Sri Lanka Krieg dem Volk

Sri Lankas Rebellen sind am Ende. Sie verschanzen sich hinter Zivilisten, die Regierung lässt feuern

Die Flucht aus der Kampfzone ist ihnen gelungen – sie haben ein Auffanglager im Norden des Landes erreicht

Die Flucht aus der Kampfzone ist ihnen gelungen – sie haben ein Auffanglager im Norden des Landes erreicht

Der Krieg geht an einem Strand zu Ende. Das passt zu diesem Land, Hölle und Paradies lagen in Sri Lanka immer dicht beieinander.

Eingekesselt von der Armee, haben sich die letzten tamilischen Rebellen auf einem winzigen Küstenstreifen im Nordosten des Landes verschanzt. Anfang dieser Woche hielten sie noch mehrere Zehntausende völlig erschöpfte Zivilisten als menschliche Schutzschilde fest. Augenzeugen beschreiben Artilleriebeschuss der Armee auf alles, was sich bewegt. Sie berichten von zerfetzten Kinderleichen, von Menschen, die seit Wochen in Erdlöchern hausen, von Rebellen, die auf fliehende Zivilisten schießen.

Die Kämpfer der Liberation Tigers for Tamil Eelam (LTTE) hatten am Wochenende einen einseitigen Waffenstillstand verkündet, die Armee wollte ihrerseits auf schwere Geschütze und Luftangriffe verzichten. Solche Nachrichten sind mit Vorsicht zu genießen in einem Krieg, bei dem beide Kampfparteien geschickte Propaganda und immer brutalere Gewalt gegen die Zivilbevölkerung anwenden. Einen perversen Wettkampf nennt das die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Spät, zu spät, so scheint es, hat sich die internationale Staatengemeinschaft zu Protesten gegen dieses mörderische Finale aufgerafft, dem allein seit Januar mehr als 4000 Menschen zum Opfer gefallen sind, weit mehr als im gleichen Zeitraum in Afghanistan und Pakistan zusammen. Wo ein Staat so eklatant die eigene Bevölkerung einem Massensterben aussetzt, sollte die internationale Gemeinschaft nach dem Prinzip der Schutzverantwortung, der responsibility to protect , eingreifen. Nicht militärisch, das wäre im Fall Sri Lanka aberwitzig, wohl aber mit diplomatischen und politischen Mitteln. Doch viel mehr als »tiefe Besorgnis« und Appelle zur Waffenruhe hat der UN-Sicherheitsrat bislang nicht zum Ausdruck gebracht. Russland und China betrachten den Fall Sri Lanka als dessen innere Angelegenheit. Für die westlichen Nationen sind erstens keine strategischen Interessen bedroht, zweitens sehen viele in diesem Konflikt extremer Hardliner keinen diplomatischen Spielraum, solange nicht eine Seite militärisch vernichtet ist. Das wird die LTTE in Kürze sein.

Ein Vierteljahrhundert lang dauert dieser Krieg, mindestens 70.000 Menschen sind gestorben, davon fast die Hälfte in den vergangenen zwei Jahren. Ihm zugrunde liegt ein Gemisch aus vergiftetem kolonialem Erbe, Nationalismus und militärischem Größenwahn, wie man es auch aus Ruanda, Bosnien oder Kenia kennt. Die britische Kolonialmacht hinterließ 1948 ein multiethnisches und multireligiöses Land, dessen tamilische Minderheit sie gegenüber der singalesischen Mehrheit gezielt bevorzugt hatte. Ethnischer Nationalismus ist seither ein probates Mittel der Politik und der Religion. Der buddhistische Klerus der Singalesen predigt nicht etwa Gewaltfreiheit, sondern aggressiven Chauvinismus gegen die hinduistischen Tamilen.

Deren Tragik aber symbolisiert genau jener Mann, der sich seit fast drei Jahrzehnten den Kampf für sein Volk auf die Fahne schreibt. Velupillai Prabhakaran, Führer der Tamil Tigers, hatte aus der LTTE eine der erfolgreichsten und brutalsten Rebellengruppen gemacht. Er ließ potenzielle Konkurrenten vertreiben oder ermorden. Die Zwangsrekrutierung von Kindern garantierte ihm volle Kasernen, der Geldfluss aus der tamilischen Diaspora in Indien, Nordamerika und Europa volle Kassen. Von palästinensischen Terroristen kopierte die LTTE die Taktik der Selbstmordattentate. Auf ihr Konto gehen Morde an einem sri-lankischen Präsidenten, Attentate auf Minister, Militärs und unzählige Zivilisten. Noch bis vor Kurzem kontrollierten die »Tigers« fast ein Drittel des Landes, doch die Weichen für ihren Niedergang waren da bereits gestellt.

Prabhakaran gilt als Mann, für den der Krieg zum Selbstzweck geworden ist. Das mag erklären, warum die LTTE-Führungskader nach der Zeitenwende vom 11. September 2001 nicht begriffen, dass sie weltweit nun als Terrortruppe galten, nicht mehr als Bewegung für einen unabhängigen tamilischen Staat. Ein wirkungsvoller politischer Flügel, eine tamilische Sinn Féin, kam nie zum Zuge. Seinen schwersten Irrtum beging Prabhakaran, als er 2005 die Tamilen in den LTTE-Gebieten zum Wahlboykott aufrief. Die Wahlen gewann Mahinda Rajapaksa, einst ein moderater singalesischer Anwalt, nun ein nationalistischer Hardliner, der sich zusammen mit seinem Bruder als Verteidigungsminister die Vernichtung der Tamil Tigers zum Ziel gesetzt hat und dabei sämtliche ausländische »Einmischung« ablehnt.

Denn die Welt war zeitweise durchaus bereit, sich einzumischen. Indien entsandte Ende der achtziger Jahre eine Friedenstruppe. Die norwegische Regierung vermittelte 2002 ein Waffenstillstandsabkommen, die UN drängten Anfang 2005 auf Friedensverhandlungen, als das Land unter dem Schock des verheerenden Tsunamis stand. Jeder Vorstoß scheiterte: Die Inder zogen nach blutigen Kämpfen mit den Tamil Tigers wieder ab, ihr Premierminister Rajiv Gandhi wurde 1991 von einer tamilischen Selbstmordattentäterin getötet. Das norwegische Abkommen hielt nur wenige Jahre. Und die Hoffnung, eine Naturkatastrophe könnte einen Krieg beenden, mündete in einen neuen Konflikt um Hilfsgelder für die Tsunami-Opfer.

Regierungschef Rajapaksa hat bei seiner Kriegspolitik nicht nur vom Fanatismus seines Gegners, sondern auch von der neuen globalen Unübersichtlichkeit profitiert. Westlichem Druck, so er erfolgte, konnte er ausweichen. Längst ist China wirtschaftlich präsent, Iran liefert Öl, Libyen bietet Kredit, Pakistan und sogar das eigentlich tamilenfreundliche Indien sorgen für Waffen.

Die Frage ist nun: Was kommt nach dem absehbaren Ende der »Tigers« und ihres Führers, der sich angeblich mit einer Zyankalikapsel um den Hals am Strand verbunkert hat? Inzwischen ist Zehntausenden Tamilen die Flucht aus dieser Hölle gelungen. Sie sollen mehrere Monate in Auffanglagern bleiben und, so behauptet die Regierung, dann in ihre Dörfer zurückkehren, wenn die Region entmint ist. Hilfsorganisationen vermuten aber, dass ein Großteil der tamilischen Bevölkerung in »Wehrdörfern« angesiedelt werden soll, unter dauerhafter Kontrolle der Armee. Selbst wenn sich Präsident Rajapaksa vom Kriegsherrn zum Versöhner aufschwingen sollte, bleibt unklar, mit wem und mit welchen Mitteln er einen Neuanfang versuchen will. Sein Land ist nicht zuletzt durch den Krieg fast bankrott, die singalesische politische Elite gilt als notorisch korrupt, Armee und Polizei lassen in den von der LTTE befreiten Tamilengebieten regelmäßig Menschen »verschwinden« und terrorisieren in den Städten kritische Bürgerrechtler, Anwälte und Journalisten.

»Die Wunden dieses Krieges werden ewige Narben und eine Diaspora hinterlassen, die noch mehr von Bitterkeit und Hass erfüllt ist«, schrieb Lasantha Wickrematunge, singalesischer Herausgeber der Zeitung The Sunday Leader, die zahlreiche Korruptionsskandale aufgedeckt hat. »Ein Problem, das einer politischen Lösung zugänglich gewesen wäre, wird nun für alle Ewigkeit neue Konflikte stiften.« Den Artikel fand man kurz nach Wickrematunges Ermordung am 8. Januar. Er hatte sich selbst einen Nachruf geschrieben und seinem Land eine düstere Prognose.

 
Leser-Kommentare
  1. Und bedrückend, wenn man bedenkt, dass man selber bei Konflikten wie in Afghanistan oder Irak immer ein weltanschauliches bzw. anti-religiöses Argument noch nachzuschieben hat, wieso es gerechtfertigt ist und wieso man weitermachen muss.

    Ach was, unsinnige Grübelei, so lange wir nicht die eigenen Knocken ins Gemetzel schmeißen müssen, können wir unsere freiheitlichen Überzeugungen ruhig hochhalten, wäre ja noch schöner.

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