es zu tun bekommen hatte: »Ich bin in einem Zustand chronischer Wut!« So bereitete sie ihre Erfahrungen auf und nutzte ihre mathematischen Kenntnisse, um Zusammenhänge anschaulich zu machen. Von höchster Stelle wurde sie nach ihren Ansichten und um Rat gefragt, aber für den Umgang mit Behörden war sie zu aufbrausend. Ihre Arbeiten galten als bahnbrechend, umgesetzt wurden sie allenfalls schleppend. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie im Kampf gegen behördliche Ignoranz und Trägheit. Unentwegt nahm sie sich Missstände vor, erarbeitete mithilfe der Mathematik faktische Begründungen für ihre Reformvorschläge. Immer wieder verzweifelte sie. Mit 52 Jahren war sie überzeugt, ihr Leben sei bald zu Ende. »In diesem Jahr hänge ich alles an den Nagel«, schrieb sie. Sie zog sich immer mehr zurück, die letzten 20 Jahre verbrachte sie kränkelnd im Schlafzimmer, bis sie in biblischem Alter still verlosch. Wer war's?
Wolfgang Müller
Lösung aus Nr. 18:
Grace Kelly (1929–1982) war eine Tochter des dreifachen Olympia-Goldmedaillengewinners Jack Kelly, ihr Onkel war der Schriftsteller George E. Kelly. A. Hitchcock machte sie in den fünfziger Jahren mit Filmen wie »Bei Anruf Mord« und »Über den Dächern von Nizza« zum Star. 1956 heiratete sie Rainier III. und wurde zur Fürstin Gracia Patricia von Monaco
- Datum 27.04.2009 - 12:36 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2009 Nr. 19
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